Zwölf Zehner – März 2014

09.04.2014
Willkommen im April. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat März musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Todd Terje
It´s Album Time
Olsen • 2014 • ab 21.99€
Todd Terje hat keine Schmerzgrenze. Egal ob beim Editieren oder Produzieren, wo Käse liegt, piekst Terje gerne nicht nur rein um Oliven oder Trauben abzustauben, im Gegenteil, er stopft sich den ganzen Mund voll mit Molke. Und das kann er, weil er Skandinavier ist, einer der versatilsten DJs der Gegenwart obendrein und überhaupt ein gänzlich unbemühter Sympathieträger. Nun covert er gemeinsam mit Bryan Ferry, den er zuvor ausgiebig geremixt hatte, einen alten Robert Palmer Gassenhauer und das eigentlich perfide daran ist, dass Terjes Cover mehr Powerballade ist als das Original. Mit einer beneidenswerten Hingabe an Kuschelrock-Tropen packt Terje direkt Wind Of Change Schnippser auf unglaublich seicht-duselnde Piano-Akkorde und die zahmsten Arpeggi seit dem Baywatch-Theme. Wie gesagt: das ist unglaublich drüber, aber auch so konsequent in seiner Kalten Kriegs-Ästhetik, dass man stets darauf wartet wie Michael Dudikoff gleich eine Jeansjacke vollblutet.

Todd Terjes & Bryan Ferrys »Johnny and Mary« auf Soundcloud anhören

Floating Points erinnert mich ja manchmal an den jungen Roger Federer. Offensichtlich mit einem ungeheuren Talent gesegnet, schien der Engländer sich in letzter Zeit zunehmend zu verlaufen. Man wurde den Eindruck nicht los, dass er sich zu sehr selbst unter Druck setzte mit Mitte 20 der britische Theo Parrish zu werden, seinen DJ Sets ging in ihrem Eklektizismus manchmal die Luft aus, wenn er produzierte, dann in erster Linie Jazz, nicht als Referenz, sondern explizit und manchmal schon mit diesem professoralen Gusto. Auch »King Bromeliad« ist Jazz, natürlich. Anders als in der Ensemble-Konstellation aber nutzt Floating Points hier für Eglo das unglaubliche Groove-Potential von Jazz für einen dieser mäandernden Trademark-Tunes, die so nur er kann. Verbindlich wie Arp3, aber auch mit der Beschwingtheit von Vacuum Boogie, aber mehr Jazz, mehr Detroit, mehr Theo. Mehr Federer 2006.

Floating Points’ »King Bromeliad« auf Soundcloud anhören

Sky Ferreira muss wirklich sein, oder?_ – Onkel O’s verzweifelte Nachfrage mag generell begründet sein, aber wie Cid Rim aus »You’re Not The One« die nervöse Version von You Got The Love macht, inklusive ganz fieser Timestretcherei und Vocalgehäcksel, das ist dann schon hittig. Und bestätigt wieder mal, dass die unterbewerteste Hitformel der letzten Jahre tatsächlich irgendwas mit Harfen zu tun hat. Verrückt, ey.

Sky Ferreiras »You’re Not The One (Cid Rim Remix) « auf Soundcloud anhören

Freddie Gibbs & Madlib
Pinata
Madlib Invazion • 2014 • ab 29.99€
Also damit das klar ist: Cocaine Pinata ist Madlibs inspirierteste Platte dieses Jahrzehnts und Freddie Gibbs wird in den nächsten Jahren immer wieder an dem Versuch scheitern ein besseres Album aufzunehmen als dieses hier. Da kann man sich fragen warum wir nun ausgerechnet einen der alten Tracks des Projekts hier prominent platzieren, obwohl das Album im Minutentakt die Bedürfnispyramide quasi jedes Rap-Fans befriedigt. Weil »Shame« einer dieser Beats ist, den man einmal hört und nie wieder los wird. Weil wir das vor einem Jahr noch nicht wussten. Weil wir ein schlechtes Gewissen haben. Und weil ich mir mittlerweile sicher bin, dass die Uh-Uh-Uh-Uhs tatsächlich direkt von Engeln eingesungen wurden. Mit Flügeln und allem.

Freed Gibbs und Madlibs »Shame« auf Soundcloud anhören

Jay Daniel
Karmatic Equations
Wild Oats • 2014 • ab 28.99€
Es gibt sie also noch. Diese Tracks, die sich nur im Club-Kontext entfalten. »Lenoix« ist so einer. Seit Dixons Essential Mix in aller Munde, hier am Schreibtisch aber allenfalls biederes Verwalten der Innervisions-Formel. Alles wird geduldig aufgebaut, Marcus Worgull hat dieses Wild Pitch Ding damals ja selbst noch mitgekriegt, das definierte Ziel ist die Peaktime, aber bei Innervisions stolpert man nicht shitfaced in selbige, man hat Weißwein bestellt und bisher erfolgreich vermieden von seiner Umwelt mit Discoschorle übergossen worden zu sein. Und weil distinguiertes Raven auch immer diesen Break braucht, der mindestens 20 Sekunden zu lang ist, bevor Bassline und Synth-Line nach 5 Minuten endlich auch ihre Hemmungen vergessen haben, ist das gemeinsam mit Peter Pardeike produzierte Lenoix zuhause auch so leicht zu durchschauen. Aber wehe, wehe, all das findet auf einmal in einem Ehrenfelder Areal statt, das bald einem städtischen Parkplatz weichen soll. Sodom und Gomorrha, erzählt man sich.

JMarcus Worgulls & Peter Pardeikes »Lenoix« auf Soundcloud anhören

Ein kalifornischer Rapper, der auf mit einer überproduzierten Beat Marke Westküstendisco irgendwo zwischen Zapp, Rick James und Nate Dogg seinen zehn Verflossenen ein Denkmal setzt. Wahrscheinlich waren es sogar mehr, aber offenbar haben nur Michelle, Camille, Portia, Pam, Kelly, Mia, Olivia, Tiff, Donna und deren Mutter bei 100s bleibenden Eindruck hinterlassen. Nur den besten natürlich, lediglich Camille hatte Probleme mit ihren Zähnen. »Ten Freaky Hoes« macht dermaßen Spaß, ist herrlich infantil, süßlich und vor allem hemmungslos sleazy (there’s no German word for that), die Leute gucken schon, wenn man in der Straßenbahn mitsingt. Irgendwie will man nicht wahrhaben, dass man in der KVB aber nicht im tiefergelegten Caddy sitzt. Immerhin scheint beim verlassen des U-Bahn-Tunnels die Sonne. Dass so etwas bei Fools Gold erscheint, war eh klar, oder?

100s »Ten Freaky Hoes« auf Soundcloud anhören

Gibt es eigentlich Gemeinsamkeiten zwischen Detroit und Moskau? Musikalisch eher weniger, aber beide Murder Capital. Das hat Gesloten Cirkel, quasi Moskaus Finest, quasi die bessere Nina Kraviz, quasi aber auch männlich, auch erkannt und das neue Album gleich nach dieser einen Gemeinsamkeit benannt. Aussagewert: Gleich null, ist mir aber aufgefallen. Denn das titellose »Feat Liette«, das sich tatsächlich nach der hier gefeatureten Sängerin benennt, klingt weniger nach Moskau noch Detroit, viel eher würde ich es in Berlin oder einer anderen Großstadt verorten, die über eine florierende Technolandschaft verfügt. Mächtig im Sound, mit drückenden repetitiven Synths und wie dafür gemacht, auf einer Funktion One-Anlage die Grenzen des Möglichen zu erforschen. So weit, so gut. Die wahre Stärke des Stücks liegt aber in der machinell unterkühlten Stimme der Narratorin, die dieser wild mäandrieren 303-Schleife eine gewisse Cold-Wave-Ästhetik verleiht.

Gesloten Cirkels »Feat Liette« auf Soundcloud anhören

King Thelonius. So heißt der eigentliche Star hier. Während Smoke DZA ganz weit zurückgelehnt GV mit GFs hat und dazu Shorts trägt die irgendwie wie Knickerbockers aussehen, aber dann auch wieder doch nicht und Cam’ron im Halbschlaf seinen angetackerten Vers ungeheuer dreist wegnuschelt, streichelt uns dieser King Thelonious mit einem großzügig gechoppten Vocal-Sample direkt die Seele, in Zeitlupe und ein bißchen so wie 9th Wonder, wenn er 2006 einen guten Tag erwischte. Renaissance-Scheiß, wenn dann bitte so.

Smoke DZAs und Cam’rons »Ghost of Dipset« auf Soundcloud anhören

Hissman
The Ultimate Degradation EP
Hardmoon • 2014 • ab 10.99€
Dieser Hissman. Erste EP, gleich vier Killer. Eigentlich hätte jeder der vier Tracks seiner Ultimate Degradation EP hier Platz finden können. Alle so roh und energetisch im Sounddesign, das parkt irgendwo gleich neben einem anderen Favoriten dieser Kolumne, den wir jetzt lange nichts mehr gehört haben: der Raw Interpreter. Überhaupt dieser Referenzrahmen, dessen ich mich jetzt hier bemächtigen werde, weil mir die Worte fehlen, mit dem ich »Nobody’s Talking« beschreiben könnte. Funktional gerade wie eine Paranoid London Platte, die die Zeitreise ins New York der Spätachtziger angetreten hat, um mit Todd Terry und den Jungle Brothers im Winter auf Kneipentour zu gehen. Hip House Flavour, baby, bringt es da ein Youtubekommentierender passend auf den Punkt. Dann kommt auch noch diese Bassline und sie legt sich so warm um die Bauch, um Schultern, das fühlt sich gut an, das fühlt sich dann an wie der Hot Dog nach der Zechtour, und Todd zahlt auch noch die Rechnung. Nochmal: Killer!

Hissmans »Nobody’s Talking« auf Youtube anhören

Dieser Chicago Damn wieder. Kam wohlmöglich gerade von Tour, irgendwo in Neuseeland oder Australien und hat sich da die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Viellicht wars auch Brasilien. Kaum angekommen in England, angekommen zuhause, siehe da, es regnet, und alles was an die schönen Tage erinnert, tristet das Dasein rechts unten im Fach, da wo die Brasil Crates immer stehen. Sample rein, der hypnotische Groove kommt per Wiederholung je Vierteltakt da schon von ganz alleine. Dazu ein paar offbeat Glocken, auch die Bongos müssen sein, aber sind wir mal ehrlich: it’s all about Fanfaren. Fanfaren gehen immer, Fanfaren müssen sein! It’s a »beautiful day«, und schon ist Sommer.

Chicago Damns »Beautiful Day« auf youtube anhören