Zwölf Zehner – Oktober 2013

06.11.2013
Willkommen im November. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Oktober musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Der Paul ist ja nun nicht der erste, der in letzter Zeit mit Nostalgie-Posse-Cuts Versöhnungsangebote an die Nörgler machte, man denke nur an Max The Voice Herre, aber Sido treibt diesen Plan auf die Spitze. Klar, MoTrip muss bei sowas immer dabei sein, weil der mit seiner Eleganz auch die ganzen RAG-Fans von damals beschwichtigt kriegt, nachdem sie sich durch die Tumbheiten von Manny Marc und Frauenarzt quälen mussten, aber dass Sido 2013 tatsächlich Smudo, diesen einen von Fettes Brot und Moses Pelham auf einen Track packt, das ist schon irgendwo grundsympathisch. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass Smudo sich immer noch nicht traut Penis zu sagen und immer noch Sachen reimt, für die sich andere beim Dichten für Goldene Hochzeiten schon schämen würden. Moses hingegen klingt so raumfüllend und – Achtung YOLO-Vokabular – bosshaft, dass man über deren damalige Auseinandersetzung noch mehr lachen muss als ohnehin schon. Ach ja, dann ist da ja noch ein gewohnt ehrgeiziger Eko, die wiedermal großartig flowenden Lakman und Banjo, die bedrohlichste Bushido-Strophe seit Bordstein, Laas’ referenzielle Streber-Strophe und der konsequent in üblicher B-Tight-Manier unterwältigende Schluss. Dazwischen kauft Tarek seiner Dame noch eine Burka von Rocawear und Sido macht sich Sorgen um seine grauen Haare. »30/11/80« hat Längen, unfreiwillige Komik, ist null stringent und trotzdem als Pulsmesser für deutschen Rap ein unglaubliches Dokument. Und gerade wenn man diese Einsicht hat, stolpert auf einmal der Green Eyed Bandit rein und grüßt uns mit einem dreifachen Ho. Surreal.

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Endlich, endlich, finally! Was habe ich auf diesen Track gewartet, so dass dieser endlich auf Vinyl veröffentlicht wird. Nun gut, das Digitalrelease geht in diesem Monat vor, ehe Camp Inc‘s The Land dann im Januar auch auf 12inch zu haben sein wird. Ich freue mich dennoch wie Holle. Damals nämlich, vor zwei Jahren ungefähr, hörte ich diesen Track zum ersten Mal bei einem DJ Set von Camp Inc im Kölner Gebäude 9 und war vom Fleck weg begeistert wie irritiert. Was zum Teufel war das, das in dieser grandiosen Art und Weise mit seinen stotternden 707-Gedonnner und dieser humorvollen Bassline zur Hochzeit von Acid und Italo ansetzte und selbst von Adonis’ Überklassiker »No Way Back«, das auf diesen Track folgte, nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Das war einer dieser Momente. Wenige Tage später wurde ich auf Soundcloud fündig, erfuhr, dass das stück gar selbst von Camp Inc stammt und auf den Projektnamen »Deutschland Gotta Disco« hört. Welch ein Name, welch ein Statement. Soviel dazu. Jetzt ist sie da. Zugeben, durch die Namensänderung zu »The Land« geht dem Stück etwas an Charme verloren. Deutschland braucht immer noch Disco. Dank Leuten wie Camp Inc. schaue ich aber optimistisch in die Zukunft.

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Ach, wat schön, noch so eine Migos-Hook, dieses Mal aber gebettet auf einen Beat, der ein bißchen so klingt, als hätte Zaytoven 40s Backups heimlich auf einen USB-Stick gezogen und für einen schmierigen Stripclub in Atlanta aufgeplustert. Dazu nuschelt sich Johnny Sinco durch fantastisch lieblose Verse, in denen ‘Gattis, Benzes und der ganze andere eskapistische Scheiß abgehakt werden, um dann mit einem unglaublich am Takt vorbeigekackten, inhaltlich schwer postmodernen Chorus dieser ganzen Farce die Krone aufzusetzen. Das kann man jetzt wieder als Untergang des Abendlandes zu Tode intellektualisieren oder aber sich überlegen wie man diese Hook in politisch verträglicher Form in seinen Alltag integrieren kann als minimal-pigmentiertes Wohlstandskind.

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Nicht dass das nicht eh schon jeder wüsste, aber Finnen sind wunderbare Menschen, ausnahmslos, immer. Und dieser Jaako Eino Kalevi sowieso. Auf einem Sidelabel von Domino wird er eine tolle Platte veröffentlichen, er trägt Rollkragenpullis mit Mittelscheitel und schafft es auf »No End« nicht nur die unaufdringlichste Saxophon-Hook des Jahrtausends zu schreiben, sondern auch, dass ich mir wünsche, dass dieses verdammte Keyboard-Solo gen Ende noch fünf Minuten länger dauert. Dazwischen harmonisiert Jaako (Finnen muss man immer duzen) mit Saud Khalifa und alles ist so schön schluffi-träumerisch, aber dennoch arschfunky. Es tut ein bißchen weh, aber Kindness: du wurdest ersetzt.

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Zwanzig Jahre nach Doggystyle propagiert Snoop nicht lediglich eine G-Funk-Era, nein, im Jahre 2013 findet er diese wieder. Tatsache. Schuld daran, oder zum Glück dafür verantwortlich ist Stones-Throw’s-Chef-Funkateer Dâm-Funk, der Snoop für das gemeinsame Projekt gewinnen konnte. Dass die beiden sich gut verstehen und nicht nur digitale Spuren hin- und herschicken, davon zeugen hübsch dokumentierte Treffen bei Instagram Davon zeugt noch mehr das purpurne »Faden Away«, in dem Snoop sich von einem kristallinen P-Funk Marke George Clinton ähhh Dâm-Funk tragen lässt und mit seiner nonchalanten Stimmlage wenige Zeilen äusserst galant nach aussen trägt. In seinen eigenen Worten, me and Dâm-Funk, we capture the funk. Co-Sign. Gemeinsames Album ist geplant, hoffentlich kann Snoop darauf noch die Antwort liefern, wie die leicht grotesk anmutende Frage Can You smell me? zu verstehen ist, die auf »Faden Away« zwischen den Zeilen fällt. Ich warte gespannt.

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Policy
Postscript
100% Silk • 2013 • ab 9.79€
Policy gehen für 100% Silk komplett Nüsse und cutten so rotzig wie lange nicht einen allürenfreien Jazzfunk-House-Tune zusammen, inklusive angedeuteter Fanfaren-Euphorie, UK-Pitchshifting und Breakbeats, die sich Amanda Brown vermutlich jedes Mal vertraglich zusichert. Fürs Finale macht das Duo dann die Claps noch schön laut und wir haben endlich (nach 2013er Internet-Maßstäben) wieder einen richtigen Hit auf Silk.

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Robert Bergman wirds nicht registrieren, aber sofern er das hier mitbekommt, kann er lesen, dass er auf seiner ersten Platte den großen Danny Wolfers aka Legowelt in den Schatten stellt. Dieser bestreitet nämlich die A-Seite einer Splitsingle, derer B-Seite wir uns hier widmen. Bergman’s »Volg de Vink« ist ein brachiales MPC-Monster, das das rohe ungefilterte Drumkit samt seiner töricht einfachen Bassline ungeniert in den Grenzbereich schleudert, ehe ein kurzgelooptes Orgelsample unaufhaltsam den Klimax ansteuert. Das ist so, wie soll ich sagen, das is so funkinevenmäßig, das hat der Promotext schon gut erkannt. Und hier sind wir ganz Fanboy. Von Legowelt auch, das nur am Rande erwähnt.

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Und heute gönnst du dir mal was und bist auf Shopping Tour? Wow! Schöne Fossil-Uhr! Zeilen wie diese tragen im Deutsch-Rap-Unterhaltungsmonat Oktober zu köstlichen Amüsementmomenten auf unseren Seiten bei. Den Summer Cem, den haben wir ohnehin gern. Der guckt nicht immer so bierernst, wenn er behauptet, dass er mit einem neuen Bugatti vorfährt, dass man meinen könnte, der gehörte tatsächlich ihm. »Neue Bugatti« heißt auch Summer Cems neue dadaistische Großtat, die sich durch ein debil verfremdetes Stimmsample auszeichnet, das durchgehend die neue Bugatti propagiert. Derart debil, kaum verständlich, orientalisch angehaucht setzt das Sample an Stellen ein, die passen oder eben nicht, dafür feiern wir unseren Summer Cem, diesen Chefcharismatiker, diesen Übermenschen mit seinem Haus auf Rädern.

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Dwntmpo kommt aus Leipzig und produziert mit Vorliebe schlammig-dubbigen Zeitlupen-Techno. Das klingt dann nach häufig nach Modern Love oder wie die Schnuppervariante von Blackest Ever Black, mit »Go Or Gogo« aber choppt sich Dwntmpo einen veritablen House-Hit zusammen, basierend auf einem – genau – House-Hit, dessen Vocals er neu zusammensetzt und über eine cleane Bassline auf unter 110 BPM entschleunigt. Auch wenn sie hier nur zweitverwertet sind: der Kollege Okraj würde an dieser Stelle nun wieder sein Plädoyer für mehr Vocals in kontemporärer elektronischer Tanzmusik starten. Recht hätte er.

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Boah, wer dachte die beiden Vereker EPs für L.I.E.S. wären schon schnörkellos gewesen, et voila: Trilogy Tapes veröffentlichen mit »Marked« einen Drumtrack mit minimaler Acid-Figur und einem Mastering, das nach überschwemmtem Keller klingt. Sechseinhalb Minuten torkelt das vor sich hin, wie eine Hieroglyphic Being Maxi mit nihilistischerem Impetus. Outsider House mag der abgedroschenste Begriff des Jahres sein, aber spätestens hierfür hätte man ihn ohnehin erfinden müssen.

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