Circuit Des Yeux

In Plain Speech

Thrill Jockey • 2015

Haley Fohr hat eine düstere und einsame Seele. Das haben wir sechs Jahre lang ganz beiläufig erfahren, denn mit uns direkt schien sie ja nicht sprechen zu wollen. Wir waren nur Beiwerk. Haley Fohr sang, spielte und produzierte ihre durch Drone-Nebelwände schlagenden Kammeropern einzig für und mit sich selbst. Dabei hing das Musikbusiness als bedrohliches Damoklesschwert über ihrem Kopf – Fohr trotzte. Ach, wie schnell sich doch alles ändern kann… Durch Teenage-Angst ausgeschabt, irrte sie als Circuit Des Yeux zunächst durch die obligatorische Coming-of-Age-Metamorphose, danach kam der Umzug vom Farmland in die Großstadt Chicago und der Wechsel zu Thrill Jockey. Bis sie nun schließlich mit »In Plain Speech« und Mitte Zwanzig am vielleicht wichtigsten Reifepunkt bisher angelangt ist. So sagt sie selbst, doch man hört es deutlich. Ab jetzt spricht sie nämlich auch mit uns: »This record is me putting out my hand and asking the world to grab it.«

Allein ist sie also nicht mehr, in mehrfacher Hinsicht. Am deutlichsten ist der personelle Zuwachs, unter anderem mit Cooper Crain von Cave und endlich (!) auch einem Schlagzeuger. Mit diesen »Soldaten« (Haley Fohr) im Hintergrund erklimmt sie bereits zu Anfang einen betörenden Höhepunkt: »Do The Dishes« schichtet galoppierende Tom-Toms und Prog-Gitarren unter bittersüße Streicher zu einer Klimax, die Wachs schmelzen lassen könnte. Doch die Stücke verlieren sich nicht selbstverliebt in der Unendlichkeit, sie sind tatsächlich um einiges ‘poppiger’ geworden. Gereift ist auch Fohrs Bariton’eske Stimme. Man fühlt sich an Antony Hegartys leidende Melancholie erinnert, die sich bisweilen in einem Diamanda-Galás-Dämonengesang aufbäumt und mit der Dringlichkeit einer Nico wieder zu Boden schlägt. Wo vorher ihr außergewöhnliches Organ die Vormachtstellung eingenommen hat, gewährt sie sich nun Zurückhaltung. Circuit Des Yeux weiß, wie Dynamik funktioniert; weiß wie man Melodrama erzeugt, und das ohne in banale Sentimentalität zu verfallen. Sie reicht uns ihre Hand, damit wir mitgerissen werden in eine Landschaft, in die wir vielleicht gar nicht wollten, die gleichermaßen majestätisch wie bedrohlich wirkt – doch aus der wir am Ende so glücklich heraustreten, wie nach einem langen, kathartischen Schluchzanfall.

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