Das kennt man mindestens seit den späten Nullerjahren: Electronic-Produzent:innen, die als DJs den Bass schön drücken lassen, möchten mit ihren Alben große Kunst erschaffen. Sam Shepherd alias Floating Points gehört rein technisch auch in diese Kategorie, weil sich die Wirkungsweise seiner DJ-Sets und 12-Inches von der seiner Alben unterscheidet. Jetzt bringt er zusammen mit dem San Francisco Ballet Orchestra mit Mere Mortals seine erste Ballettmusik heraus. Aber Floating Points darf abbiegen in die Hochkultur, ohne rot zu werden, weil bei ihm die Klangforschung auch in die funktionalen Tracks eingeschrieben ist. Spoiler: Die Ballettmusik besitzt eine andere Qualität als David Guetta meets Rondo Veneziano.
In der Handlung von Mere Mortals wird der griechische Mythos der Pandora den Auswirkungen der KI auf die heutige Gesellschaft gegenüberstellt. Die Musik erinnert in ihren melodischsten Momenten an das Spätwerk von Claude Debussy, und in den experimentellsten sind Iannis Xenakis und György Ligeti nicht weit. Das Verhältnis zwischen Orchester und Synthesizer ist ausgeglichen, aber wenn Floating Points den Ton angibt, führt das manchmal zu technoiden Eruptionen. Aber Mere Mortals ist immer dann am besten, wenn sich die elektronischen Texturen mit dem Klangkörper bis zur Unkenntlichkeit vereinen.

Mere Mortals

