Manche Platten scheinen ihrer Zeit voraus zu sein und manche warten einfach geduldig, bis die Zeit sie wieder einholt. White Morning von Fumio Miyashita gehört zur zweiten Sorte. 1989 aufgenommen und nun von Ambient Sans als Reissue wiederveröffentlicht, wirkt das Album heute erstaunlich gegenwärtig. Vielleicht sogar notwendiger als je zuvor. Denn während um uns herum alles schneller und unruhiger wird, schenkt Miyashitas Musik etwas, das häufig zu kurz kommt: Zeit.
Miyashita kam ursprünglich aus dem Progressive Rock, spielte in den Siebzigern bei Far Out und der Far East Family Band, bevor er sich zunehmend elektronischer Musik sowie Heilungs- und Meditationsmusik zuwandte. In seinem Biwa Studio entwickelte er eine Musik, die nicht nur für das Ohr gedacht war, sondern für Atmung und Bewusstsein. So auch auf White Morning. Die beiden Stücke bewegen sich mit beinahe zeitloser Langsamkeit. Sanfte Synthesizerflächen und feine akustische Klangfarben liegen nebeneinander, verschieben sich kaum merklich, tauchen und lösen sich wieder auf. Jeder Ton bekommt die Freiheit, sich auszubreiten, bevor er verblasst – wodurch die Stücke auch fast 20 Minuten lang sind. Je länger man zuhört, desto mehr verliert sich das Gefühl für die Zeit. Klitzekeine Veränderungen treten langsam hervor, ein Klang steht plötzlich länger im Raum, eine Fläche verschiebt sich kaum merklich. Die Musik fordert keine Konzentration ein, sondern lässt sie entstehen. Und vielleicht liegt darin ihre größte Stärke: dass sie nichts abverlangt, sondern einfach Zeit lässt und daran erinnert, was wir im permanenten Tempo des Alltags leicht verlieren: die Fähigkeit, zu verweilen.

White Morning