Review

Irreversible Entanglements

Protect Your Light

Impulse! • 2023

Die Weltgeschichte ist ein Kampf um ihre Deutung. Entrechtete erfahren oft eine zweite Enteignung: das Vergessen der eigenen Geschichte(n). Jene Art von kollektiver Amnesie adressieren Irreversible Entanglements. Das Modern-Creative-Ensemble erzählt von globale Verwebungen. Den roten Faden spinnt Camae Ayewa alias Noise-Rapper Moor Mother. Ihre ästhetische Blaupause hat Ayewa schon 2014 skizziert. Damals gründete die Multimedia-Künstlerin das queere Kollektiv Black Quantum Futurism mit. Inspiriert von Sci-Fi-Literatur forderte es einen afrofuturistischen Blick auf die Geschichte werfen. Zeitreisegeschichten seien Modell für das Verhältnis Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kleine Änderungen können große Konsequenzen nach sich ziehen. Darin liegt die Chance einer radikalen, also machtlosen Kunst. Diese Hoffnung durchzieht zumindest »Protect Your Light«. Mit der Stimme eines Rhetors dichtet Ayewa von Liebe, Gerechtigkeit und Vertreibung. Die Band untermauert ihre Worte mit Free Jazz der Chicagoer Schule. Komposition und Improvisation sind hier ununterscheidbar. Nicht nur klanglich erinnert »Protect Your Light« an Jamie Branch. Die Verstorbene hat mit »Root <=> Branch« sogar einen Tribute-Song bekommen. Das Album verknüpft viele Fäden. Sein Credo: »weaving past futures / and not-yet threads of a story / ending in the present / always late arriving.« Es ist eine faszinierende Webkunst, mit der Irreversible Entanglements die Welt abbilden. Der Kampf ist noch nicht entschieden.