Klassiker sind anscheinend auch im digitalen Zeitalter noch nicht obsolet. Im Kino wollen seit dem Sommer alle die Odyssee sehen, und der britische Produzent Romare lässt auf seinem fünften Album ein komplettes Goethe-Gedicht auf Deutsch vortragen. »Selige Sehnsucht« enthält die oft zitierte Wendung »Stirb und werde!« und die Zeilen »Das Lebend’ge will ich preisen, / Das nach Flammentod sich sehnet«. Ein wenig Apokalypse schimmert durch diese Worte, mit klassisch rollendem »Rrr« gesprochen, unterlegt von einem zurückgenommenen Reggae-House-Riddim. Und wie in Christopher Nolans Odyssee bekommt der Stoff bei Romare im neuen Zusammenhang etwas von einer Warnung vor drohender Vernichtung.
Manche der Titel auf Oblivion haben etwas von teilinstrumentalen R&B-Nummern, »The Need« etwa mit seinen kurzen Gesangssamples und Flötensolo im Mittelteil. Andere Stücke verlassen sich auf dezent bratzigen House-Sound mit Acid-Blubber-Zugabe, »Change« etwa. Überhaupt klingt die Musik weniger nach Collage als beim frühen Romare, auch wenn Samples durchgehend zum Einsatz kommen, vor allem als Sprachfetzen. Goethe ist übrigens nicht der einzige Dichterfürst, den Romare bemüht. In »Fearful Symmetry« verwendet er Passagen aus »The Tyger« von William Blake, dazu ein sich behutsam heranschleichender Downtempo-Groove mit einem sacht federnden Bass. Nicht alles geht bei diesem narrativen Ansatz gleich gut auf, manche Clubmusikreferenz wirkt mitunter beliebig. Doch wenn es rockt, wie in »Take Us«, dann rockt es.

Oblivion

