Mit diesem Klavierstück ging es dann richtig los. In »Für Alina« fand der estnische Komponist Arvo Pärt 1976 zu seinem Tintinnabuli-Stil, in dem er Melodietöne und Dreiklänge so kombinierte, dass sie an Glocken erinnern. Eine Oktave im Bass, darüber folgen die Melodie- und Harmonietöne, langsam, suchend, ohne erkennbares Ziel, trotzdem gesammelt. Ein in seiner ganz sich selbst genügenden scheinbaren Schlichtheit extremes Werk. Pärts Musik passte jedenfalls nicht in die Doktrin des sozialistischen Realismus, war für Minimalismus nicht repetitiv genug, und der Avantgarde konnte man mit stiller Schönheit wie dieser schon gar nicht kommen.
Auf Alina spielt der Pianist Alexander Malter die Komposition in zwei leicht unterschiedlichen Versionen, bei denen vor allem das Rubato, die Verzögerung oder Verkürzung im Tempo, variiert. Eingerahmt sind sie durch gleich drei Interpretationen von »Spiegel im Spiegel« aus dem Jahr 1978, zweimal gespielt auf Violine und Klavier, einmal auf Cello und Klavier. Der Titel ist wörtlich gemeint: Die Melodiestimme mit ihren lang gehaltenen Tönen ist ebenso in sich gespiegelt wie der Klavierpart, der mit seinen sehr ruhig kreiselnden Arpeggien wiederum die Melodie spiegelt. Wirkt fast harmlos freundlich, doch Pärts Konstruktion entwickelt trotz vermeintlicher Trägheit einen sanft gewaltsamen Sog. Man kann Magie dazu sagen. Zum 50-jährigen Jubiläum von »Für Alina« hat ECM jetzt auch eine Vinyl-Fassung der Aufnahmen veröffentlicht.
