Music Liste | verfasst 01.12.2021
Jahresrückblick 2021
Top 50 Albums
Lockdown-Limbo, dann Lockerungen – erst gar nichts, dann alles auf einmal. Dazwischen? Musik. Viele großartige Alben erschienen dieses Jahr. Das waren die 50 besten auf Schallplatte veröffentlichten Alben des Jahres 2021.
Text Kristoffer Cornils, Sebastian Hinz, Tim Caspar Boehme, Andreas Brüning, Lars Fleischmann, Benjamin Mächler, Christoph Benkeser, Fionn Birr, Björn Bischoff, Florian Aigner, Pippo Kuhzart, Stefan Mertlik, Martin Silbermann, Jens Pacholsky, Nils Schlechtriemen, Maximilian Fritz, Jana-Maria Mayer , Übersetzung Sebastian Hinz
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Dieses Jahr war ein halbes, das doppelt zählte. Kurzer Flashback: Das Jahr begann nüchtern und ernüchtert im Lockdown-Limbo, das Wetter passte sich dem an: Noch im Mai fiel Schnee, drehte uns von jenseits der Fensterscheiben eine lange Nase. Nur danach ging alles auf einen Schlag ganz schnell, füllten sich plötzlich die Bars und Restaurants wieder, begann dieses Ding namens Kulturleben dem zweiten Teil dieses Kompositums wieder gerecht zu werden. Ein Konzert nach dem nächsten, dort ein Open-Air-Rave, endlich keine Streams mehr. Und irgendwann waren selbst die Clubs wieder offen. Auch das aber ist wieder vorbei und die Perspektive ist düster. Über 100.000 Menschen sind an den Folgen einer Infektion mit diesem Virus gestorben, der anderswo in der Welt wesentlich effizienter in Schach gehalten wird, irgendwas wird also geschehen müssen, um noch mehr Opfer zu verhindern und das seit anderthalb Jahren schon lange jenseits der Belastungsgrenzen arbeitende Gesundheitssystem zu entlasten.

Es bleibt: Ja, die Musik. Sowieso. Immer. Alben wie die von Bendik Giske, Claire Rousay, Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra, Laila Sakini, Loraine James, Nala Sinephro und vielen anderen in der folgenden Liste mit den 50 Schallplatten, auf denen das Albumformat in diesem Jahr am erfolgreichsten gemeistert wurde, erkundeten Innenräume – ob nun dezidiert häusliche Settings, abstrakte Gefühlswelten, einen Hauch von Intimität in der Isolationshaft. Aber es gibt mit Blick über diese LPs auch diejenige Musik, die raus wollte. Angel Bat Dawid & Tha Brothahood, DJ Manny, Emeka Ogboh, Guedra Guedra, Haftbefehl, Joy Orbison, Lea Bertucci, Scotch Rolex – sie alle und noch mehr nahmen mit der Welt Kontakt auf, erkundeten sie musikalisch oder sperrten zumindest die Clubtür wieder sperrangelweit auf.

Das hilft, aber es reicht nicht. Denn nach zwölf Monaten bleibt noch etwas anderes über: Müdigkeit, bisweilen Wut. Müdigkeit angesichts dessen, was vielleicht die kommende Zeit erneut zu erwarten sein könnte, Müdigkeit darüber, nach einem getätigten Tanzschritt wieder zwei rückwärts springen zu müssen. Darüber, das Leben geschmeckt zu haben und es nun wieder ausspucken zu müssen. Hat hier noch jemand ein gutes Sauerteigrezept über? Hilft ja nichts. Und da wäre noch die Wut, ja. Die Wut über politische Entscheidungen oder ihr Ausbleiben, die Wut über all jene, die nach anderthalb Jahren den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben, nein, pardon, seien wir ehrlich: sich weigern, ihn anzuerkennen. So lässt sich nur schwer nach vorne blicken, weshalb wir uns erst einmal umdrehen – hinter uns liegen zwölf Monate, in denen andere neue Perspektiven geschaffen haben, und seien es auch nur musikalische. Das ist doch was. Oder? Kristoffer Cornils


DER VINYL-JAHRESRÜCKBLICK IM WEBSHOP VON HHV RECORDS.


Aboutface – °SVinyl LP AboutFace – °s (AD 93)
Kommt in der Verpackung einer 12inch ist aber, das sei vorausgeschickt, ein Longplayer. In 46 Minuten überträgt Ben Kelly als AboutFace fraktale Muster aus der Natur in die Musik. Er benutzt dazu die sogenannte Fibonacci-Folge, eine unendliche Folge natürlicher Zahlen, mit der unzählige Wachstumsfolgen in der Natur beschrieben werden können. Auch der Goldene Schnitt ist damit mathematisch berechenbar. Schwer zu sagen, wie diese Überlegungen nun ganz genau in die Struktur der mit Field Recordings, Gedichten, Überlegungen zu psychologischen Folgen der Pandemie, Rhythmus und Melodie überfrachteten Sounds von »°s« eingeflossen sind. Die Schallplatte dokumentiert aber, dass Harmonie nichts mit Symmetrie gemein haben muss. RIYL Biosphere. Sebastian Hinz
 

Alina Kalancea - ImpedanceVinyl 2LP Alina Kalancea – Impedance (Important)
Aus Italien kam in den letzten Monaten jede Menge spannender elektronische Musik von Musikerinnen, wobei diese nicht zwangsläufig Italienerinnen sind, wie die in Rumänien geborene Alina Kalancea. Sie erprobt ihre Frequenzen in einem offenen Feld, ohne habituelle Genehmigung durch Ambient- oder Drone-Konventionen einzuholen. Mit ihren Buchla-Modularsynthesizern baut sie Pulse, Rauschen, Flirren, Knirsch und Plongs in stoischen Rhythmen, die sich langsam weiterschrauben. Abenteuer, Neugier. Und Widerstand, der lohnt. Tim Caspar Boehme
 

Angel Bat Dawid & Tha Brothahood - LiveVinyl LP Angel Bat Dawid & Tha Brothahood – Live (International Anthem)
Angel Bat Dawid ist ein Geschenk für diese Welt, die ihr gegenüber nicht immer fair auftritt. Aus einer solchen Situation heraus entstand auch »Live«, aufgenommen beim JazzFest Berlin im Jahr 2019. Dawid und ihre Band Tha Brothahood gingen mit jeder Wut über institutionellen Bullshit und institutionalisierten Rassismus auf die Bühne und ließen das über zwölf Stücken heraus. Das Album schließt mehr noch mit einem vernebelten Mitschnitt einer Panel-Diskussion, in deren Rahmen Dawid all das aussprach, wovon bereits jeder Groove ihrer Musik spricht. »Live« ist ein seltenes, weil wirklich wichtiges Album. Kristoffer Cornils
 

Annea Lockwood – Becoming Air / Into The Vanishing PointVinyl LP Annea Lockwood – Becoming Air / Into The Vanishing Point (Black Truffle)
Zuletzt haben Clipping. das Werk von Annea Lockwood für sich entdeckt und das allein sagt wohl schon genug, lange aber noch nicht alles über den nachhaltigen Appeal der seit über einem halben Jahrhundert aktiven Klangkünstlerin aus. »Becoming Air/Into the Vanishing Point« versammelt zwei Kollaborationsarbeiten, die doch von Lockwoods einzigartiger, eigenwilliger Vision geprägt sind: zarte Improvisationen und harsche Drones hier, dräuender Kammermusikversatzstücke und ominöse Field Recordings dort. Überwältigend, egal in welcher Lautstärke. Kristoffer Cornils
 

Beatriz Ferreyra / Natasha Barrett – Souvenirs Cachés / InnermostVinyl LP Beatriz Ferreyra / Natasha Barrett – Souvenirs Cachés / Innermost (Persistence Of Sounds)
Die argentinische Komponistin Beatriz Ferreyra arbeitete Anfang der 1960er zusammen mit Pierre Schaeffer an der Erforschung elektroakustischer Musik. Neben einer aktuellen Komposition ist auf diesem Split-Album ein tanzbares elektroakustisches Stück aus dem Jahr 2003 zu hören. Natasha Barrett komponiert seit den 1990er Jahren akusmatische und elektroakustische Musik für Konzert, Installationen und Klangkunst. Ihr Beitrag arbeitet mit Field Recordings eines öffentlichen Outdoor-Events in Norwegen. Andreas Brüning
 

Bendik Giske - CracksVinyl LP Bendik Giske – Cracks (Smalltown Supersound)
Oh Saxophon, du Hassliebe im Instrumentarium der Popmusik, da bist du ja wieder. Wenn auch in unerhörter Form, getriezt und als Soundquelle benutzt wie sonst nur von Colin Stetson. Nur diesmal vom Norweger Bendik Giske, der die Beschaffenheit der elektronischen Musik auf dich, du 1840 erfundenes Einfachrohrblattinstrument, überträgt. Ist er so eine Art Brandt Brauer Frick für konische Schallrohre? Ist er ein Wiedergänger von Arve Henriksen, gar von Jon Hassell? Auf »Cracks« ist er 34 Minuten das alles. Sebastian Hinz
 

Bobby Would - World Wide WorldVinyl LP Bobby Would – World Wide World (Low Company)
»World Wide World« kommt musikgeschichtlich gesprochen gut anderthalb Jahrzehnte zu spät. Damals, als Woods noch cool waren und diedon VICE jede Woche einen Artikel mit dem Wort Shitgaze im Titel veröffentlichte, hätte Bobby Would mit seinem Psych-Folk-Lo-Fi-Dengel-Wave-Pop-Rock vermutlich eine Best New Music und einen Vertrag bei Sacred Bones abräumen können. Aber Would – irgendjemand aus der Berliner Intellektuello-Punkszene, Mitglied bei Diät, vermutlich ist das alles aber auch egal – hat sich Zeit und dieses Album damit für sich stehen lassen. Als ein Alleingängeralbum, das weder Ambitionen noch Allüren kennt und genau deswegen aber tief reinging: Wie ungemein beruhigend es doch ist, dass sich endlich mal jemand wenig Mühe und seinem Publikum damit sehr viel geben kann. Kristoffer Cornils
 

Bremer/McCoy – NattenBlack Vinyl LP | ● Coloured Vinyl LP Bremer/McCoy – Natten (Luaka Bop)
Am schönsten ist es doch immer noch, wenn die Rezeptionsekstase, die man beim ersten Mal empfindet, sich als konstant erweist. So geschehen hier: Wo ich bei der Original-Review konstatierte, dass die »evozierten Gefühle groß, manchmal sogar überwältigend« seien, lässt sich wenig hinzufügen. Kontinuierlich hat sich dieses virtuose Duett aus Piano/Wurlitzer/Tape Delay und Kontrabass in meine Playlist und mein (Achtung Kitsch-Alarm!) Herz gespielt. Impressionistischer Jazz-Dub-Sounds – gerne wieder! Lars Fleischmann
 

Claire Rousay - A Softer FocusVinyl LP Claire Rousay – A Softer Focus (American Dreams)
Claire Rousay ist die Überfliegerin, die aller nach Logik keine sein dürfte, weil so vieles an ihren Klangcollagen komplett bizarr und irrational ist. Was nur eben auch heißt, dass sich kaum etwas folgerichtiger in eine auf dem Kopf stehende Welt einpasste wie die Schwemme von Claire Rousay auf eben jene losgelassene Releases – neun Alben allein 2020, okaaay. »A Softer Focus« riecht streckenweise stark nach 12k-Ambient, wird aber immer wieder durch komplett sonderbare Sounds und Twists auf neuen Kurs gebracht. Mehr nach außen gekehrte Innenwelt war 2021 kaum zu haben. Kristoffer Cornils
 

Cleo Sol - MotherVinyl LP Cleo Sol – Mother (Forever Living Originals)
Cleo Sol wurde im vergangenen Jahr zum ersten Mal Mutter und hat diese besonders einprägsame Lebenserfahrung nicht für eine musikalische Pause, sondern – ganz im Gegenteil – für die Arbeit an Soloalbum Nummer zwei genutzt. Der Albumtitel »Mother«, man ahnt es, gibt das Leitmotiv der Platte dann vor. Inspiriert vom neuen Erdenbürger besingt die schönste Stimme des britischen Souls auf 12 Songs ihre emotionalen Erfahrungen als Mutter. Ehemann und Kollege Inflo sorgte für die dezent jazzige Produktion, die noch zurückhaltender und beseelter ausfiel als auf ihrem Debüt. Benjamin Mächler
 


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Conny Frischauf – Die DriftVinyl LP Conny Frischauf – Die Drift (Bureau B)
Conny Frischauf schreibt Lieder für Menschen, die sich nach dem dritten Lockdown noch spüren. Oder wieder spüren wollen. Zehn Tracks bimmeln über Pop-Pisten, kreiseln in Sprachschleifen und bohren dem Gschisti-Gschasti des Mainstreams den Corona-Test in die Nase. »Die Drift«, die Debütplatte auf Bureau B, darf einfach sein, ohne fürs TikTok-Portfolio performen zu müssen – ganz so, als würde man Bauklötze stapeln, Sand futtern oder der Corinna aus der Regenbogengruppe eine Murmelbahn bauen. Christoph Benkeser
 

Dean Blunt - Black Metal 2Vinyl LP Dean Blunt – Black Metal 2 (Rough Trade)
Dean Blunt lässt Musikschreiber immer einen Haufen Auskennerbands als Referenzen herumwerfen, was sich bei »Black Metal 2« quasi von alleine aufgedrängt hat, so viel Chamber Pop, Trip-Hop und Songwriter-Indie, wie der Londoner auf dem Nachfolger seines Klassikeralbums von 2014 da zusammengezupft und mit schläfrigem Spoken-Word-Flow über zum Beispiel Trickbetrüger kontrastiert hat. Sehr postmodern, sehr rätselhaft, sehr großartig. Vielleicht war es aber auch alles nur ein Witz? Wen kümmert’s. Fionn Birr
 

DJ Manny - Signals In My HeadVinyl LP DJ Manny – Signals In My Head (Planet µ)
Hätte auch wirklich niemand mit gerechnet, aber da war es: das Footwork-Revival von 2021. Ob allerdings Jana Rush, RP Boo oder eben DJ Manny: Die alte Garde setzte auf neue und aufregende Sounds. Auf »Signals in my Head« waren das vor allem R’n’B- und sogar D’n’B-Einschläge, die über polternde 808-Kicks gelegt wurden. Hätte ebenfalls niemand mit gerechnet: Dass das krasseste Footwork-Release eines Footwork-Revival-Jahres dermaßen eingängig ausfallen würde. DJ Manny ist und bleibt ein Champ und nächstes Jahr kommt bestimmt wieder was von Jlin. Kristoffer Cornils
 

Don Zilla – Ekizikiza MubwengulaVinyl LP Don Zilla – Ekizikiza Mubwengula (Hakuna Kulala)
Für seine scharfkantige und äußerst rhythmische Musik mischt Don Zilla aus Uganda Jungle-Beats, unheimliche Industrial Sounds, Alien-Trap und Doom-Step mit traditionellen ostafrikanischen Rhythmen zu einer speziellen komplex unfreundlichen Musik. Der Studiobetreiber aus Kampala mag mit seinen nervösen und übersteuerten Klängen an Acts wie dBridge, Emptyset oder Dreamcrusher erinnern, spielt mit »Ekizikiza Mubwengula« aber in seiner ganz eigenen Liga experimenteller Clubmusik. Andreas Brüning
 

Dry Cleaning - New Long LegBlack Vinyl LP | ● Yellow Vinyl LP Dry Cleaning – New Long (4AD)
Die Post-Punk-Platte dieses Jahres: Dry Cleaning aus London beleben mit ihrem Debüt »New Long Leg« den seit Anfangstagen halbtoten Art-Rock. Die zehn Songs zeichnen sich durch einen stabilen Groove und den Sprechgesang inklusive verwirrender Lyrics von Sängerin Florence Shaw aus. Mit jedem Durchlauf brennen sich daneben die Gitarren ein. Als hätten Sonic Youth sich mal entschlossen eine Cover-Platte mit Songs von Joy Division zu machen. Großartig für lange Nächte, in denen sich der Geist zerstreut. Björn Bischoff
 

Eli Keszler - IconsBlack Vinyl LP | ● Clear Vinyl LP Eli Keszler – Icons (Lucky Me)
Der Drummer, der wie eine esoterische Klangreise klingt, hat wieder eine Platte veröffentlicht. Eli Keszler lässt mit »Icons« nicht nur den Zimmerbrunnen plätschern, sondern versprüht den passenden Vibe. Italienische, Mandarine, schwarzer Pfeffer, ein bisschen Jasmin und im Abgang Zypresse. So riecht die Toskana. Und das bei LuckyMe erschienene Album, sofern man jenes Kerzlein entzündet, das Keszler dafür gezogen hat. Kein Spaß, das kommt in der Kombi mit Platte immer noch billiger als jedes Wellnesswochenende bei Lidl. Christoph Benkeser
 

Emeka Ogboh - Beyond The Yellow HazeVinyl LP Emeka Ogboh – Beyond The Yellow Haze (A-TON)
»Beyond the Yellow Haze« war eigentlich bereits drei Jahre alt, als es im Frühjahr über den Ostgut-Ton-Ableger A-Ton neuveröffentlicht wurde, aber trotzdem ein Segen. Der Intuitivkonzeptkünstler Emeka Ogboh ließ Field Recordings aus Lagos auf eine Interpretation Berliner Clubmusik clashen, die sich das Post-Pandemie-Rave-Business unbedingt zu Herzen nehmen sollte. Hitzefiebrig, bisweilen unheimlich und voll verschlungener Grooves, die zwischen white cube und Darkroom vermitteln. Kristoffer Cornils
 

Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra - PromisesVinyl LP Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra – Promises (Luaka Bop)
Das drittbeste an der Platte von Floating Points ist, dass sie nicht wie eine Floating Points-Platte klingt. Das zweitbeste an der neuen Floating Points-Platte ist, dass sie nicht wie eine Platte des London Symphony Orchestra klingt. Das beste an der neuen Floating Points Platte ist, dass sie durchgehend wie eine klassische Pharoah Sanders Platte klingt. Zurückhaltend und balladesk, komplett ohne Muckerallüren und stellenweise das, was ein Jazzonkel wohl mesmerizing nennen würde. Und um im Ranking-Wahnsinn zu bleiben: zweitbestes Pharoah Sanders-Erlebnis in diesem Millenium, nach dessen Konzert bei LeGuessWho 2018. Florian Aigner
 

Guedra Guedra - VexillologyVinyl LP Guedra Guedra – Vexillology (On The Corner)
Abdellah M Hassak streift sich gerne Masken über. Auf Bühnen in Casablanca. Im Boiler Room. Und für sein Album »Vexillology«, das bei On The Corner Records erschienen ist. Als Guedra Guedra bearbeitet der Marokkaner Kalimbas der Vergangenheit und beamt sie in the spirit von DJ Khalab mit einer afrofuturistischen Rhythmmachine ins Jahr 2021. Das geht dermaßen rein, dass man die Birkenstöcke sofort gegen stylische Berber-Sandalen tauschen will. Footwork für die Footworker*innen! Christoph Benkeser
 

Haftbefehl – Das Schwarze AlbumVinyl 2LP Haftbefehl – Das Schwarze Album (Urban)
Kunst, genau das ist »Das Schwarze Album« von Haftbefehl. Denn natürlich lässt sich sein sechstes eigenes Werk nicht nur als die beste deutschsprachige Rap-Platte seit langer Zeit betrachten. Lyrik, Gegenwart, Depression, Zeitgeist. Alles drin. Dazu durchweg bombastische Beats. Da fand sogar der Deutschlandfunk Kultur höchste Töne in seiner Kritik. Es ist Haftbefehls großer Kniff, dass er sich dafür nicht verändern musste. Oder wie er es selbst hier sagt: »Du weißt, dass es Haft ist.« Björn Bischoff
 


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Jac Berrocal / David French / Vincent Epplay - Exterior LuxVinyl LP Jacques Berrocal, David Fenech & Vincent Eplay – Exterior Lux (Akuphone)
Unser Chef-Kolumnist hat’s ja schon bestmöglich zugespitzt: Die Berrocal’sche Tröte gehöre für ihn zu den drei schönsten Tönen der Welt. »Exterior Lux« hat mehr Blei und Ketten am Jazz hängen als alle anderen Berrocal-Fenech-Kollabos bis dato, das Resultat ist sehr sehr lynchian, rückwärtssprechende Zwerge und Wahnsinnige in Cowboy-Stiefeln tauchen hierzu logischerweise auf. Ich habe deren Auftauchen sehr begrüßt in meinem Wohnzimmer, in diesen Zeiten. Pippo Kuhzart
 

Japanese Breakfast – JubileeBlack Vinyl LP | ● Clear&Yellow Vinyl LP | ● Clear&Turquoise Vinyl LP Japanese Breakfast – Jubilee (Dead Oceans)
All lieben Michelle Zauner und Michelle Zauner liebt alle zurück. »Jubilee« von ihrer Band Japanese Breakfast ist ein stinknormales Indie-Rock-Album mit Synth- und Funk-Einschlägen, das sich songwriterische Merkwürdigkeiten erlaubt und vor allem auf der Gefühlsebene funktioniert: Das sind Lyrics, in denen es sich leben lässt; Songs wie eine warme Bettdecke nach einem kalten Tag im Freien. Wir sind uns also sicher: Zauner hat »Be Sweet«, der größte merkwürdige Synth-Pop-Funk-Hit mit dem komischsten Rock-Refrain des Jahres, nur geschrieben, damit in bitteren Zeiten alle das darin Beschriebene erleben dürfen. Nett von ihr. Kristoffer Cornils
 

Jaubi – Nafs At PeaceVinyl LP Jaubi – Nafs At Peace (Astigmatic)
»Nafs At Peace« von der pakistanischen Vierer-Kombo Jaubi slidet aus der Wüste in die Jahresbestenliste. Mit Anlauf. Und einem Sound, bei dem man glauben möchte, J Dilla sei als Kind in den Fusion-Topf gefallen, um zeit seines Lebens eine Gabe für die musikalischen Feinheiten Nordindiens aus seinen Handgelenken geschüttelt zu haben. Das bei Astigmatic erschienene Album von Jaubi kann man deshalb problemlos den Schwiegereltern zur Weihnachtsgans vorspielen – sie werden es lieben. Inshallah! Christoph Benkeser
 

Joy Orbison - Still Slipping Vol.1Vinyl LP Joy Orbison – Still Slipping Vol.1 (XL Recordings)
Joy Orbison scheint dem Albumformat immer noch zu misstrauen und nennt sein de facto Debütalbum deswegen einfach Mixtape. »Still Slipping Vol.1« folgt diesem semantischen Trick durch stilistische Diversität, wobei Joy Orbison sich hier die ärgsten Basslawinen verkneift und durchaus poppig housy wird, geerdet durch trickreiche Beat-Interludes, diverse Vocalschnippsel seiner Familie und Rap- und Vocal-Features. Er selbst nennt das dann Soul im weitesten Sinne, man könnte es aber auch einfach als logische Weiterentwicklung seiner »Slipping«-EP aus dem letzten Jahr begreifen. Florian Aigner

Karkhana - Al AzraqaynVinyl LP Karkhana – Al Azraqayn (Karlrecords)
Treffen sich die besten Musiker Ägyptens, Libyens und der Türkei zum Jam. Klingt wie der Anfang eines schlechten Musikerwitzes, ist aber die gelungene Pointe von »Al Azraqayn«, dem bei Karlrecords erschienen neuen Album von Karkhana. Mit dabei sind Musiker von The Dwarfs Of East Agouza, Land Of Kush, Praed! Orchestra, Konstrukt, Scrambled Eggs. Und als »Special Guest« Michael Zerrang, der legendäre Schlagzeuger, der mit Peter Brötzmann, Ken Vandermark und Hamid Drake gejazzt hat. Streck die Waffen! Streich die Segel! Das wird dich umpusten. Sebastian Hinz
 

Kuunatic – Gate Of KlunaVinyl LP Kuunatic – Gate Of Kluna (Glitterbeat)
Im japanischen Noise Rock tut sich was. Wieder ist es ein weibliches Trio (ferne Erinnerungen an Nisennenmondai werden wach), wobei Kuunatic ihren psychedelischen No-Wave-Entwurf mit Folklore, Dub und weiteren Elementen aus aller Welt anreichern, um ihrem Sprech- oder auch „richtigen“ Gesang die nötige Wummsbasis zu geben. Das kann knackig mit Durchschlagskraft oder sanfter geschehen, immer gern mit ritualartigen Beschwörungsformeln. Herausgekommen ist eine der stärksten Rockplatten des Jahres. Tim Caspar Boehme
 

Laila Sakini – Into The Traffic, Under The MoonlightVinyl LP Laila Sakini – Into The Traffic, Under The Moonlight (Not On Label)
Was man mit einer klassischen Klavierausbildung machen kann: Bei den Philharmonikern versumpern, Twitterstar werden – oder sich ein paar Hacks auf Ableton reinziehen, Bläserbubis verpflichten und eine Platte aufnehmen, die klingt, als hätte Sakamoto flüssiges Ecstasy ins Porridge gekippt. Laila Sakini ist die Schnittmenge zwischen Grouper und einer als Saxophon getarnten Digeridoo-Tröte. »Into The Traffic, Under The Moonlight« das Teil für Knister-Stimmung auf der Ikea-Couch. Christoph Benkeser
 

Lana Del Rey – Chemtrails Over The Country ClubVinyl LP Lana del Rey – Chemtrails Over The Country Club (Urban)
Die nostalgie-besoffenen Geister der amerikanischen Vergangenheit spuken weiterhin durch die Musik von Lana del Rey: Mit ihrem siebten Album »Chemtrails Over The Country Club« macht die amerikanische Künstlerin alles wie bisher. Nur konsequenter. Ihr Indie-Pop wickelt hier ein paar mehr Noten um den Finger, ihre Stimme säuselt mehr, alles klingt in Zeitlupe. Mögen die Geister noch lange in diesem vertonten American Diner tanzen, solange das Gestern noch anhält. Björn Bischoff
 

Lea Bertucci - A Visible Length Of LightVinyl LP Lea Bertucci – A Visible Length Of Light (Cibachrome Editions)
Alle Reisen gecancelt, da muss Musik als Trip-Ersatz dienen. Lea Bertucci hat zuvor mit Langkompositionen Zeit und Raum vermessen oder im Dialog mit Amirtha Kidambi kratzigen Konfrontations-Improv gemacht, ist »A Visible Length of Light« aber quer durch die Amerikas gereist, hat die gesammelten Sounds zwischen Flöten-Minimal gestellt und schillernde Drones zu einem musikalischen Reisetagebuch verflochten. Als jeder Tag derselbe wie der vorige war, blieb sich dieses Album niemals gleich. Danke dafür. Kristoffer Cornils
 

Little Simz - Sometimes I Might Be IntrovertRed&Yellow Vinyl LP Little Simz – Sometimes I Might Be Introvert (Age101)
Wie viel Privatperson steckt in der Kunstfigur? Dieser Frage nähern sich Simbiatu Ajikawo und ihr Alter-Ego Little Simz auf »Sometimes I Might Be Introvert«: »Can’t believe it’s Simbi here that’s had you listening/Well, fuck that bitch for now, you didn’t know she had a twin.« Die Britin erzählt schmerzhaft ehrliche Geschichten über Angst, Freude und Wut. Musikalisch legt sie sich dabei nicht fest. Orchestraler Pomp trifft auf trockene Bass-Drum-Kombinationen. Nach dem für den Mercury Prize nominierten Vorgänger »Grey Area« ein weiterer Qualitätssprung in Little Simz’ Schaffen. Stefan Mertlik
 


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Loraine James - ReflectionVinyl LP Loraine James – Reflection (Hyperdub)
Zwar nicht mehr so dark as fuck wie auf ihrem Debütalbum, doch hat die Londoner Produzentin Loraine James auch für **»Reflection «, ihr Album aus dem Lockdown-Jahr, jede Menge Hochspannung angesammelt, die sich in ihren Beats entlädt. Genres wie Grime dienen ihr als Material, das sie nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Tiefe Bässe, hochgepitchte Stimmen, hypernervöse Breaks – alles bekannt und trotzdem sehr anders bei ihr. Es gibt eine Zukunft, sagt die Musik, und vielleicht werden wir sogar tanzen. Tim Caspar Boehme
 

Lucy Railton - 5 S-BahnVinyl LP Lucy Railton – 5 S-Bahn (Boomkat Editions)
April 2020, Berlin-Prenzlauer Berg: Lucy Railton macht’s wie die meisten anderen und verlässt die Wohnung nur für das Nötigste. Immerhin aber hat sie einen Balkon und immerhin pendeln selbst im rasenden Stillstand noch mögliche Jam-Partnerinnen darunter hin und her: »5 S-Bahn«, um genau zu sein. Field Recordings, ein Cello und das merkwürdige Gefühl, dass die Welt sich noch dreht, während die Zimmerdecke sich mit jedem Tag weiter zu senken scheint – das alles steckt in diesem Album. Und damit auch sehr viel Trost. Schön, dass das bisher nur auf Tape erhältliche Release nun auch auf Vinyl vorliegt. Kristoffer Cornils
 

Marta Forsberg – TKAĆVinyl LP Marta Forsberg – TKAĆ (Thanatosis Produktion)
Marta Forsberg hat bereits im Vorjahr ihr (bisher) größtes Werk abgeliefert, »TKAĆ« knüpft aber nahtlos an »New Love Music« an: Wie ihr Opus Magnum handelt es sich bei beiden Stücken um Musik, die ursprünglich für Lichtinstallationen geschrieben wurden und von demselben sonderbaren Gefühl der Schwerelosigkeit durchdrungen sind. Ähnlich wie bei ihren Kolleg:innen der Stockholm Drone Gang, sprich Kali Malone und Co., steckt etwas Sakrales in Forsbergs Musik, die allerdings nicht nach Weihrauch und Kirchenschiffbohnermittel riecht – sondern so schön und leicht ist wie die letzten Sonnenstrahlen eines Sommertages. Kristoffer Cornils
 

Maxine Funke – SeanceVinyl LP Maxine Funke – Seance (A Colourful Storm)
Hach, A Colourful Storm, das Label des Australiers Moopie liefert regelmäßig die beste Gitarrenmusik für Menschen, die Gitarrenmusik kaum ertragen können. Highlight dieses Jahr »Séance« von Maxine Funke. Das klassischste Folk-Album in dieser Liste und schon deshalb unabdingbar. Funke benutzt alles spärlich – Stimme, Gitarre – , diese Zurückgenommenheit drückt, die Bewegungslosigkeit der Stücke ist genauso gemütlich wie sie beklemmend ist, alles zieht sich zu einem Ort zusammen. Den richtigen muss man haben. Pippo Kuhzart
 

 Mdou Moctar - Afrique Victime Vinyl LP | ● Purple Vinyl LP Mdou Moctar – Afrique Victime (Matador)
Mit ihrem Album »Afrique Victime« gelingt der Band aus Niger um den Ausnahmegitarristen Mdou Moctar etwas Erstaunliches: Westafrikanische Musiktraditionen rund um den Tuareg-Folk verschmelzen so souverän, konsequent und organisch mit ziemlich allen Spielarten des Rock, dass man dafür wohl das Genre »global AfRock« (oder so ähnlich) coinen sollte. Und ganz nebenbei wird der Autodidakt Moctar mit seiner eigenwilligen Ein-Finger-Anschlagstechnik ziemlich sicher zum neuen Gitarrengott aufsteigen: Hendrix – Van Halen – Moctar! Martin Silbermann
 

Merope - Salos Vinyl LP Merope – Salos (~STROOM)
Volkslieder von anno dunnemal neu einzukleiden ist eine beliebte, aber eben auch brenzlige Arbeitsaufgabe. Merope griffen für ihr viertes Album »Salos« ganz tief in die Mottenkisten litauischer Volksweisen und zogen Ideen daraus hervor, die weniger New Age denn New World waren: Ineinander fließende Kompositionen, die Balsam auf die von dumpfnationalistischer Rhetorik wundgeriebenen Hirnwindungen rieb und es nebenbei noch irgendwie schafften, balearische Anmutungen mit jazzigem Esprit, Choralstücken und Ambient zu versöhnen. Eine Wohltat, ein bescheidener großer Wurf, ein einziger Flow von Schönheiten. Kristoffer Cornils
 

Motoko & Myers - ColocateVinyl LP Motoko & Myers – Colocate (Soda Gong)
Mit Motoko und Myers hangelt man sich von Liane zu Liane, schlürft Bananenmilch und trommelt sich auf die Brust. »Colocate« ist Donky-Kong-Musik. Ein Wink aus dem digitalen Dschungel – für Menschen, die sich das Ayahuasca-Retreat mit Schamanen-Schlamassel nicht leisten können. Oder keinen Bock haben, dass ihnen ein Quacksalber zwei getrocknete Ingwerwurzeln ins Gesicht hängt, bevor man in den Eimer reiert. Dann lieber selbst therapieren. Und mit Soda Gong bei einem Label einkaufen, das seinen Namen alle Ehre macht. Christoph Benkeser
 

Nala Sinephro - Space 1.8Vinyl LP Nala Sinephro – Space 1.8 (Warp)
Der Titel „Jazzalbum des Jahres“ dürfte 2021 einigermaßen umkämpft sein. Nala Sinephro hat ihn mit ihrem Debütalbum verdient. Nicht allein, weil sie der Harfe einen so ungewohnten wie zurückhaltenden Auftritt verschafft, sondern auch, weil sie undogmatisch Jazztradition, Elektronisches und Drone-Meditation sowohl nebeneinander existieren lässt als auch zusammenführt. Kein angestrengtes oder pompöses Statement, erst recht keine unverbindliche Fluffigkeit, einfach stiller Mut zu den eigenen Ideen. Tim Caspar Boehme
 

Natural Information Society with Evan Parker - Descension (Out of Our Constrictions)Vinyl 2LP Natural Information Society with Evan Parker – Descension (Out of Our Constrictions) (Aguirre)
Wie gesund ist eigentlich Zirkularatmung? Egal, Evan Parker hält damit am Saxofon schon eine Weile durch. Seine kreisend-schwirrenden Figuren passen bestens zum minimalistisch folkloristischen Jazz der Natural Information Society des Bassisten Joshua Abrams, der im Übrigen mit der Gimbri ein eher jazzuntypisches Instrument spielt. Mit seiner Band rockt er auf “Descension” sogar, mit seinen Mitteln. Und das mit einer Sogwirkung, der man, so viel Esoterik sei gestattet, transformationelle Kraft zutrauen mag. Tim Caspar Boehme
 

Pauline Anna Strom – Angel Tears In SunlightBlack Vinyl LP Pauline Anna Strom – Angel Tears In Sunlight (Rvng Intl)
Pauline Anna Strom verstarb im Dezember letzten Jahres mit 74 Jahren. Die Veröffentlichung ihres erstes Album seit 30 fucking Jahren erlebte die Pionierin folglich leider nicht mehr mit. Sicher weitet das Wissen um Leben und Tod Stroms die Erfahrung noch weiter, die man beim Hören ihres »Angel Tears In Sunlight« hat, ganz sicher ist es aber auch ohne Mystiefizierung der Person eines großes Ambient/Tribal-Album, einfach weil so selten Flächen so spannungsstark komponiert werden wie hier, einfach, weil man hier gleichzeitig an verglühende Sterne und »Donkey Kong Country« denken darf und sollte. Pippo Kuhzart
 


DER VINYL-JAHRESRÜCKBLICK IM WEBSHOP VON HHV RECORDS.


Richard Youngs - CXXIVinyl LP Richard Youngs – CXXI (Black Truffle)
Für sein 121. Album »CXXI« hat Richard Youngs 121 Moll-Akkorde vom Algorithmus durcheinanderwürfeln lassen, den trockensten Schlagzeugbesen aller Zeiten entstaubt und dann über das Ganze noch einen wortlosen Todes-Blues gesungen. Klingt auf dem Papier natürlich unerträglich und auf Platte selbstverständlich auch, nur eben auf diese geile Art. Spätestens nach drei Takten stellt sich die Gewissheit ein, hier etwas beizuwohnen, dass es zuvor noch nie gegeben hat. So muss Bar-Jazz in der Hölle klingen. Extrem geil eben. Kristoffer Cornils
 

Rosaceae – DNAVinyl LP Rosaceae – DNA (Pudel Produkte)
Auf DNA verschmilzt Leyla Yenirce, so Rosaceaes bürgerlicher Name, politische Inhalte mit mal experimenteller, mal erstaunlich geradliniger Musik. Der Clou an der ganzen Sache: Das Album funktioniert als abwechslungsreiche wie stringente Hörerfahrung, was die Hamburgerin in ihrem Metier zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zwischen schnellen Baller-Kaskaden wie auf „They are so afraid they begin to shake” und dem fesselndem Ambient von „I’ll be back soon” passiert eine ganze Menge, und das klingt trotz großem Referenzrahmen auch noch gut. Maximilian Fritz
 

Sarah Davachi – AntiphonalsBlack Vinyl LP | ● Silver Vinyl LP Sarah Davachi – Antiphonals (Late Music)
Sarah Davachis Album **"»Antiphonals«":https://www.hhv-mag.com/de/review/11803/sarah-davachi-antiphonals fühlt sich so zurückgenommen, so minimalistisch und trotzdem so fließend an – wie ein sakraler Rausch aus purem Sound. Also keineswegs Kammermusik, sondern eine beeindruckende Erfahrung über acht Tracks. Das Schöne daran? Die Stücke mit verschiedensten Synthesizern, Orgeln, Klavieren und Aufnahmegeräten überfordern nie. Und somit ist das hier das vielleicht angenehmste und hörbarste Album der experimentellen Musik in diesem Jahr. Björn Bischoff
 

Scotch Rolex – TewariVinyl LP Scotch Rolex – Tewari (Nyege Nyege Tapes)
Außen candyfarben, innen Blut schwitzend. Schon lange nicht mehr so gehörig eins auf die Fresse bekommen. Scotch Rolex pudert mit »Tewari« die Covid-Lethargie per Backstein gespicktem Klammerbeutel aus den Gesichtern. Gqom trifft Dubstep trifft Grindcore trifft Industrial trifft Trap trifft die illustren Seelenverwandten der ugandischen Labels Nyege Nyege Tapes und Hakuna Kalala, die hier alle Wut und jeden gerechtfertigten Frust rauslassen. Pedantisch sequenzierte Radikalität und Gewalt auf Zuckerstangenvinyl. Jens Pacholsky
 

Space Afrika - Honest LabourBlack Vinyl LP | ● Clear Vinyl LP Space Afrika – Honest Labour (Dias)
Als du nachts an einer muffigen Plexiglashaltestelle auf den letzten Bus wartest und die Kotzpfütze vor deinen Augen unvermittelt Fraktale wirft, stemmt »Honest Labour« das Stimmungsbarometer im Verlauf einer düsteren Sequenz meterdick texturierter Tracks immer und immer weiter auf. Es sind Samplecollagen auf Leinwandgröße, über die Impressionen zwischen Ambient und Spoken Word flimmern, tonale Kausalitätsketten unterm Regenschirm. Space Afrika zeigen 2021, wie elektronische Musik mit dem richtigen Narrativ ganze Kinofilme in den Schatten zu stellen vermag.. Nils Schlechtriemen
 

Teresa Winter - Motto Of The WheelVinyl LP Teresa Winter – Motto Of The Wheel (Death Of Rave)
Beim Blick durch ein Kaleidoskop siehst du ein Muster und wenn du das Kaleidoskop drehst, dann verändert sich das Muster. Wenn du das Kaleidoskop schüttelst, erhältst du ein neues Muster. Die meisten Musiker:innen verändern die Muster langsam. Wenn sie ambitioniert, waghalsig, neugierig sind, dann Schütteln sie zwischen den Tracks. Teresa Winter ist aber irre. Sie schüttelt während des Tracks. Nicht danach. Du bekommst dann schon mal 3 unterschiedliche Muster in zweieinhalb Minuten. »Motto Of The Wheel«: Dreister Drum’n’Bass, Rummeltechno, Music for stillgelegte Airports, Androidengespräche, Humanoidengespräche, Atem-Yoga, Rave ohne Katharsis, Hyperintelligent Dance Music. Neue Muster, ständig in Bewegung. Sebastian Hinz
 

TibslcVinyl LP Tibslc – Delusive Tongue Shifts – Situation Based Compositions (Sferic)
Die gemeinsam mit Experiences LTD vielleicht gefeiertste Semi-Ambient-Posse kommt aus Manchester. Sferic schieben mit Tibslcs »Delusive Tongue Shifts – Situation Based Compositions« nach Sensationsplatten von u.a. Space Afrika, Jake Muir und Romeo Poirier vielleicht ihre bisher egalste Platte hinterher, aber alleine diese neue 10" von Space Afrika garantiert weitere zwei Jahre Unantastbarkeit. Florian Aigner
 

Tirzah – Colourgate EPBlack Vinyl LP | ● Transparent Sun Yellow Vinyl LP Tirzah – Colourgrade (Domino)
Nach ihrem vielbeachteten Debüt »Devotion« hat Tirzah zwei Kinder bekommen – und das auf »Colourgrade« als zukunftsweisenden Akt reflektiert. Der plastikfreie RnB wurde hierfür mit Sci-Fi-Vorstellungskraft, Schalk im Nacken und etwas Waghalsig-Zärtlichem wie Mutterliebe unterlegt. So klingt das eingepfiffene Fake-Theremin genauso selbstverständlich wie die Hip-Hop-Beats und bräsige Zerr-Gitarrenriffs so selbstironisch wie biomechanische Textversatzstücke. »Colourgrade« ist damit praktisch das Utopia des Vorgängers und die Hürde des zweiten Albums lässig überschwirrt. Jana-Maria Mayer
 

Tomaga – Intimate ImmensityVinyl LP Tomaga – Intimate Immensity (Hands In th Dark)
Tom Relleen ist nicht die einzige Person in diesen Jahreslisten, die von uns gegangen ist, aber auch nicht die bekannteste. Tomaga, sein Projekt mit der Drummerin Valentina Magaletti, blieb einem kleinen Kreis vorbehalten und fühlte sich dort allerdings auch am wohlsten. »Intimate Immensity« ist nun also das schätzungsweise letzte Tomaga-Album, fertiggestellt und veröffentlicht nach seinem Tod im August letzten Jahres. Es könnte keinen schöneren Abschied geben, wie auch kein brillanteres Requiem je geschrieben wurde als der finale Track, das Titelstück. In zehn Schritten gehen Relleen und Magaletti noch einmal Hand in Hand vor und zurück, kreuz und quer alle Möglichkeiten von Wiederholung und Differenz durch. Bis das Licht erlischt und Stille sie verschlingt. Kristoffer Cornils
 

wiki – half godVinyl LP Wiki – Half God (Wikiset)
Raps Ostküstenzentrismus feiert ja mindestens einmal pro Dekade ein veritables Comeback. »Half God« reiht sich mit seiner erwachsenenen und bleaken Introspektion nahtlos in die minimalistische Loop-Verliebtheit der Generation Earl ein, erweitert dessen entwaffnende Psychoanalyse aber durch eine New York Dekodierung, die man so eigentlich nur aus der Golden Era kennt. Wikis Ich-Erzähler verlässt aber im Gegensatz zu offensichtlichen Vorbildern (Nas, Mobb Deep et al.) die enge Perspektive der Project Windows und reflektiert New York als durchgentrifiziertes Oxymoron. Produziert hat das mit Navy Blue wahlweise Earls bester Freund oder der Typ, der immer die wildesten Puffer Jackets in den Supreme Videos trägt. Special, auch ohne 25 Jahre Boom Bap Silberhochzeit in der eigenen Vita. Florian Aigner
 


DER VINYL-JAHRESRÜCKBLICK IM WEBSHOP VON HHV RECORDS.

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Torky Tork
»Ich liebe den Spagat zwischen alt und neu«
Torky Tork ist bislang eher als der Mann im Hintergrund bekannt. Jetzt hat der Berliner Beatmaker ein eigenen Produceralbum aufgenommen. Er hat die Beats geschliffen, Wandl, Döll, Lugatti oder Doz9 haben gerappt. Zeit für ein Gespräch.
Music Porträt
Holy Hive
Introspektive Leichtigkeit
Mit »Float Back To You« legte das New Yorker Trio Holy Hive 2020 ein Folk-Soul-Balsam für das wundgescheuert blankliegende Nervenkostüm vor. Auf dem selbstbetitelten Nachfolger setzen sie den eingeschlagenen Kurs fort.
Music Liste
Palmbomen II
10 All Time Favs
Bilder und Musik ließen sich bei Palmbomen II nie voneinander trennen. Mit »Make A Film« liefert er nun die Musik für die Bewegtbilder, die von uns noch gedreht müssen. Welche Musik ihn in Sachen Filmmusik inspirieren, verrät er hier.
Music Kolumne
Records Revisited
A Tribe Called Quest – Low End Theory (1991)
Viel besser geht es nicht. Zu Beginn der 1990er Jahre brachten A Tribe Called Quest mit ihrem zweiten Album »The Low End Theory« den Flow auf den Punkt. Ohne aggressiv männliche Posen, dafür mit Jazz, Breaks und Vibe.
Music Kolumne
Records Revisited
Primal Scream – Screamadelica (1991)
1991 – was für ein Jahr für die Rockmusik. Die am 24.9.1991 veröffentlichten Alben von Nirvana, Soundgarden und Red Hot Chili Peppers haben Rock wieder populär gemacht. Aber »Screamadelica« von Primal Scream hat das Genre verändert.
Music Essay
Die Beat-Ära in der DDR
Feindliche Übernahme
Schallplatten des Amiga-Labels sind weit verbreitet. Neben Pressungen internationaler Stars war auch jede Menge Musik aus der DDR selbst auf Platte verewigt worden. Manches davon lohnt wiederentdeckt zu werden.
Music Interview
José González
Geschmack ist wie dein Po
2003 coverte José González den Song »Heartbeat« von The Knife und katapultierte sich gleich in die Herzen und Studierzimmer vieler Menschen. Mit seinem Album »Local Valley« strickt er weiter an seinem Mythos. Wir trafen ihn zum Interview.
Music Porträt
Loredana Berté
Irgendwie unvergleichlich
Loredana Bertè wird als »Königin des italienischen Rock« apostrophiert. Das greift nicht nur musikalisch zu kurz. Denn sie den Status quo nie repräsentiert, sondern als Außenseiterin aus Überzeugung wiederholt infrage gestellt.
Music Kolumne
Records Revisited
DJ Shadow – Endtroducing (1996)
Vor 25 Jahren erschien mit »Endtroducing« ein Hip-Hop-Album, das Björk mit Metallica und finnischer Fusion zusammendachte. DJ Shadow grub dafür im Keller. Und fand Gold. Dann schuf er ein Album, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint.
Music Porträt
Sarah Davachi
Echo der Unendlichkeit
Intensität ist das Wort, das in den Sinn kommt. Bei ihrer Musik und bei ihren Sätzen. Ihr Sound fühlt sich an, als ob jemand mit einer Fingerspitze über die Seele streicht. Jetzt erscheint Sarah Davachi neues Album »Antiphonals«.
Music Porträt
Dais Records
Klang als Kollektion
Zwischen Experiment und Erwartung, Neuem und Altem wagt Dais Records seit Jahren den Spagat. Gibby Miller und Ryan Martin ziehen dort ihre Kreise, wo Linearität bewusste Störung erfährt – und treten so in die Fußstapfen großer Vorgänger.
Music Porträt
Leslie Winer
Der unbekannte Weltstar
Björk, Grace Jones, Boy George und Sinéad O’Connor zählen zu ihren Bewunderern. William S. Burroughs war ihr Mentor. Irgendwie hat sie auch Trip-Hop erfunden. Dennoch ist Leslie Winer heute nur Insdern bekannt. Das könnte sich jetzt ändern.
Music Porträt
DJ Koco
Guest Mix
Bei DJ Koco treffen atemberaubende Mixing-Skills auf eine Selection von ungeheurer Raffinesse. Kaum einer cuttet seine Breakbeats tighter ineinander als er. Das Verblüffendste: Der japanische DJ beschränkt sich in seinen Sets auf 7Inches.
Music Kolumne
Aigners Inventur
September & Oktober 2021
Keift und brummt sich wieder durch die Veröffentlichungen der letzten zwei Monate: Aigners Inventur, mit Bärlauch-Antipathie und Seerobben-Ehrfurcht. Dazwischen Alben von Flying Lotus, Erika De Casier, Space Afrika und Maxine Funke.
Music Kolumne
Records Revisited
John Coltrane – Africa/Brass (1961)
1961 markierte »Africa/Brass« den Anbruch eines neuen Zeitalters: Für John Coltrane war es der Beginn seiner Impulse!-Jahre, für viele afrikanische Staaten der Start in die Unabhängigkeit. Musikalisch war es sein ambitioniertestes Vorhaben.
Music Kolumne
Records Revisited
Björk – Vespertine (2001)
Mit »Vespertine« schien Björk Guðmundsdóttir das Versprechen ihres vorherigen Werks nicht einzulösen. Weil sie dieses Mal einen vollkommen anderen Ansatz wählte. Was »Vespertine« von 2001 zu einer ihrer besten Platten bis heute macht.
Music Porträt
Polo & Pan
Eklektisch in den Weltraum
Polo & Pan sind bereit abzuheben. Nachdem sie es mit ihrem kunterbunten Stilmix bis ins Hotelzimmer von Elon Musk schafften, blicken sie nun höheren Sphären entgegen. Die irdischen Fans beglückt das Duo derweil mit dem Album »Cyclorama«.
Music Liste
Durand Jones & The Indications
10 All Time Favs
Durand Jones & The Indications verbinden seit Ihrem Debüt vor fünf Jahren Vergangenheit und Zukunft des Genres. Jetzt erscheint ihr drittes Album »Private Space«. Zeit, um die Band nach den 10 Schallplatten zu fragen, die sie geformt haben.
Music Porträt
Conrad Schnitzler
Mitten im Durcheinander
Immer noch wird der 2011 verstorbene Conrad Schnitzler vor allem für seine Verbindung zu Kraftwerk oder Tangerine Dream wahrgenommen. Dabei steht sein beeindruckendes Werk genauso für sich allein, wie er Verbindungen herzustellen wusste.
Music Kolumne
Records Revisited
Main Source – Breaking Atoms (1991)
In mancher Hinsicht scheint »Breaking Atoms«, das Debüt von Main Source, ein Klassiker aus der zweiten Reihe geblieben zu sein. Doch die Produktion von Large Professor definierte einen Signature Sound für das Goldene Zeitalter des Hip-Hop.
Music Kolumne
Records Revisited
LFO – Frequencies (1991)
Die niederfrequenten Schwingungserzeuger LFO aus Leeds schufen mit »Frequencies« eines der ersten Techno-Alben. Ihre hohen Bleeps und tiefen Clonks haben Technogeschichte geschrieben. Bis heute kann, äh, muss man dazu tanzen.
Music Kolumne
Records Revisited
Funkadelic – Maggot Brain (1971)
Mit »Maggot Brain« begeben sich Funkadelic auf die dunkle Seite des Funk. Das triumphierende Lustprinzip wird mit dystopischer Eschatologie durchsetzt und stellt der Feier des Lebens eine beklemmende Endzeitstimmung zur Seite.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Juli & August 2021
Hier wird nicht lange gefackelt und sogar auf halbgare UEFA-Gags wird verzichtet. Stattdessen wird im Sinne der Schallplatte gehandelt und an die 20 Vinyl-Scheiben werden zum Drehen gebracht.
Music Liste
Halbjahresrückblick 2021
50 best Vinyl Records so far
Das vergangene halbe Jahr hat gefühlt ganze fünf gedauert. Ein nie endender Winter, quälende Isolation. Und die Musik? Die lief weiter, auf unseren Plattenspielern. Diese 50 Schallplatten blieben dabei besonders im Gedächtnis.
Music Porträt
Hōzan Yamamoto
Meditation aus Improvisation
Über fünf Dekaden hinweg pushte er japanischen Jazz in spirituelle Sphären, ohne Kitsch oder Esoterik. Ansehen erntete er dafür vor allem in seiner Heimat. Bis heute gilt Hōzan Yamamotos Schaffen international als Geheimtipp.
Music Porträt
Hoshina Anniversary
Die Fusion von Techno und Jazz
Hoshina Anniversary macht Techno. Er selbst würde sich aber eher in der Nachfolge zu Jazz und traditioneller japanischer Musik verorten. Und damit ist der Tokioter nicht allein.
Music Essay
Jazz Kissa
Wo in Japan die Musik spielt
Sie bieten stilvollen Rückzug aus einer Welt, in der alle permanent hören. Und zelebrieren das Hören von Musik: Jazz Kissas sind Japans inoffizielles Kulturerbe. Der Journalist Katsumasa Kusunose dokumentiert sie nun.