Beruhigend zu wissen, dass sich Loraine James immer auf ihren größten Fan verlassen kann. Spricht man sie auf die Nachrichten an, die ihre Mutter unter sehr viele Youtube-Videos postet, in denen sie auftritt, muss sie lachen. »Sie möchte bei meinen Shows immer in der ersten Reihe stehen«, freut sie sich. Mutter James verfolgt die Auftritte ihrer Tochter auch fleißig auf Instagram. Der Stolz platzt förmlich durch den Bildschirm. Die sweeten Liebesbekundungen erkennt man gut an der großzügigen Anzahl an Herz-Emojis.

Detached From The Rest Of You
Aufgewachsen in Enfield, im Norden Londons, hört die junge Loraine James nicht nur ihrer Mutter zu, die damals Steeldrums in einer Band spielt. London, das klang in ihrer Kindheit nach UK Garage und Grime. »Das versetzt mich total in die frühen 2000er. Mit einem Sony-Ericsson-Handy hinten im Schulbus und ganz viel Krach.«
Zuhause aber läuft viel Deftones oder Math-Rock und Midwest Emo. Auch dem Pop fühlt sie sich nahe. Melodien dürfen gerne überlebensgroß sein. Gut möglich, dass man das zunächst nicht vermuten würde, während man sich durch ihre oft zerbrechlich wirkende, glitchy Electronica hört, die sich eher IDM, RnB und ähnlichen Buchstabenkombination widmet. Auch ihr neues Album Detached From The Rest of You sieht sich als Verbindungsstück zwischen sprunghaftem Glitch-Pop, hypernervösem Clicks & Cuts-Sound und digitalem Minimalismus.
Ganz ohne Einfluss durch ihre Gitarren-Phase geht es aber nicht: »Manche Tracks spiele ich so, als würde ich versuchen, eine Gitarre zu imitieren. Dieses Finger-Tapping, diesen Midwest-Sound.« Neben Alan Sparhawk, ehemals Low, und Miho Hatori, die schon zu ihren Cibo-Matto-Zeiten ein aufregendes bis spezielles Verhältnis zu Melodien hatte, hat sie sich auch Off-Pop und RnB-Undergound-Icon Tirzah eingeladen, die sie bei einer Arthur-Russel-Tribute-Show kennengelernt hat.
Gehört werden, aber nicht gesehen
Manchmal schreibt James ihrem Management eine Liste von Namen, die sie gerne mit aufs Album nehmen würde, legt sich in der Demo-Phase schon A-Capellas über ihre Tracks. Inhaltliche Vorgaben aber würde sie nie machen. »Es gab eigentlich nie Momente, in denen ich dachte: ›Wovon zur Hölle redest du da eigentlich?‹«
»Ich bin doch sonst ein ganz anderer Mensch als zu Beginn.«
Loraine James muss noch vor der nächsten Tranformation ihre Alben fertig kriegen.
Sie ist glücklich darüber, dass ihre Tracks immer wieder Gefühle bei den Gäst*innen auslösen, mit denen sie sich identifizieren kann. James verewigt sich und ihre Stimme aber auch selbst auf ihren Platten. Weil es Dinge gibt, die sie selbst erzählen muss. Da kann man noch so introvertiert sein. Für sie sind das die Momente, in denen sie das Gefühl hat: Japp, das bin wirklich ich. Selbstzweifel aber bleiben. Zu weit raus aus dem Schatten will sie auch nicht.
Auf dem Cover des neuen Albums ist ihr Gesicht deshalb nur noch als Silhouette zu erkennen. Ein bewusst gewählter Kontrast zum Vorgänger Gentle Conversation, bei dem sie sich ungeschützt und deutlich gezeigt hat.
Mit Begrenzung spielen
Zu ihrem Selbstschutz gehört auch zu wissen, wann es reicht. Hat sie bemerkt, dass ihr die erste mittelmäßige Idee kommt oder, noch schlimmer, ein erster schlechter Track entsteht, heißt es: Reißleine ziehen. Stopp. Passt. Album ist fertig. Besser wird’s nicht. Ohnehin kann die Britin nicht mehrere Jahre an einer Platte sitzen. Auch aus pragmatischen Gründen: »Ich bin doch sonst ein ganz anderer Mensch als zu Beginn.«
Der ist sie im Vergleich zu ihrem Karrierestart auf jeden Fall. Noch zu Uni-Zeiten, vor knapp zehn Jahren, hat sie ihre erste Platte veröffentlicht. Wenn sie doch mal die Roughness dieser Zeit vermisst, schnappt sie sich ihren Laptop und nimmt ihn mit ins Bett. »Manchmal finde ich es einfach befreiender, limitiert in meinen Mitteln zu sein.«
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Fast alles, was dort entsteht, landet auf Hyperdub. Einem Label, das von Limits eher wenig hält und sich als singuläre Erscheinung in der moderneren britischen Geschichte abseitiger elektronischer Musik bewiesen hat. Zu Beginn noch Aufbauhelfer für das, was man Dubstep nennen durfte, traute sich die Musik, die Kode 9 dort herausbringt, immer weiter raus. Für James ist das die optimale Heimat, denn »ein Großteil elektronischer Musik ist unglaublich sicher und sehr langweilig«.
Damit sie nicht auf die Idee kommt, sich selbst zu langweilen, hat sie vor einigen Jahren das Projekt Whatever The Weather gestartet und bereits zwei Alben veröffentlicht. Zarte Ambient-Musik, die Tracktitel sind alle Celsiusgrade. Auf Stimmen verzichtet sie. Hier darf sie sich bewusst im Schatten aufhalten und verstecken. Dass Gute aber ist: Ein Album wie Detached From The Rest Of You ist die Einladung, mitzukommen und sich im Dunkeln die Geschichten von Loraine James anzuhören.
