Music Interview | verfasst 07.05.2012
Freddie Gibbs
»Ich sage Sachen, die gesagt werden müssen.«
Freddie Gibbs gilt unter seinen und unseren Kollegen als der »realste« aller Gangsta-Rapper. Wir sprachen mit ihm über seine Heimat, Drogen, Ängste und eine Hand voll anstehender Kollaborationen.
Text Georg Rackow , Fotos Tobias Hoffmann / PhyreWorX
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Freddie Gibbs gilt unter Rappern und Journalisten als der »realste« aller Gangsta-Rapper. Er hat Drogen verkauft und Diebstahl begangen und ist dafür in den Knast gegangen. Diese Welt hat er jedoch hinter sich gelassen. Plan B ist: Geld mit Rap zu machen und die Lebenswelt, die für viele Jugendliche in ärmlichen Gegenden die einzige Wahl zu sein scheint, kritisch zu dokumentieren. Der Plan scheint aufzugehen für Freddie Gibbs, denn von Madlib über J.U.S.T.I.C.E. League und Statik Selektah bis hin zu DJ Drama wollen alle mit ihm zusammenarbeiten. Nach dem Interscope-Debakel ohne Veröffentlichung und einem anschließenden, kaum vergleichbaren Internet-Hype, ist er nun bei Young Jeezys Label CTE untergekommen, was einmal mehr zeigt, dass stilistische Grenzen für Freddie Gibbs nur da sind, um überschritten zu werden.

Was hast du am meisten gehasst an deiner Heimatstadt Gary, Indiana?
Freddie Gibbs: Die Einstellung der Menschen. Die Mentalität, dass keiner dem anderen etwas gönnt. Aus Neid gehen die Menschen sich gegenseitig an. Sie ziehen sich runter, anstatt sich zu unterstützen.

Es ist schwer, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn jeder Einzelne ums Überleben kämpft.
Freddie Gibbs: Ich verstehe das nur zu gut, entweder fressen oder gefressen werden. Kein Job, keine sinnvolle Aufgabe, wenn du morgens aufstehst. Du musst auf die Straße gehen und dir dort dein Überleben sichern. Aber nur Wenige schaffen es.

Also hieß es für dich, um jeden Preis raus aus Indiana?
Freddie Gibbs: Mein ganzes Leben war immer davon bestimmt, ein Schritt weiter zu gehen, das nächste Level zu erreichen. Wenn man nicht über den Tellerrand gucken will, dann schließt man sich selbst von so vielen Sachen aus. Ich würde meine Kindheit gegen nichts in der Welt eintauschen, sie hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Weißt du, in Gary wohnen auch viele gute Menschen, die hart arbeiten. Doch es ist nicht mehr wie früher, als der gesamte Block deine Familie war. Wenn du an einem Ende der Straße Mist gebaut hast, dann erzählte der Nachbar es deiner Mutter und du hast Ärger gekriegt. Diese Umgebung, in der man ein Kind großziehen sollte, gibt es heute nicht mehr. Das müsste man wieder hinkriegen.

Dein Leben hatte viele Höhen und Tiefen zwischen Sportstipendium und Knast. Gibt es etwas, dass du wirklich bereust?
Freddie Gibbs: Nein, eigentlich nicht. Aber es gibt viele Sachen, auf die ich nicht besonders stolz bin. Ich habe meiner Mutter das Herz gebrochen, als sie mich aus dem Knast kommen sah. Ich war oft respektlos zu ihr und habe nicht auf sie gehört. Sie hat mich definitiv nicht zu dem erzogen, der ich war, als ich auf der Straße unterwegs war. Ich habe sie so häufig verletzt und das tut mir bis heute leid. Zum Glück verstehen wir uns heute wieder. Wir haben eine starke Beziehung. Sie ist mein Homie.

Fühlst du dich manchmal missverstanden?
Freddie Gibbs: Nein, ich fühle mich höchstens unterschätzt. Ich kümmere mich nicht darum, was andere von mir denken.

»Natürlich ist mir die Message meiner Songs wichtig, aber ich habe keinen Einfluss darauf, wie sie aufgenommen wird.« (Freddie Gibbs) Schwer zu glauben, dass es dir egal ist, ob deine Message ankommt bei den Menschen.
Freddie Gibbs: Natürlich ist mir die Message meiner Songs wichtig, aber ich habe keinen Einfluss darauf, wie sie aufgenommen wird. Das kümmert mich wirklich nicht. Ich sage Sachen, die gesagt werden müssen. Sachen, die andere sich nicht trauen. Außerdem sind die Menschen heutzutage so übersensibel. Ich sage etwas und schon bin ich ein Rassist, ein Schwulenhasser oder Frauenfeind oder Krimineller. Die, die mich kennen, die wissen, wie es in meinem Herzen aussieht, wissen, was ich sage. Nur das zählt.

Ein Großteil deiner Texte dreht sich um Drogen. Hast du deine eigene Grassorte? Nicht wenige Rapper brüsten sich ja damit.
Freddie Gibbs: Nein, ich rauche ganz normales OG Kush. Letztens war ich in Amsterdam, da hatten sie das tatsächlich da. Mann, in Cali bauen sie das beste Gras der Welt an.

Was war seit der High School die längste Phase ohne Drogen für dich. Kannst du dich daran erinnern?
Freddie Gibbs: (lacht): Also ich bin jetzt nicht so ein Drogenkonsument, ich rauche nur weed. Aber das letzte Mal ohne Alkohol oder Gras oder verschreibungspflichtige Tabletten war wohl im Boot Camp. Da ging gar nichts. Im Knast dagegen war es einfach an weed zu kommen. (lacht)

Wann war dieses Boot Camp?
Freddie Gibbs: 2001, 2002. Das ist lange her. (lacht halbherzig und wird wieder ernst) Weißt du, ich hatte meine Probleme mit Drogen. Ich war abhängig von rezeptpflichtigen Medikamenten. Es hat auch Zeit und Anstrengung gekostet, da raus zu kommen und sich selbst bewusst zu machen, dass man kein Drogenabhängiger mehr ist. Dazu musste ich aber auch meine gewohnte Umgebung verlassen. Mit harten Drogen hatte ich dagegen keine Probleme. Verkaufen ist eine Sache, aber mir Trips darauf geben, das war nie mein Ding.

Bist du nach etwas anderem süchtig?
Freddie Gibbs: Ja, ich bin süchtig nach weed, Pussy und Geld. Ohne die kann ich nicht. (lacht)

Und nach deinem Smartphone?
Freddie Gibbs: Scheiße ja, du hast Recht. Ich kann keine fünf Minuten ohne. Also ich bin süchtig nach Weed, Pussy, Geld und meinem Handy. (lacht)

Du hast mal erzählt, dass du Höhenangst hast. Hast du sonst vor nichts Angst?
Freddie Gibbs: Doch Mann, ich habe Angst vor Wasser. Ich habe Angst vor Höhen und vor Wasser. Ich kann auch nicht schwimmen. Wenn du mich an den Rand eines Wasserfalls stellst, muss ich augenblicklich sterben. (lacht)

Gary liegt doch direkt am Lake Michigan. Da hast du nie schwimmen gelernt?
Freddie Gibbs: Nein Mann. Das letzte Mal, dass ich im Wasser war, war auf Hawaii, da hat meine Freundin mich dazu gebracht zu schnorcheln. Und dann war da auf einmal eine Riesenschildkröte neben mir, das war abgefahren. Also am Strand chille ich liebend gerne. Ich bin auch oft in Long Beach, aber ins Wasser gehe ich auf keinen Fall.

Du arbeitest mit so vielen verschiedenen Produzenten zusammen. Was glaubst du, mögen die an dir? Was macht dich besonders?
Freddie Gibbs: Also die meisten von denen sind tatsächlich Homies und Freunde, aber davon mal abgesehen ist es wahrscheinlich meine Arbeitsmoral. Da kommen nicht viele ran. Und das treibt dann auch sie an.

» Ich habe Angst vor Höhen und vor Wasser. Ich kann auch nicht schwimmen. Wenn du mich an den Rand eines Wasserfalls stellst, muss ich augenblicklich sterben.« ( Freddie Gibbs) In Europa bist du ohne Backup aufgetreten. Wolltest du es so aus stilistischen Gründen, oder wolltest du die Gage nicht teilen?
Freddie Gibbs: (lacht) Nein, die Gage hätte ich schon geteilt, aber ich wollte beim neuen Publikum einfach, dass der Fokus auf mir liegt und nicht auf irgendeinem Hypeman. Sonst habe ich schon einen Backup dabei, aber hier wollte ich es nicht.

Du hast in Europa vor 400 Leuten gespielt, aber auch vor 40. Ist das schwer für dich?
Freddie Gibbs: Nein, die Crowd muss in jedem Fall gerockt werden. Wenn das der Job ist, für den du bezahlt wirst, dann hast du ihn gefälligst auch zu erledigen.

In den letzten Monaten und Jahren wurde mehrere Albumprojekte von dir angekündigt… Lass uns die mal durchgehen: Was ist mit dem Album mit Ski Beatz?
Freddie Gibbs: Das kommt, aber ich weiß wirklich nicht wann. Ich habe gerade erst angefangen.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Freddie Gibbs: Ich bin andauernd in New York, fast die Hälfte des Jahres. Ich kenne Damon Dash und bin gut mit Curren$y befreundet. Und darüber haben wir uns dann auch angefreundet.

Was ist mit dem Album mit Madlib?
Freddie Gibbs: Das ist so gut wie fertig. Ich habe bestimmt schon 80 Prozent. Es wird »Madgibbs« heißen und wahrscheinlich ist es das Außergewöhnlichste, was ich in meiner gesamten Karriere bisher veröffentlicht habe. Es wird definitiv herausstechen. Zufällig habe ich alle Songs davon gerade hier auf meinem Smartphone (sucht und zeigt die Playlist). Wer mir das klauen würde, hätte pures Gold in den Händen. (lacht)

Was ist mit dem Album »Devil‘s Palace« zusammen mit Alchemist?
Freddie Gibbs: (guckt verwundert und schüttelt mit dem Kopf)

So ist es im Internet zu lesen, angekündigt noch für dieses Jahr. Stimmt also nicht?
Freddie Gibbs: Also ich würde gerne mit ihm zusammenarbeiten und das habe ich auch mal in einem Interview gesagt. Und wahrscheinlich würde ich auch das Album so nennen, aber da ist bis jetzt noch nichts geplant. Wir haben immerhin losen Kontakt und leben beide in Los Angeles, also wer weiß?

Dann ist noch ein Album angekündigt mit Chip Tha Ripper sowie Chuck Inglish und Mikey Rocks von The Cool Kids, ihr vier zusammen als Pulled Over by the Cops…
Freddie Gibbs: Ja, das ist auch in Arbeit, aber wir haben alle viel zu tun gehabt in letzter Zeit.

Diese Rap-Supergroup-Sachen funktionieren momentan ziemlich gut.
Freddie Gibbs: Ja, aber wenn was funktioniert, dann wird es auch schnell ausgereizt. Mich interessiert so etwas nicht. Wenn es soweit ist, dann ist es so soweit.

Und was ist dann dein nächstes Album?
Freddie Gibbs: Das wird »Baby Face Killa« sein, mit DJ Drama. Und natürlich mit Young Jeezy und den CTE-Jungs drauf. Und Daz, Daz Dillinger, das ist mein Homie.

Die Musik von Freddie Gibbs findest du bei hhv.de. Und dieser Link führt dich zur Webseite von Freddie Gibbs.
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