Music Kolumne | verfasst 15.07.2015
Vinyl-Sprechstunde
Vince Staples' »Summertime '06«
Wir begrüßen einen Gastdozenten zur Vinyl-Sprechstunde: Julian Brimmers. Er soll zwischen Aigner und Kunze vermitteln, die sich angesichts der Komplexität von »Summertime ’06« dieses Mal nicht einig sind.
Text Florian Aigner, Julian Brimmers, Pippo Kuhzart
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Kunze: Gut, ich habe mir das jetzt dreimal angehört. Hatte nach dem ersten keinen Bock auf das zweite Mal, nach dem zweiten keinen Bock auf das dritte. Und jetzt ist’s auch nicht anders.
Aigner: Ich verstehe nicht, wie man nach »Lift Me Up« sich nicht direkt verbeugen will.
Kunze: Weil mich das nicht packt. Einfach so nicht packt.
Aigner: Gastdozent Brimmers, übernehmen sie.

Brimmers: Haben wir schon angefangen?? Ist das Ding hier an? Aber ja, »Lift Me Up« würde mir auch schon reichen.
Kunze: Ja ey, »Lift Me Up« habe ich beim ersten Mal hören nach einer Minute auch direkt aufgedreht. Aber danach verrumpelt sich das Ganze so ins Rumpelige.

Brimmers: Vince Staples regiert über Bassline und Küchengeklapper am meisten, finde ich.
Aigner: Bassline und Geklapper, ja!
Brimmers: Das war ja auch schon bei »Blue Suede« das Rezept.
Kunze: Aber hier ist doch einfach zu viel Geklapper?!
Aigner: Finde ich gar nicht so: »Loca« ist doch eigentlich geiles Neptunes-Klapperschlangengerassel. Ich brülle da auch nach dem »Baby, Baby« mental immer »WHAT HAPPENED TO THAT BOY« hinterher.
Kunze: Mir schnuppe, ob da ein Song nach The Neptunes und der nächste nach No I.D. klingt – auf Albumlänge verheddert sich das für mich ineinander.

Aigner: Machen wir doch mal systematisch weiter: zwei Mal Bassgeratter, ein Mal Schrottkarrenhyphy und ein Mal Neptunes: das ist doch nach vier Tracks eine mächtige Bilanz…
Kunze:… und trotzdem baut sich bei mir einfach kein Gesamtvibe auf. Und das finde ich bei einem ASAP Rocky-Album (siehe letzte Vinyl-Sprechstunde) völlig in Ordnung und sogar erfrischend, aber hier wird ja erzählt und nachgedacht und alles. Und um mich in eine Geschichte zu holen, muss die Atmosphäre stimmen.

Brimmers: Gesamtvibe finde ich sogar sehr, äh, da. Ist der nicht schwül, weil in Khakis über Timbos bei 40 Grad? Oder ist es gerade nur zu heiß draußen?
Aigner: Auf jeden Fall ein ungeduschtes Album, stinkig im Club. Das finde ich gut.

Brimmers: Ou, wollen wir kurz bei »Lemme Know« bleiben? Ganz wichtiges Ding.
Aigner: Spill it, sister!
Brimmers: Wenn man Vince Staples als das zusammennimmt – Abstinenzler, 21, mit 15 Jahren Gangbanger, eloquentester Interview-dude überhaupt – dann überrascht auch nicht, dass Jhene Aiko auf »Lemme Know« das letzte Wort hat und stärker als er aus dem Dialog geht.
Aigner:: Ja, da hab ich noch gar nicht drauf geachtet. Long Beach Feminism ♥. Ich finde den halt inhaltlich dermaßen interessant, weil Vince zwar auch Holier Than Thou ist, aber noch nicht so ein Thesaurus-Monstrum wie Kendrick Lamar.

Brimmers: Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, wie der sich weibliche Stimmen dazuholt, die alle mehr als schmückendes Beiwerk sind. Vince hat gar nicht genug Abstand zu diesem Sommer 06. Das ist doch eher der Versuch mit 21 Jahren, Sense daraus zu machen.« Jhene Aiko sagt am Ende irgendwas von wegen »you fuckin with this once I know you’ll be in love with me« oder so. Das finde ich bemerkenswert, zumal die vorher die ganze Zeit übereinander reden.
Aigner: Ja, und dann geht das direkt über in »Dopeman«, auch da wieder mit seltsamem Rollentausch.
Brimmers: Genau.

Kunze: Finde ich auch alles gut. Aber: Ich finde, dass dem Album zum Verhängnis wird, dass die Musik nach Street-Rap klingt, die Texte aber die Hitze von der Straße nehmen. Versteht ihr, was ich meine? Das zerreißt mir die Atmo.
Aigner: Ich verstehe den Punkt, aber dafür hat er doch gar nicht genug Abstand zu diesem Sommer 06. Das ist doch eher der Versuch mit 21 Jahren, Sense daraus zu machen.
Brimmers: Ich finde dass perfekt balanciert, auf den Punkt, rugged und überhaupt nicht distanziert
Kunze: Mhm, schon. Aber ich lasse mich abschütteln, wenn das ruggede zu schnell wird.

Brimmers: Du hast ein Tempo-Problem hier oder whutt?
Kunze: Jep, komplett. Ich will diesen Sommer halt so »The Art Of Peer Pressure«-mäßig mitverfolgen. Das hier ist mir zu lärmig.

Aigner: Ich finde CD1 halt echt krass, 8.7/10-ig.
Brimmers: CD1 ist 9/10. Philipp, wie ist so deine Neptunes Lööööhv?
Kunze: Hell Hath gleich GOAT-Level. Aber Pusha und Malice beißen auch mit weniger Wörtern. Da komm’ ich mit. Da darf’s dann auch drumherum lärmen.

Brimmers: Oh, point taken. Weißt du, wo ich dir musikalisch Recht geben würde? Im zweiten Teil ist definitiv zu viel Geklöppel continued…
Kunze: Mhm, vllt muss ich echt CD1 nochmal als eigenständiges Album hören, ohne mich danach von dem Rest anstrengen zu lassen. Aber ich stehe ja auch alleine. Ihr findet es geil, Pitchfork hat gerade auch ne 8.8. gegeben. Was findet ihr denn so 9/10ig daran?

Brimmers: Also, re: grenzenlose Begeisterung muss ich nochmal kurz zu Aigner’s Inventur: Da sagst Du doch, wenn Earl Sweatshirt nicht exklusiv mit sich selbst blablub, dann Vince Staples, oder? Ich würde noch hinzufügen, dass Vince halt Funk/Phunk/Phonk (und Hyphy & Neptunes) zulässt, anstatt nur auf düstere Verstolperer zu setzen, was das Ganze als Westcoast Wunderkind-Album viel stimmiger macht. Und schöner zu hören.

Kunze: Aber hier wird auf so schlaue Art und Weise Vielschichtiges, Uneindeutiges diskutiert. Und da brauche ich einfach eindeutigere Soundentwürfe dafür. Ich will mehr Atmosphähäääre!
Aigner: Ich glaube, wir müssen zur Paartherapie, so haben wir ja noch nie aneinander vorbeigeredet. Mir ist das zu laut, um dauerhaft konzentriert mitzuhören, und zu erwachsen, um dazu upzuturnen. »Summertime«? Keine Atmosphäre? »Lift Me Up«? Kein Atmospäre? Boo, i beez verzweifelt.
Brimmers: Atmosphäre ist für mich die größte Stärke der Platte. Total kohärent, man merkt dass ein Dude exekutiv dahinter saß etc. Ich versteh die Welt nimmer.
Kunze: Ey, ganz kurz: Mir ist das zu laut, um dauerhaft konzentriert mitzuhören, und zu erwachsen, um dazu abzuturnen.

Brimmers: Hmm,das ist nachvollziehbar, Vince nimmt jetzt weder die Höhen noch die Tiefen so hundertprozentig mit, näch. Aber »Jump Off The Roof« denn? Den finde ich ziemlich essentiell, das schwingt doch bei allen Songs mit… »I Pray Coz I Need Em« ist doch eine super Line zum öfters sagen (vor allem bevor man sich vom Dach stürzt).
Kunze: Der Song ist halt einfach stressig.

Aigner: Ich habe gerade das Gefühl, man kann dir heute eh nix anbieten außer Gerry Rafferty [»Heart«-Emoticon].
Brimmers: Ja gut, aber wie soll sich ein Song über Geplantes-vom-Dach-stürzen denn anhören, wenn nicht dringlich?
Kunze: So, als würde man schon platt aufm Beton rummatschen.
Brimmers: Haha.
Aigner: Hast du doch »Birds & Bees«. Da liegt die Leiche ja in der Dead Alley.
Brimmers: Jedem seine Selbstmordfantasien.

Aigner: Zurück zum Tempo. Weil da liegt ja offensichtlich dein Problem. Also jetzt völlig naiv aber: ich empfinde das als langsames Album. Du nicht?
Brimmers: Ja, ich bin da auch überrascht, halt alles perkussiv sehr voll – aber schnell?
Kunze: Ich liebe ja Percussions. Vielleicht aber nur, wenn sie alleine sind, oder wenn ich dazu tanzen kann, als hätte meine Mama mir mehr als nur rein kaukasische Gene gegeben. Aber nicht als Grundlage für versierten Rap mit Poesie und Message.

Brimmers: Ja, ich finde das gerade geil, dass der stylish rappt, clevere Dinge sagt, aber halt funky und nicht auf Sllbenzählerei und künstlich low-key.

Kunze: Mhm, es mag echt nur meine Überforderung sein. Deshalb jetzt mal nicht ihr GEGEN mich, sondern ihr FÜR Vince. Schmiert euch doch zum Ende nochmal so richtig voll.
Aigner: Naja, es hat ja schon zwei Spannungsbögen. Den ersten auf CD1 finde ich super, CD2 ist etwas unschlüssiger, zumindest musikalisch, aber selbst das finde ich nicht so schlimm, weil ich glaube, dass Vince einer meiner aktuellen 5 bis 10 Lieblingsrapper geworden ist. Und jeder, der Gags auf Kosten von Chris Paul und Wade macht, hat eh gewonnen. Müsste ich, würde ich: 8,3 von 10.

Brimmers: Ich wüsste nicht wann ich zuletzt so unstressig an der Gedankenwelt eines 21-jährigen Teilhaben konnte, der über so abgefahrene Scheiße erzählen kann, ohne professoral zu werden. Durchgehend atmosphärisch. Super Stimme, mit der er auch noch was anzufangen weiß, siehe Jhene Aiko-Track und »Summertime«. »Und jeder, der Gags auf Kosten von Chris Paul und Wade macht, hat eh gewonnen.«

Kunze: Gut. Okay. Mein Fazit: Ich will einfach kein Deep Talk am Küchentisch führen, während sie (die Küche) jemand neben mir entrümpelt. Ich empfinde einfach nix fürs Album. Aber alles was ihr sagt, macht Sinn. Ihr habt Recht und ich meine Gefühlswelt. So war’s auch damals, mit mir und den Lehrern, mit 16, in der Schule.
Aigner: Das ist ok, wir haben alle mal unsere Tage. Öh fuck, streich mal, das klingt schriftlich zu sehr nach Waldi Hartmann.
Kunze: Hahahaha, für den zweiten Satz muss es jetzt leider drin bleiben.

»Summertime« von Vince Staples findest Du bei hhv.de auf LP
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Ihre Musik ist wie ein langer, ruhiger Fluss aus Strom: Kaitlyn Aurelia Smith macht mit Synthesizern und Stimme Musik, die mehr auf Entspannung als auf Anspannung setzt. Ihr neues Album erweitert diesen Weg durch Körperbewegungen.
Music Porträt
Muriel Grossmann
Abstraktion mit Blick aufs Meer
Die Saxofonistin Muriel Grossmann kommt auf den Balearen zur Abstraktion, reitet mit Hard Bop die Wellen und bringt sogar Milliardäre aus der Fassung. Wer ist die heimliche Pionierin des spirituellen Revivals?