Music Review | verfasst 23.11.2020
William Basinski
Lamentations
Temporary Residence, 2020
Text Kristoffer Cornils
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Redaktion
Cover William Basinski - Lamentations

Zuletzt hat sich William Basinski nach langer Zeit wieder das Saxofon umgeschnallt und gemeinsam mit seinem Studiopartner Preston Wendel unter dem Namen Sparkle Division bizarre Jazz-Derivate veröffentlicht. Mit »Lamentations« aber kehrt er zu seinen Kernkompetenzen und damit zu den Loops zurück, aus denen sich sein musikalisches Schaffen seit jeher speist. Statt aufgekratzter Vaporwave-Stimmung herrscht eine Atmosphäre vor, wie sie im Titel der Doppel-LP bereits ihren konzisen Ausdruck findet: Es wird mal wieder produktiv getrauert. Derweil sich das Gros von Basinksis dicht geschichtetem Ambient allerdings aus Mitschnitten von instrumentaler Muzak stützte, die damals vom Empire State Building aus durch die Stadt gefunkt wurden, werden auf »Lamentations« auch jazzige und Big-Band-Anklänge und sogar Stimmen erahnbar. Am deutlichsten auf »O, My Daughter, O, My Sorrow«, auf der eine Frau in einer arabisch anmutenden Sprache aus dem Soundstrudel heraus wie eine Sirene ein Klagelied anstimmt, und dem elfminütigen »All These Too, I, I Love«, dessen arienhaftes Kernelement ständig von mechanischem Stottern – eine springende Nadel vielleicht, oder noch eher eine Beschädigung des Magnetbandes – unterbrochen wird und dessen Prinzip im lakonisch »Please, That Shit Has to Stop« betitelten Folgetrack nahtlos aufgenommen wird. Es sind die drei eindringlichsten, weil auf weirde Weise poppigen Stücke eines Albums, auf dem Basinski seinen sehr abstrakt ausgefallenen letzten Solo-Alben gegenständliche, fast körperliche Kompositionen entgegenstellt. Die Kürze der Stücke trägt umso mehr dazu bei, dass »Lamentations« ohne Weiteres als sein bestes Album seit den monumentalen »Disintegration Loops« eingeordnet werden kann. Die Melancholie, seit Beginn seiner Solo-Karriere Ende der neunziger Jahre einen intensiven und traumlogischen Ausdruck in dumpf wogenden Klangskulpturen fand, war in seinem Schaffen selten dermaßen konzentriert und plastisch erfahrbar wie in dieser knappen Stunde. Die Trauer, sie wird plötzlich greifbar, und damit die von Basinski neu arrangierte musikalische Vergangenheit zum zeitgemäßen Kommentar auf die Unzeit, die sich Gegenwart schimpft.

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