Music Review | verfasst 21.04.2016
Various Artists
Wake Up You! The Rise And Fall Of Nigerian Rock, 1972-1977
Now Again, 2016
Text Kristoffer Cornils , Übersetzung Julia Frohn
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Redaktion
Cover Various Artists - Wake Up You! The Rise And Fall Of Nigerian Rock, 1972-1977

Es gibt drei Arten von stereotypen Bildern, die wir mit Afrika assoziieren: Die von fröhlichen schwarzen Menschen mit weißen Zähnen in traditioneller Kleidung, die von weißen Wohlmeinenden mit armen, aber glücklichen schwarzen Kindern im Arm (gerade auf Tinder anscheinend sehr beliebt) und natürlich Bilder vom Krieg. Abgemagerte Kinder mit AK47, mit Macheten posierende Gruppen wütender Männer, gereckte Fäuste, verzerrte Gesichter, Blut. Das sagt viel über uns und unsere Sicht auf diesen kulturell vielseitigen Kontinent aus, den in erster Linie wir mit Krieg und Unterdrückung überzogen haben. Das Cover der über den Stones Throw-Ableger Now Again veröffentlichten Compilation »Wake Up You! The Rise And Fall Of Nigerian Rock, 1972-1977« allerdings ziert genau so ein Foto: Ein junger Mann starrt ausdruckslos in die Kamera, Kopf und Schulter sind mit einem Patronengurt behangen. Es ist ein beeindruckendes Bild, dessen martialische Implikationen in ihrer Ästhetisierung fast zynisch wirken. Es spiegelt aber vor allem die historischen Gegebenheiten wider, unter welchen die 18 Songs auf der Compilation, die inklusive eines 100seitigen Buches mit weiteren Fotos und Texten des William Onyeabor-Wiederentdeckers und Musikwissenschaftlers Uchenna Ikonne daherkommt, entstanden sind. Ab 1967 fiel der westafrikanische Staat in eine Instabilität, die in einem handfesten Bürgerkrieg endete. Ob der funkige, dezidiert unpolitische Rock von der Formulars Dance Band, Wrinkar Experience oder Funkees – um nur drei von vielen Highlights zu nennen – allerdings wirklich heilende Kraft für die nigerianische Gesellschaft hatte wie es das Label behauptet, ist eine andere Frage: Anfang der achtziger Jahre besetzten die Militärdiktaturen das Land. Was »Wake Up You!« jedoch zweifelsohne leistet, ist ein Blick hinter die Bilder und einige fantastische Neuentdeckungen jenseits von Fela Kuti, einem der großen Söhne Nigerias. Von beschwingtem Funk (Ify Jerry Krusade, Aktion), schwermütiger Psychedelia (Onye Ije) bis hin zu fast punkigen Ausbrüchen (War-Head Constriction) und von lokalen Rhythmiken geprägten Stücken (Hygrades, P.R.O.) durchläuft die umfassende Sammlung eine – zumal für einen mit fünf Jahren relativ eng umsteckten Zeitraum – erstaunliche Vielzahl von stilistischen Facetten. So wie sich Afrika als ganzer Kontinent nicht in drei Bild-Stereotypen zusammenfassen lässt, so schwer fällt es eben auch, nigerianischen Rock aus den siebziger Jahren zu verschubladen. Das heißt glücklicherweise, dass es umso mehr zu entdecken gibt – die zweite Ausgabe »Wake Up You!« ist hoffentlich bereits in Arbeit.

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