Aigners Inventur – Februar 2014

04.03.2014
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Patten, Schoolboy Q, Kassem Mosse und The Notwist.
ScHoolboy Q
Oxymoron
Interscope • 2014 • ab 28.99€
Schoolboy Qs »Oxymoron« ist ein unerwartet schwerer Brocken. Erste Annäherungsversuche erfolgten im Rahmen zweier 2K14-Partien, die Kollege und Eurostep-Legende P. Kunze recht unbeeindruckt aber treffend mit einem »hätte auch in jedem Jahr in den letzten 20 Jahren erscheinen können« quittierte. Zwischen Noah’schen Offensiv-Rebounds (Aigner) und und einer surreal liebevoll-komplexen Beziehung zu Marcin Gortat (Kunze), ging dann der wahre Gehalt des Albums jedoch erwartungsgemäß verloren. Dabei merkt man bei konzentriertem Hören sehr genau, dass sich Schoolboy Q von der mehr als euphorischen Rezipierung des Kendrick’schen Geniestreiches durchaus hat inspirieren lassen. Westküsten-Hedonismus wird sofort und oft zynisch von väterlichen Versagensängsten konterkariert, Man Of The Year-Schulterklopfen mit den eigenen Suchtproblemen. Und dazwischen eine große Menge rekontextualisierter Samples, die bereits in den Neunzigern teils prominent geflippt wurden und nun hier einer neuen Hörerschaft ans Herz gelegt werden. Hits gibt es, aber sie passieren eher zufällig, zwischen humorloser Alchemie, furztrockenen Raekwon-Sechzehnern und einem völlig unerwarteten Kurupt-Vers. Das klang jetzt vielleicht nicht so, aber: irgendwie schon geil, was hier passiert.

Weil sich diese Rapper wieder besonders viel Zeit lassen, um aus ihrem weihnachtlichen Kush-Koma zu erwachen gibt es diesen Monat außer Schoolboy Q auch nur zwei Mixtapes, die ich ad hoc als besprechenswert rezipiert habe. Zunächst wäre da Rome Fortune, der allein schon mit diesem Cover praktisch die Platte des Monats verzeichnet, aber glücklicherweise auch musikalisch nachlegt. Und zwar richtig. »Beautiful Pimp 2« ist kurz, kohärent, Organized Noise-sozialisiert und künstlerisch ein Statement gegen den Khaledismus. Auch letzterer hat seine Daseinsberechtigung, aber wenn sich mal jemand so konsequent der All Starisierung des Spiels widersetzt wie Rome Fortune hier, dann ist das schon mehr als eine Meldung wert.

Fast noch mehr am Herzen liegt mir God. Das könnte gut und gerne der Slogan für ein besonders debiles Bible Belt Tattoo sein, ist aber auf einen dieser jungen Chiraq-Typen bezogen. Das Ungewöhnliche an jenem God ist, dass er zwar in der Klarheit seiner Ansagen durchaus mit der O.T.F/G.B.E-Lebensphilosophie d’accord sein könnte, gleichzeitig aber auch deutlich von Stilisten wie Kendrick, Nas oder auch Tree beeinflusst ist. Das führt noch zu einer gewissen künstlerischen Unentschlossenheit, aber »Before The Bible« ist als erster Kick in die Tür schon von einer Wucht, die noch einiges erwarten lässt zukünftig.

Illum Sphere
Ghosts Of Then And Now
Ninja Tune • 2014 • ab 21.99€
Erwartungen durfte man definitiv auch haben an Illum Sphere, dessen Debütalbum auf Ninja Tune aber einfach nicht weiß, was es sein will. Die Karriere begann mit Wonkerei, die gerade Vier hat aber auch ihre Reize, Footwork und Jungle sowieso. »Ghosts Of Then And Now« ist also durchaus ein typischer Zeuge der Zeit, nur dass er mit seiner Geschichte zu penetrant Klinken putzen geht und vergisst, dass eine solche Geschichte meist von ihren Zwischentönen lebt.

Com Truise
Wave 1
Ghostly International • 2014 • ab 13.99€
Auch mit Com Truise werde ich nicht so recht warm. Schon sein erstes Album wirkte in seiner überzeichnet perfektionistisch-pedantischen Art eher wie ein vertonter Flyer für retrofuturistisches Design-Circlejerking denn genuin produzierte Musik. Auch »Wave 1« ist wieder mehr Seht Her! als Hört Zu! und in seiner Style-Obsession zwar konsequent, aber auch viel zu vorhersehbar.

Poemss
Poemss
Planet Mu • 2014 • ab 13.99€
Wer sich nicht vom tumben Urban Outfitters-Cover abschrecken lässt, bekommt mit Poemss hingegen ein ebenfalls exzessiv käsige 80s-Synths auffahrendes, aber wesentlich fragileres, ja sanftes Album geschenkt, und das obwohl sowohl Planet µ, als auch der hier exekutiv tätige Venetian Snares nun nicht unbedingt der Ruf vorauseilt besonders kuschelig veranlagt zu sein. Das mag auch an Joanne Pollock liegen, deren Vocals wunderbar antithetisch zu Funks grobem Timbre funktioniert und so eine durchaus interessante Dynamik entwickelt.

Patten
Estoile Naiant
Warp • 2014 • ab 12.34€
patten hat unterdessen genau die richtigen Gönner gefunden. Fühlten sich zahllose Warp-Signings in den letzten Jahren wie am Reißbrett entschieden an, ist »Estoile Naiant« endlich wieder ein Album, das in seiner Verkopftheit dort genau richtig ist, aber auch jene Instinktivität aufweist, die die wirklich guten Warp-Veröffentlichungen von den bloßen Strebereien unterscheiden. Ambient spielt hierbei eine Rolle, aber eher im Sinne von Amon Tobin denn Brian Eno irgendwo ist Richard D James auch Pate, aber das ist er ja immer. Und dennoch ist da etwas, was anders ist als sonst. Womit wir wieder bei der Sache waren, die Warp einst auszeichnete.

Untold
Black Light Spiral
Hemlock • 2014 • ab 17.99€
Untold ist eine Zicke. Nicht menschlich, da gibt er sich gerne als der unprätentiöse Lad, der hinter seinen perkussiv teils hyperkomplexen Tracks nichts mehr sieht als Handwerk für Nachtclubs. Musikalisch ist auch »Black Light Spiral« wieder mehr Autoren-Techno als viele dieser überambitionierten Dial-trifft-Stockhausen-trifft-Kammerorchester-Geschichten und das aber auf eine derart bockige Art und Weise, dass der Einleitungssatz in diesem Abschnitt Not tat. Wie klaustrophobisch hier in den tiefen Frequenzen erzählt wird, ist schon ganz stark.

Morphology
Identity Component
Zyntax Motorcity • 2014 • ab 22.99€
Eine klassischeres Narrativ verfolgen weiterhin Morphology, deren bisherige Alben völlig zu Unrecht kaum Beachtung fanden, obwohl kaum einer derart elegant die 50 Shades Of Drexciya ins Zentrum seines Schaffens stellt, wie diese Finnen. »Identity Component« ist durchgängig Hommage, ganz klar, aber darin so zeitlos und charmant, dass das an dieser Stelle explizit als Kaufargument aufgefasst werden soll.

Derweil kristalliert sich Kassem Mosse mehr und her als Deutschlands eigenwilligster House- und Techno-Produzent dieses Jahrzehnts heraus. Seit jeher großen Eindruck machend, sei es auf die Briten oder aber sogar auf den nicht besonders leicht zu begeisternden Alex O. Smith, bleibt Mosse weiter rastlos und veröffentlicht nun über Workshop ein Soloalbum, das er wahrscheinlich gerne eher als ausgedehnte EP verstanden haben will, um es von Kohäsionserwartungen zu befreien, genau dieses Definitionsgehampel hat der Doppelpack aber sowieso gar nicht nötig. Das ist kleinteilige House-Musik, die mit sich selbst völlig im Reinen ist, nicht diese teutonische Malen-Nach-Zahlen-Deepness heuchelt und in ihrer Toughness teilweise tatsächlich an Omar-S erinnert.

Kangding Ray
Solens Arc
Raster Noton • 2014 • ab 20.99€
Eine ganz wunderbar unterkühlte 2LP erreichte uns derweil von Kangding Ray, dessen viertes Album für Raster Norton positiv ausgedrückt zeitlos klingt und Techno in dieser typischen Autechre-Brechung liefert, bei der man direkt das I, das D und das M mitdenken muss, insbesondere, wenn man an einem Sonntagmorgen feststellt, dass die Zahnpasta ausgegangen ist und diese Erkenntnis von »Crystal« bitterböse begleitet wird.

Achterbahn D'Amour
Odd Movements
Absurd • 2014 • ab 20.39€
Zu Achterbahn D’Amour möchte ich in erster Linie einmal loswerden, dass Achterbahn D’Amour ein toller Name ist und ein Album auch Achterbahn D’Amour heißen sollte, wenn man denn schon Achterbahn D’Amour heißt. Diesem Gedanken schlossen sich Iron Curtis und Jool nicht an, wohl aber verfolgen sie auf »Odd Movements« weiter konsequent diesen blubbrigen Acid-Sound, zu dem man sich eher eine Tolle wachsen lassen will, als sich morgens um 7 ein Stirntatoo mit einem Zahnstocher zu stechen. Das ist irgendwie auch ein bißchen deutsch, ein bißchen gehemmt, ein bißchen zu überlegt, aber irgendwo in seiner Feingeistigkeit auch wieder so unschmerzhaft, dass man sich dazu doch ganz erhaben fühlt während man in seiner gentrifizierten Wohnung Brokkoli blanchiert.

»Bruta Non Calculant’s debut album blends new wave elements with folkloric balladry impeccably, and approaches this with a modern sensibility. ›World In A Tear‹ is an elegant collection of seductive songs.«_ Das sagt der Waschzettel von Cititrax. Eine ungewöhnlich vorsichtige Formulierung dafür, dass die beiden Brüder hier die seltene Balance zwischen weinerlicher Joy Division Erstsemester-Pose und seelenberaubtem Nowave-Nihilismus finden und mittels Roland-Romance auch noch die House-Konservativen abholen. Cititrax, immer noch eines der am herausragend kuratiertesten Labels, quod erat demonstrandum.

Notwist, The
Close To The Glass
City Slang • 2014 • ab 20.99€
Ach, zu The Notwist hat meine Generation ja schon eine spezielle Beziehung. Kaum jemand der einen Großteil der Nuller in asbestverseuchten Hörsälen verbracht hat und nicht mindestens eine handvoll nostalgischer »Neon Golden«-Anekdötchen erzählen könnte. Nun ist »Close To The Class« weder Quantensprung noch Redefinition des Weilheimerismus, aber das erwartet 2014 auch keiner. Stattdessen verstehen es die alten WG-Küchen-Götter heute immer noch bemerkenswert geschmackssicher zwischen Frickelei- und Derrida-Romantik den Soundtrack für Freunde-von-Freunden-Pop-Ups einzuspielen.

St. Vincent
St. Vincent
Caroline • 2014 • ab 35.99€
Ui, ich entdecke bei St. Vincent ja immer wieder diesen seltsamen Drang in mir mit viel zu hoher Stimme und zu vielen i-Lauten zu sprechen, weil die gute Annie Clark einfach immer die richtigen Knöpfe bei mir drückt. Polyphonic Spree, super, David Byrne, sowieso, Kulleraugen, aber hallo. So schön also, dass auch das neue Album wieder ein greller Poptraum und Annie (wir duzen uns) eine ganz ausgezeichnete Songwriterin ist. Vielleicht sollte ich meine Prioritäten ordnen und wesentlich öfter Songs wie »Birth In Reverse« hören (»Oh what an ordinary day / take out the trash, masturbate«).

Beck
Morning Phase
Capitol • 2014 • ab 36.99€
Zum Schluss noch die bahnbrechende Erkenntnis: Beck ist Beck ist Beck. »Morning Phase« ist ein smartes Album, weil Beck nach all den Jahren endlich mal das ist, was wir gar nicht wussten, was er sein kann: die geile Version von Jack Johnson. Ohne Flip Flops und Ukulele. Mit Streichern und janz viel Jefööl Moralisten vermuten dahinter direkt wieder Scientology-Nepperei, stattdessen ist »Morning Glory« eine grandios entschlackte und pointierte Coming Of Age-Platte eines ehemals notorisch Getriebenen. Und dass sich dazu jetzt auch noch ein schüchterner Sonnenstrahl auf meinem Trackpad verirrt, ist schon wieder so ekelhaft schön, dass wir das alles an dieser Stelle schleunigst beenden und mal schön das Altglas wegbringen.