Aigners Inventur – März 2017

05.04.2017
Manche schielen Richtung Vernissage, andere nur auf den nächsten Big Mac: es war auch für die Releases im März schwer unseren Kolumnisten vollends zu überzeugen. Einige haben es doch geschafft, einmal ist sogar klar: für immer.
Drake ist eine Wurst. Ich korrigiere: Drake ist eine Bulette und »More Life« die bittere spätadoleszente Einsicht, dass Big Mac und Pommes irgendwann nicht mehr die Erlösung in allen Lebenslagen sind, sondern am besten extremst selten und kontextabhängig konsumiert werden sollte. Eine Einsicht die schmerzt, aber spätestens nach der x-ten Frikadellisierung fremder Ideen nun unvermeidlich geworden ist, vom Flötenloop bis zur Selbstparodie. Deswegen ist diese »Playlist« (hüstel) auch am besten als solche zu betrachten: ein Maxi-Menü, das am Stück immer schwer im Magen liegt, aber mit 2-20 Bier und zuviel feels ab und an kurz Spaß macht.

Ähnliches gilt für den von mir immer noch hoch geschätzten Mike Will Made It, der aber auch auf dem zweiten Teil der »Ransom«-Reihe wesentlich weniger emphatisch Akzente setzt als im Tagesgeschäft (Kendrick Ausrufezeichen). Auch wenn er mit seiner Vorliebe für plakative Piano-Presets jeden ›echten‹ Musiker in den Wahnsinn treibt: was bangt bangt.

Freddie Gibbs war noch nie als Stimmungskanone bekannt, wie er nun aber die nicht gerade einfachen letzten beiden Lebensjahre in eine fast schon Tupac’sche transzendente Schwermut übersetzt, macht sein neues Album »You Only Live 2wice« stellenweise zur Bürde für den Zuhörer, gleichzeitig aber auch zu einem dieser viel zu rar gewordenen konfessionellen Straßenmärchen, bei denen man in den Neunzigern straight von der Schulbank auf die Parkbänke in Queensbridge gebeamt wurde.

Smagghe & Cross
Ma
Offen Music • 2017 • ab 15.74€
Das war’s auch schon mit nennenswertem Rap auf Albumlänge, machen wir also mit Seltsamkeiten weiter. Vladimir Ivkovics Offen Music veröffentlicht mit »MA« der Herren Smagghe & Cross einen weiteren Beweis dafür, dass an der Schnittstelle von Ambient, Drone, Cosmic, Gamelan und wasweißichaberweird momentan die spannendsten Platten entstehen. Ein rhythmisch völlig autonomes, musikalisch halb verweigerndes, halb umarmendes Album, das klingt wie niemand anders und trotzdem perfekt in den Düsseldorfer Salon und jeden zweiten NTS-Radio-Stream passt.

Suso Sáiz
Rainworks
Music From Memory • 2017 • ab 22.99€
Oder eben nach Amsterdam, wo Music From Memory mal wieder einen Schritt weitergeht und anstatt vergessener Musik einfach neue bei Suso Saiz bestellt hat. Der produziert auf »Rainworks« zwar immer noch perfekt inszenierten DTM-Ambient, die höchsten Höhen seiner ersten Werkschau werden hier allerdings nicht mehr so spielerisch leicht erreicht. Macht aber nichts, wenn ich in dem Alter nur halb so abliefere, verschiebe ich die erste richtige Identitätskrise auf 2065.

Shelter
Zon Zon Zon
International Feel • 2017 • ab 17.99€
Und noch so einer: Shelters »Zon Zon Zon« ist die quintessentielle International Feel EP , irgendwo zwischen der verbummelten Hängemattigkeit von Mark Barrott Harveys Fingerbang-Balearic, der Verschwitztheit von Len Leise und Wolf Müller und der freundlichen Frickelei von CFCF und Cass Vielleicht nicht mehr ganz so wichtig, wenn man alle hier Erwähnten bereits gewissenhaft verfolgt hat, aber eine potentielle Wunderwaffe im Baggersee-Bluetooth-Krieg.

Cologne Tape
Welt
Magazine • 2017 • ab 21.99€
In Köln tut man sich als elektronischer Künstler ab einem gewissen Alter gerne schwer mit der Königsdiziplin Self-Deprecation, allzu gerne wird hier in den 30ern sehr demonstrativ der Schritt von der Rampensau zum Vernissagen-Dünkler zelebriert, unter anderem auch weil Köln historisch so viele gehbare Wege aus dem Bassdrum-Dilemma kennt. Stellenweise auch einen Tacken zu lippenbeißerisch beginnt auch »Welt«, das zweite Cologne Tape All-Star-Showcase, etwas zu ernst zwirbelt sich zunächst das (unbewusste) Krautrock-Erbe um die Kompakt-ismen. Aber wenn sich gen Mitte des Albums, alle genug beschnuppert haben, fetzt dieses späte Kapitel zur Stadtgeschichte dafür umso mehr.

Bartellow
Panokorama
ESP Institute • 2017 • ab 22.99€
Herrlich unverkrampft waren die bisherigen Maxis der Münchner von Tambien. Bartellow schafft es dann auch auf seinem Debütalbum seinen eigenen Jazz-Background so im Zaum zu halten, dass »Panokorama« im Promotext zwar mit Erektionshemmern wie »Retrofuturism merges with Primitivism« unter Wert verkauft wird, aber mit seiner fluffigen Attitüde zwischen Melodiengeilheit und mitternächtlicher Mid-Tempo-Unkompliziertheit auch weniger szeniges Klientel ansprechen könnte und sollte.

Talaboman (Axel Boman & John Talabot)
The Night Land
R&S • 2017 • ab 20.99€
Wobei die vermutlich wieder keine Experimente machen und direkt zu Talaboman greifen, der Kollaboration der beiden Bassdrum-Romantiker Boman und Talabot. »The Night Land« beginnt großartig, mit verzwirbeltem kosmischem Holzfäller-Techno, hält die Spannung aber nicht über die ganze Länge, wenn sich die beiden Protagonisten spätestens ab Mitte des Albums ab und an zu sehr auf das konzentrieren, was sie sonst auch so machen. Dennoch bemerkenswert wie beide es immer wieder schaffen Musik zu programmieren, die Genrefeinde und Genresnobs gleichermaßen bezirzt.

Body Four
Body Four
Brunette Editions • 2017 • ab 4.99€
Diesen Weg hätte auch John Roberts gehen könnne, die melancholische Omnipotenz seiner ersten beiden Alben scheint Roberts aber Jahr für Jahr noch radikaler hinter sich lassen zu wollen. Body Four ist nun ein noch härterer Cut als das spleenige »Plum« zuvor, ein neues Alias’, unter dem Roberts Arthur Russells Cello in einen sumpfigen Teich wirft und anschließend mit Don Cherry Kröten lecken geht. Eine bockige Outtakes-Ansammlung für das Lars Von Trier Trainspotting-Remake, das wir glücklicherweise nie bekommen werden. Kunscht, gute Kunscht.

Conrad Schnitzler / Pole
Con-struct
Bureau B • 2017 • ab 17.99€
Pole war genau der richtige Mann um Conrad Schnitzlers oft unbequeme Musik neu zu interpretieren. Im Rahmen des »Con/Struct«-Projekts bearbeitete Pole die häufig spröden Skizze des 20111 verstorbenen Schnitzlers. Das klingt dann schlußendlich mehr wie ein Remix-Album, zu deutlich erkennbar sind Poles Drum-Sequencing und dubbige Loopiness, aber gleichzeitig auch nach einem maximalst respektvollen Requiem.

Tzusing
Eastern Undefeated (東方不敗)
L.I.E.S. • 2017 • ab 16.99€
»Esther« auf -8. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen zu Tzusings ”Eastern Undefeated«, zu pointiert fasst das Stück all die Stärken eine der besten L.I.E.S. – Entdeckungen zusammen, besonders wenn der dortige K-Hole-Crawl auf diese seltsamen chinesischen Melodien trifft, die Tzsusings häufig vordergründig brutalen EBM-Techno so seltsam zugänglich macht. Rest auch gut (natürlich), »Esther« tho, »Esther« ist für immer.

Varg
Nordic Flora Series Part 3: Gore-Tex City
Northern Electronics • 2017 • ab 20.99€
Es ist schwer zu sagen wie groß der Einfluß der Dude-isierung auf die große Varg – Manie ist. Wer könnte es auch nicht drollig finden wenn ein hemdsärmeliger Skandinavier mit Mayhem-Männe und Lebowski-Gestik putzige Tierfotos und Cloud-Rap-Memes postet? Aber »Nordic Flora Series Part 3: Gore Tex City» ist mehr als dieses Techno Album mit Yung Lean Feature. Viel mehr sogar. Was als sensible Sci-Fi-Oper beginnt und endet, arbeitet sich dazwischen an allen emotionalen und nihilistischen Techno-Tropen ab, poliert ihnen erst den Kühlergrill und dann die Fresse und stolpert schließlich überlegen über zerfetzte IDM-Kadaver. Tautologie for ze win: ein kleines Meisterwerk!

Shed
The Final Experiment
Monkeytown • 2017 • ab 12.99€
Shed wirkt nicht unbedingt wie der Typ, den das alles sonderlich kratzen würde, aber als Zaungast ist es einigermaßen hilariös zu beobachten wie »The Final Experiment« auf einmal nicht mehr genug ist, obwohl Shed bisher immer Narrenfreiheit genossen hat und man nun plötzlich seiner Dreikommanullisierung achselzuckend beiwohnen darf. Dabei könnte man Entwarnung geben: der britisch-kodierte, zersetzte Breakbeat-Rave des mürrischen Berliners ist nicht schlechter geworden, der Markt hierfür vielleicht nur – hallo, Ilian Tape – etwas übersättigter als vor acht Jahren.

Jacques Greene
Feel Infinite
Lucky Me • 2017 • ab 24.99€
Für Jacques Greene hatte ich schon immer Liebe übrig, auch dann als sein saccharider BPM-R&B sich vor Jahren selbst überlebt hatte und heute eher in dem cartoonhaften Sampling der Lo-Fi-House-Trolls weiterlebt. Dabei hat der Kanadier immer noch ein natürliches Ohr für die Schnittstelle zwischen festivalesken Synth-Lines, tränendrüsigen Vocal-Samples und Hip Hop geschulten Breakdowns. Auf Albumlänge ist das dann manchmal ermüdend, auch wenn es genug Tempowechsel gäbe, aber so ganz lasse ich ihn noch nicht gehen.

Alicia Myers
You Get The Best From Me
MCA • 1984 • ab 14.99€
Schätzelcken Kunze hatte mir die erste Sneaks zugeschanzt mit einem »heeeee, ich glaub du findest das auch geil«. Fand ich, gerade auch weil die dreiste Spielzeit von kaum einer Viertelstunde diesen rotzigen minimalistischen Wave-Punk so energetisch aufgeladen hatte, dass sich ein Album endlich mal wie eine UFC-Prügelei anfühlte, bei dem am Ende geknutscht wird. Album Zwei verändert die Formel nicht völlig, aber die kleinen Professionalisierungen führen dazu, dass Sneaks jetzt ein bißchen wie das Substrat aus Peaches und Le Tigre klingt, wenn diese sich damals auf einen Deal mit Urban Outfitters eingelassen hätten. Ergo: ne, nicht mehr geil.

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