Er war nicht nur zeitweise Drummer von Nina Simone, er hat auch ihren Kopfschmuck designt. Wer sich für Jazz begeistern kann, ist vermutlich schon auf Kahil El’Zabar gestoßen – vielleicht ohne es zu wissen. Der Multiinstrumentalist hat mit diversen Größen der letzten 50 Jahre zusammengearbeitet. Er hat mit Pharoah Sanders, Archie Shepp oder Wadada Leo Smith aufgenommen. Er ist mit Dizzy Gillespie aufgetreten, mit Stevie Wonder und Cannonball Adderley. Seine Diskografie zählt über 70 Aufnahmen.
Doch der Einfluss von El’Zabar geht weit über Jazz hinaus. El’Zabar hatte seine Finger bei der Komposition der Broadway-Version von Der König der Löwen im Spiel. Musiker:innen aus Hip-Hop, Neo-Soul, House und EDM zitieren ihn als Einfluss, etwa The Roots, Yasiin Bey oder Osunlade. Aber auch die Diskurse um Musikkultur wären ohne ihn anders. El’Zabar vertiefte sich in westafrikanische Traditionen, prägte den Ausdruck »Great Black Music« und engagierte sich in der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM). Er machte einen PhD, saß in diversen Councils und Boards und propagiert wie nur wenige die Bedeutung des Black History Month. Seit 53 Jahren tourt er jeden Februar. Kurz: Kahil El’Zabar ist einer jener Künstler:innen, deren Platz in den zukünftigen Musikgeschichten als gesichert gelten kann.
Angesichts einer solchen Biografie wird jede Selbstbeschreibung eine Gratwanderung zwischen Prahlerei und falscher Bescheidenheit. In dem Gespräch, das wir online abgehalten haben, drückt sich El’Zabar mit Bedacht aus. Oft schließt er die Augen, runzelt die Stirn und spricht jedes Wort aus, als müsste es sofort in Stein gemeißelt werden. Angesichts seiner Kunst ist er demütig. Aber angesichts des Kontexts, in dem diese Kunst stattfindet, tritt er mit dem Selbstbewusstsein eines erprobten Generals auf. Er weiß, was auf dem Spiel steht.

Let The Spirit Out Live At "Mu" London

Open Me, A Higher Consciousness Of Sound And Spirit

Conversations

Kahil El'zabar's Spirit Groove
Deine Gruppe nennt sich Ethnic Heritage Ensemble. Aber du hast ein spezielles Verständnis des Ausdrucks »ethnic«.
Kahil El’Zabar: In der Anthropologie wird der Ausdruck »ethnisch« üblicherweise an die kulturellen Wurzeln einer historischen Gemeinschaft geknüpft. Weil die afroamerikanische Erfahrung historisch als eher neue Erfahrung gilt – sie umfasst »bloß« 400 Jahre, verglichen mit Kulturen, die wir über tausende und abertausende Jahre zurückverfolgen können –, vergessen manche, dass alle Menschen ein ethnisches Erbe haben. Blues, Jazz und Gospel sind nicht nur Genres. Sie sind, anthropologisch gesprochen, das ethnische Erbe der African Americans. Tatsächlich bin ich der Erste, der das durch seine musikalische Form ausgedrückt hat. Und das gilt für alle Ethnien, nicht nur die Schwarze. Ich sage, dass alle menschliche Erfahrung und die Geschichten, die aus ihr entstammen, wertvoll sind. Und dass die afroamerikanische Erzählung nicht weniger wertvoll ist als die aller anderen.
Also ist ein »ethnisches Erbe« etwas Universales, für alle Nachvollziehbares und Wertvolles?
Ja, absolut.
Du hast gerade ein Motiv erwähnt, das mit einem deiner politischen Engagements zusammenhängt: den Ausdruck. Du bist Gründungsmitglied der 1990 in den USA formierten National Campaign for the Freedom of Expression. Wie verhält sich dieses Engagement zu deiner künstlerischen Praxis?
Meine politischen Aspirationen sind eine Reaktion auf kulturelle Repression. 1990 wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der amerikanischen Verfassung, ein Kurator für seine Kunstauswahl verhaftet. Er hatte in Cincinnati eine Ausstellung zu Robert Mapplethorpe eingerichtet [Anm.: Fotografien mit homoerotischen und BDSM-Sujets]. Künstler:innen und Akademiker:innen wie ich kamen zusammen, um uns gegen unfaire Zensur zu organisieren und zu schützen. Ich glaube, dass Expression ein Geschenk an den Willen ist und jeder Person individuell zukommt. Wenn dies auf irgendeine Weise verletzt oder entrissen wird, egal wo auf der Welt, werde ich unterstützend reagieren. Die natürliche Neigung jedes Menschen, sich in Sprache, in Kunst, in Farbe, in Gefühlen auszudrücken: Das ist die Schönheit der Mannigfaltigkeit unserer menschlichen Erfahrung.
»Wenn man sich auf dem langen Wettlauf gegen Unterdrückung befindet, muss man Geistesruhe erlangen.«
Kahil El‘ Zabar
In älteren Interviews hast du insbesondere die AACM als die Wiege gewürdigt, die jene Ausdrucksfreiheit genährt hat. Würdest du weiterhin sagen, dass Ausdrucksfreiheit nicht gegeben ist, sondern genährt werden muss?
Ja. Wir wissen nichts voneinander, solange wir nicht die Fähigkeit haben, uns auszudrücken. Ich war ein Akademiker, ein Künstler, ein Vater. Und in all diesen Bereichen habe ich versucht, mit anderen zu teilen, um zu sehen, ob dieses Geteilte wertvoll ist. Künstler:innen auf Weltniveau wie Corey Wilkes, Isaiah Collier oder Junius Paul und visuelle Künstler:innen wie Rashid Johnson haben Dinge in sich aufgenommen, die ich ausgedrückt habe. Heute drücken sie sie auf ausgezeichnete Weise aus. Ich weiß also, dass es funktioniert. Per Exempel.
Also siehst du dich als Mentor?
Ja. Ich hatte sehr viel Glück. Dizzy Gillespie war mein Mentor, Nina Simone war meine Mentorin, Cannonball Adderley war mein Mentor. All die Älteren in der AACM. Ich hatte außerordentliche Menschen um mich, die ihr Handwerk mit Intelligenz erworben und dann Aspekte geteilt haben, damit andere wachsen konnten. Daher glaube ich, dass ich dieser Tradition folgen muss.
Wenden wir uns diesen Gedanken von ihrer Kehrseite aus zu. Die Ausdrucksfreiheit scheint in den USA gerade in Gefahr zu sein. Es gibt Angriffe auf Kunstinstitutionen, politische Repression und »white supremacy« ist geradezu Teil der offiziellen Regierungspolitik. Wie siehst du deine Rolle in diesem Schlamassel?
Vor über 30 Jahren habe ich eine Komposition für meine Gruppe The Ritual Trio geschrieben, die viele Kritiker:innen nicht verstanden haben. Sie heißt »Renaissance of the Resistance«. Sie wirkt wie ein ruhiger, langsamer Song. Wie könnte das, argumentierten manche, Widerstand repräsentieren, wenn wir keine Wildheit oder Wut spüren? Aber wenn man sich auf dem langen Wettlauf gegen Unterdrückung befindet, muss man Geistesruhe erlangen. Um Klarheit darüber zu gewinnen, wie man sich zu bewegen hat. Andernfalls wird man die Gelegenheit verpassen, aufzutanken und Aggressionen zu überwinden. Wir sind an einem Punkt amerikanischer Geschichte, an dem edle Individuen voll Entschlossenheit, Sorge und Liebe im Sturm einen Ort der Ruhe finden müssen, um Energie in Richtung einer produktiven Zukunft zu lenken. Aktuell bewegen wir uns in Richtung eines sehr chaotischen Zustands. Aber nichts währt ewig. Das ist ein physikalisches Gesetz. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber es wird eine Zeit danach geben. Angesichts der unsittlichen, illegalen Versuche, menschliche Freiheiten zu schmähen, wird es Vergeltung geben. Es wird ein Wiedererwachen geben. Es wird sich eine globale Umwandlung vollziehen. Wir leben in der Katharsis.


Um weiter in diese Kerbe zu schlagen: Gegen Ende der ersten Präsidentschaft Trumps hast du dein Album America the Beautiful veröffentlicht, das geradezu feierlich…
Es war introspektiv.
Introspektiv. Kannst du diesen Ausdruck erläutern?
Während der George-Floyd-Proteste in Chicago waren meine Kinder, junge Erwachsene, Teil der Spitze der Proteste. Chicagoer Zeitungen veröffentlichten daraufhin ein Foto meines jüngsten Sohnes, auf dem er von der Polizei mit einem Schlagstock verprügelt wurde. Es brach mir das Herz. 1968, 1969 war ich in der gleichen Lage wie mein Sohn. Also habe ich damals mit meinen Kindern gesprochen. Ich sagte ihnen, ich sei sehr stolz darauf, dass sie für ihre Überzeugungen einstanden. Aber sie müssten schlau sein, wenn es darum geht, sich zu positionieren. »Steh nicht ganz vorne, Sohn. Bleib ein bisschen weiter hinten, so dass du sehen kannst, was passiert!« Parallel dazu war meine künstlerische Antwort, die Missstände der amerikanischen Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Sehen wir uns die Geschichte an und re-imaginieren wir die Möglichkeit von etwas Besserem! Vom Schlechtesten zum Besten. In America the Beautiful habe ich das Thema der Komposition [Anm.: eine Art inoffizielle Nationalhymne der USA von 1895] aufgegriffen und in eine Blues-Skala transponiert. Das ändert die Tonalität der Melodie. Man erhält eine ernste Energie. Es geht darum, ein höheres Ideal anzustreben.
»Ich glaube, dass wir neue Wege finden müssen, menschlich zu bleiben.«
Kahil El Zabar
Und würdest du diese Herangehensweise auch heute noch befördern?
Oh, unbedingt. Wir brauchen robuste Individuen, die ihre Idee von Gelegenheit neu gestalten – nicht, um andere zu kontrollieren, nicht, um zur reichsten Person der Welt zu werden. Sondern um sanft, liebevoll, kollaborativ und offen zu sein. Das sind die Werte, die, glaube ich, wahre Künstler:innen anstreben. Denn wer sich nicht angesichts seiner Kunst in Bescheidenheit geübt und dabei die Bedeutung von Opfern erkannt hat, wird niemals ein gewisses Level an Schönheit und Intelligenz erreichen. Während wir hinsichtlich Automation und Technologie und Robotik voranschreiten, wird offensichtlich, dass Arbeit [labor] kein Thema für die Menschen der Zukunft sein wird. Der Mensch wird etwas anderes. An das denken wir nicht genug. Wir reagieren. Wir sind eingeschüchtert von diesem neuen technologischen Zeitalter. Aber wir brauchen die kreative Erfindung eines neuen Lebensstils, in dessen Zuge wir menschliche Werte reaffirmieren können – außerhalb jener Vergleiche, in die uns Firmen hineinscheuchen wollen. Der Geist hat keine Grenzen. Und Kunst hilft, den Geist zu öffnen. Musik hilft, den Geist zu öffnen.
Die Zeit zitiert dich in einem Interview mit: »Je älter ich werde, desto mehr habe ich zu lernen.« Was würdest du gern als Nächstes lernen?
Ich bin 73. Offensichtlich stamme ich nicht aus der Hip-Hop-Generation. Aber ich habe mir die Rhythmen angeeignet, die Grooves. Ich habe meine Art zu spielen geändert, weil mir jüngere Menschen wie Justin Dillard oder Makaya McCraven etwas gezeigt haben. Gleichzeitig habe ich diesen Künstler:innen gezeigt, wie man swingt. Ich habe ihnen gezeigt, was zu mir kam, durch Dizzy Gillespie oder die AACM. Es ist wichtig zu wachsen. Genauso war es bei Duke Ellington. Er hatte in den 20ern, 30ern und 40ern unglaubliche Musik veröffentlicht. Aber auf Money Jungle erfand er sich neu. Denn Ellington hatte Thelonious Monk gehört, der wiederum von ihm beeinflusst war. Und dies erlaubte es Ellington, seinen Stil durch Monk neu zu interpretieren. Es gibt viele Beispiele von Künstler:innen, die die Zeit verbiegen, indem sie loslassen, was sie glauben zu wissen, und sich begeistern lassen von dem, was sie noch nicht wissen.
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Impressions
Eine bewundernswerte Einstellung.
Ich glaube nicht, dass wir uns dem kreativen Unterfangen der Wissenschaften entziehen können. Aber ich glaube, dass wir neue Wege finden müssen, menschlich zu bleiben. Wenn wir uns während des nächsten Zyklus schlau anstellen, werden wir ausgehend von menschlichen Wertesystemen Verbindungen in der Technologie innovieren und reinterpretieren. Genauso werden wir jene Eigenschaften und Fähigkeiten kommunizieren, die Harmonie eher als Krieg befördern. Wir haben die Gelegenheit. Jetzt müssen wir handeln.
