DJ Rashad – »We Want You To Shake Your Ass«

28.10.2013
Foto:Ashes 57 / © Hyperdub
DJ Rashad ist ein Kind von Footwork und gleichzeitig ist Footwork sein Kind. Ein Gespräch mit einem Mann, der das Genre lebt wie kaum ein anderer und erlebt, wie es 15 Jahre nach seiner ersten Hochphase endgültig den Durchbruch schafft.

Man würde sich DJ Rashad zappeliger vorstellen. Der Mann atmet Footwork, sein Ruhepuls müsste bei 160 BPM liegen. Stattdessen spreche ich mit einem völlig entspannten Rashad, der in seinem Studio in Chicago ziemlich sicher die Füße hochgelegt hat, während er meine Fragen beantwortet. Kein Wunder, dass der Mann zufrieden ist: Dank der Mithilfe von Produzenten aus dem UK ist Footwork endgültig in den Clubs Europas angekommen. Rashad ist seit den Anfangstagen des Genres dabei, hat das volle Programm mitgemacht: Als er in die Highschool kommt, ist er bereits ein bekannter Footwork-Tänzer (damals wohnt der in Chicago geborene Rashad im Süden der USA, in Callumet City). Schnell lernt er selbst aufzulegen und zu produzieren und macht sich mit Ghetto-House-Mixtapes einen Namen. Dass sich DJ Rashad und DJ Spinn 1996 auf der Highschool kennen lernen, läutet schließlich die entscheidende Ära ein. Die beiden beginnen zusammen Musik zu machen und legen bald auf Partys gemeinsam mit legendären Dancemania-DJs wie DJ Deeon, Jammin Gerald, DJ Funk & DJ PJ auf. 1998 veröffentlicht Dancemania mit RJ Rashad »Child Abuse«/DJ Spinn »Motherfucker« die erste gemeinsame Schallplatte der beiden. 15 Jahre später sitzen die Rashad und Spinn immer noch gemeinsam im Studio und DJ Rashads neues Album »Double Cup« auf Hyperdub ist gerade erschienen. Ein Interview mit einem Mann, der über über Footwork spricht, als wäre es sein Kind, das er mit Freude bei seinen nächsten Schritten beobachtet.

Wie wurde aus dem Tänzer Rashad der DJ Rashad?
DJ Rashad: Nun, ich habe angefangen mich dafür [DJing und Produzieren] zu interessieren, weil die Musik so gut war – ich wollte Teil von ihr sein. Und dann, als ich DJ wurde, wollte ich auch produzieren: »Man, Ich will auch diese gute Musik machen«.

Damals, als du angefangen hast aufzulegen und zu produzieren, hast du bei Haus-Parties, Schul-Events und in Clubs aufgelegt. Inzwischen tourst du durch die Clubs Europas. Wie verändert sich da die Party-Kultur, die ja zu Footwork-Musik dazugehört?
DJ Rashad: Die Art der Parties hat sich schon verändert, weil eine Menge der Locations von früher zugemacht haben, also in Chicago meine ich. Und damals, auf unseren Partys, lief einfach House-Musik – die ganze Nacht lang. Heute bekommst Du 45 Minuten Reggae, eine Stunde Rap. Das ist der Unterschied zu damals, als wir noch auflegten und tanzten.

»Double Cup« ist dein dritter Release auf Hyperdub. Wie kam eigentlich die Verbindung mit Kode 9 zustande?
DJ Rashad: Es passierte über die Jahre, währende Spinn und ich tourten. Die erste Show, die wir mit Kode9 machten, war Koko vor einigen Jahren. Danach blieben wir in Verbindung, sendeten ihm Musik. Eines Tages fragte er, ob wir für einen Release ›down‹ seien. Wir sagten: »Yeh, natürlich!« Und haben niemals zurück geschaut.

Es scheint als würden sich Footwork und die UK-Bass-Musik, die Hyperdub mitgeprägt hat, auch gegenseitig beeinflussen..
DJ Rashad: Yeah, vor allem Jungle, Mann. Es macht einfach Sinn! Die Szene, die die da drüber am Anfang hatten, war underground. Genau wie einiges von dem Zeug, das wir hier machen underground ist. Das Zeug, das hier abgeht, ist fast der gleiche Scheiss, der bei denen abgeht: nur die Terminologie ist anders.

Wenn man sich deren Musik so anhört, dann scheinst du auch ein großer Einfluss für Machinedrum, Africa Hi-Tech, Addison Groove u.a. zu sein. Denkst Du nicht manchmal: Hey, dieser Ruhm gebührt mir?
DJ Rashad: (lacht laut) Nah, gar nicht! Ich bin selbst ein großer Fan von den Jungs, also bin ich nicht verärgert. Ich respektiere, was die machen. Es ist cool. Shout out to the whole cast!

Es muss doch verrückt sein, zu sehen, dass es Footwork schon so lange gibt, es 1996 schon mal angesagt war, und jetzt…
DJ Rashad: Yeeeeaah, man!

…und jetzt erst scheint erst richtig zu explodieren. Wir erklärst Du Dir das?
Ich weiß nicht, Mann: Ich denke, die Verbindung mit Mike Paradinas [Gründer von Planet µ] und allen, die unserer Seite Anerkennung geschenkt haben [war wichtig].

Gehen wir in der Zeit zurück: Dein erste Platte hast du bei Dancemania veröffentlicht. Welche Rolle spielt Dancemania für Dich?
DJ Rashad: Sie haben eine Menge Platten veröffentlicht, die mich dazu gebracht haben, zu machen, was ich heute mache. Ich hätte nie von all den Leuten gehört, die ich respektiere und bewundere, wenn Dancemania nicht gewesen wäre. Wie Lil‘ Louis, Paul Johnson und die ganzen Jungs. Ich höre das alles immer noch.

»Damals, auf unseren Partys, lief einfach House-Musik – die ganze Nacht lang. Heute bekommst Du 45 Minuten Reggae, eine Stunde Rap. « (DJ Rashad)

Könntest du erklären, wie sich die hohe Geschwindigkeit in Footwork- und Juke-Songs entwickelt hat?
DJ Rashad: Weißt du, ursprünglich waren es 130, 140 [bpm]. Es waren tatsächlich die Tänzer, die die Musik beschleunigt haben: »Man, speed it up a little bit!«. Sie wollten ihre Moves schneller machen. Also gingen wir von 140 auf 150 auf 160. (lacht)

Es scheint, als wäre nicht nur das Tempo der Songs schnell, sondern auch das Tempo in dem du sie produzierst..
DJ Rashad: Yep, normalerweise geht das Produzieren schnell, aber in letzter Zeit waren wir ein bisschen langsamer. Das kommt daher, das man mir ein paar neue Aufnahmeweisen beigebracht hat. Aber das ist es wert, verglichen mit dem Zeug, das ich vor einigen Jahren gemacht habe

Hat die andere Arbeitsweise dazu beigetragen, dass »Double Cup« ziemlich relaxed klingt, wenn man es mit früheren Veröffentlichungen vergleicht?
DJ Rashad: Ja, das ist das Gefühl, das wir [DJ Rashad und DJ Spinn] erreichen wollten. Wir dachten, anstatt diesem ›Hyped-Up-Ding‹ machen wir mal mehr die smoothere Seite.

Footwork ist ja vor allem instrumentale Musik. Aber wenn du jetzt Vocals benutzt, nach welchen Kriterien suchst du die Samples aus bzw. überlegst, was gesagt wird?
DJ Rashad: (lacht) Nun, eigentlich sagen wir einfach eine Menge Blödsinn. Oder wir schreiben Sachen auf, nehmen es auf, wählen den besten Take aus. Dann zerschneiden wir es und los geht‘s.

Also eine Message ist nie wichtig?
DJ Rashad: Nur, was das Tanzen anbelangt: We want you to shake your ass! Aber wenn wir zum Beispiel sagen, »double cup, have a sip«, dann heißt das nicht, dass wir wollen, dass du einen Schluck nimmst.

Wie stehst du eigentlich zu der Chicago-Drill-Rap Szene?
DJ Rashad: It‘s dope! Ich liebe es (lacht). I‘m not mad about it, I rock with it. Teilweise könnten die Texte besser sein, wie immer bei Rap. Aber es ist, was es ist.

Es gibt kein Thema, womit ich dich zum haten bringen könnte…
DJ Rashad: (lautes, heißeres Gelächter, auch von Spinn im Hintergrund) Wahrscheinlich nicht (noch lauteres, heißeres Gelächter!)

Ist das nicht schön?!
DJ Rashad: Du hast die richtigen Themen getroffen.

Oh?
DJ Rashad: Ich würde wohl die Regierung haten. That‘s probably the main shit to me. Es ist dumm, Mann, diese Art von Scheiss pisst mich an. Politik… that shit is just all fucked up.

Wie wäre es mit einer Footwork-Street-Dance-Parade, um gegen die Regierung zu protestieren. So als Hommage an »Dancing In The Streets« von Martha & the Vandellas der (ungewollt) zum Protestsong in Detroit wurde]?
Fuck no, die Polizei würde das stilllegen. Und ich würde wahrscheinlich verhaftet werden (Gelächter). Ich wünschte, es wäre so einfach, aber das ist es nicht. Man kann nicht mal mehr normale Partys schmeißen… also stell Dir das mal vor!

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