Orchestre Polyrythmo – Die Rückkehr des Voodoo-Funk

29.03.2011
Foto:Strut Records
Nachdem das Orchestre Polyrythmo für über 20 Jahre von der musikalischen Bildfläche verschwunden waren, melden sich die ergrauten Funk-Löwen mit einem neuen Studioalbum zurück. Lukasz Tomaszewski sprach mit Vincent Ahehehinnou.

Im westafrikanischen Benin sind sie eine nationale Institution. Das Ende der 1960er Jahre gegründete Orchestre Polyrythmo steht für eine bahnbrechende Fusion aus Afrobeat, Soul, Funk und den heimischen Voodoo-Rhytmen. Kurz: Voodoo-Funk. Nachdem sie für über 20 Jahre von der musikalischen Bildfläche verschwunden waren, melden sich die ergrauten Funk-Löwen mit einem neuen Studioalbum zurück. Cotonou Club wird von tropischem Groove, hypnotischen Brass-Sections und kraftstrotzender Polyrhytmik dominiert. Eine musikalische Zeitreise zum Spirit der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Lukasz Tomaszewski sprach mit Gitarrist und Sänger Vincent Ahehehinnou.

Eure Musik wird »Voodoo-Funk« genannt. Was steckt dahinter?
Vincent Ahehehinnou: Seit der Schulzeit hat uns die Soul- und Funkmusik gefangen genommen und wir begannen sie auf unsere Art zu interpretieren. Wir haben zwar kein Wort Englisch verstanden, aber wir liebten diesen Sound! Und der Voodoo ist eben unsere Religion. Er hat ganz eigene Rhythmusfiguren und Instrumente. Und da wir alle Autodidakten sind, spielten diese schon immer eine große Rolle. Wir haben sie mit der Funk-Musik vermischt. Einen westlichen Sound einfach zu imitieren war nicht unser Stil. Wir benutzen zwei bestimmte Voodoo-Rhytmen: Den Sakpata, und den Sato. Der Sakpata ist dem Gott der Erde gewidmet und schützt die Menschen vor Pocken. Der Sato ist ein Gesang, der bei großen Begräbnis-Zeremonien gespielt wird. Den gleichen Namen trägt eine riesige Trommel, die bei diesen Zeremonien zum Einsatz kommt. Die Trommler tanzen um sie herum und schlagen in einem bestimmten Moment gleichzeitig drauf. Natürlich konnten wir diesen Rhythmus nicht einfach so übernehmen, denn er ist heilig und es ist streng verboten ihn außerhalb der Zeremonien zu spielen. Also haben wir ihn modifizieren und eben mit westlichen Elementen vermischt.

»Wir waren glücklich wie kleine Kinder und haben die Verträge gleich unterschrieben. Denn schließlich konnten wir davon unsere alten Instrumente wieder reparieren. Die Label-Chefs haben uns Geld gegeben und sind wieder verschwunden. Sie haben 40 Jahre alte Schallplatten mitgenommen, an die wir uns nicht einmal mehr erinnert haben. Anschließend wurden sie in Europa remastered und veröffentlicht. So hat man hier überhaupt erst von uns erfahren.« (Vincent Ahehehinnou)

Erzähl uns von eurer Hochphase, den sechziger und siebziger Jahren. Immerhin habt ihr in dieser Zeit über 500 Tracks vertont.
Vincent Ahehehinnou: Unsere erste Platte ist wie eine Bombe eingeschlagen. Und der Sound ging um die Welt. Nun wollte also jeder wissen, wer diese Jungs aus Benin waren. Von einem Tag auf den anderen waren wir die Nummer eins Band unseres Landes. Das hat uns verpflichtet so viel zu produzieren und uns gleichzeitig erlaubt ständig weiterzumachen. Trotzdem gab es immer Hoch- und Tiefphasen. Wenn wir nicht ins Ausland eingeladen wurden, mussten wir eben improvisieren, sparen und uns unsere Tourneen selbst finanzieren. So haben wir oft das Land für 2 bis 4 Monate in Richtung Elfenbeinküste, Burkina Faso oder Nigeria verlassen. Wenn wir live gespielt haben, waren Konzerte von bis zu acht Stunden die Normalität. Das Konzert begann um 21 Uhr und ging bis der letzte Gast gegangen war. Für gewöhnlich um fünf Uhr am nächsten morgen. Konzerte von dieser Dauer waren in Afrika zu dieser Zeit Mode.

Nach 25 Jahren Sendepause kamen dann die †žTotengräber†œ aus Europa: Sammy Ben Rejeb von Analog Afrika und Miles Cleret von Soundway Records. Beide Labelchefs baten euch um Lizenzen. Wie war das für euch?
Vincent Ahehehinnou: Wir waren glücklich wie kleine Kinder und haben die Verträge gleich unterschrieben. Denn schließlich konnten wir davon unsere alten Instrumente wieder reparieren. Die Label-Chefs haben uns das Geld gegeben und sind wieder verschwunden. Sie haben 40 Jahre alte Schallplatten mitgenommen, an die wir uns nicht einmal mehr erinnert haben. Anschließend wurden sie in Europa remastered und veröffentlicht. Auf diese Weise hat man hier überhaupt erst von uns erfahren. Unser Gott ist in die Gestalt von Sammy Ben Rejeb geschlüpft und hat uns geholfen.

Und schließlich habt ihr die Möglichkeit bekommen ein neues Studioalbum aufzunehmen, dass dieser Tage erscheint. Was erwartet die Hörer?
Vincent Ahehehinnou: Die französische Journalistin Elodie Maillot hat uns dazu nach Paris eingeladen. Wir mussten eine Zusammenstellung aus alten Hits und neuen Stücken machen und bei der Strukturierung darauf achten was das europäische Ohr von uns erwartet. Nach wenigen Tagen haben wir das Konzept ausgearbeitet und uns an die Arbeit gemacht. Die Aufnahmemöglichkeiten im französischen Studio waren hervorragend. Es sind hauptsächlich alte Arrangements. Aber eben in einer nie da gewesenen Qualität. Außerdem haben wir einige Gäste. Zum Beispiel Fatoumata Diawara oder Paul Thomson und Nick McCarthy von Franz Ferdinand.

Sowie die Pop-Diva Angelique Kidjou aus eurer Heimat Benin. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Vincent Ahehehinnou: Wir featuren Angelique auf dem Song Gbeti Madjro. Das ist ein altes Lied von 1968 mit dem wir international bekannt geworden sind. Angelique ist mit unserer Musik groß geworden und stand mit uns von klein auf auf der Bühne. Wir luden sie also ins Studio ein. Gbeti Madro berührt die Menschen in Benin. Er spricht vom Alltagsleben und seinen bösartige Menschen. Von denen, die mit dir leben, mit dir essen, mit dir trinken. Aber die auch wollen, dass du keinen Erfolg hast in deinem Leben. Wenn dich das Pech heimsucht, sagen sie dir es sei »das Schicksal«. Es ist aber nicht das Schicksal, sondern es sind sie selbst! In Benin gibt es Menschen die sich gegenseitig verhexen um sich das Leben schwer zu machen. Davon handelt dieses Lied.

Wie sieht es in eurem Land mit der jüngsten Generation aus? Was ist ihr Sound?
Vincent Ahehehinnou: Die junge Generation in Benin hört gerne Musik von Außerhalb: R’n†˜B und Pop. Aber insgesamt ist es in unserem kleinen Land sehr schwer einen universellen Rhythmus zu kreieren. Unser Volk ist ein Flickenteppich aus 55 Ethnien. Also ebenso viele unterschiedliche Kulturen. Und jeder würde gerne seine eigene Kultur ausbauen. Das ist die Bremse zu einem nationalen Sound. Deshalb spielen die heutigen Musiker Mainstream. Gleichzeitig respektieren sie die ältere Generation wie uns kaum noch. Wie oft habe ich gehört, dass meine Musik nicht mehr angesagt ist, dass ich auf die Regeln des Showbusiness hören soll. Aber all diejenigen die das gesagt haben, gibt es gar nicht mehr. Unsere Devise war es immer Musik für uns selbst zu machen. Das ist naiv aber gleichzeitig das ehrlichste und Beständigste. Schau uns doch an: Wir haben eine tolle Gegenwart und ein wunderbare Zukunft.

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