Ryan Hemsworth – Auf den Spuren von Shlohmo

31.01.2013
Ryan Hemsworth ist Teil einer neuen Generation von Produzenten, die die Grenzen zwischen Hip Hop und Electronica ins Unendliche ausloten. Inzwischen reißen sich die Rapper um die Beats des Kanadiers. 2013 könnte sein Jahr werden.

Für einen Nerd sieht Ryan Hemsworth eigentlich zu gut aus und dennoch, kaum ein Ausdruck umschreibt sein Wesen treffender. Als Teenager versuchte sich der Kanadier an der Gitarre und eiferte seinen Idolen Elliot Smith, Nirvana, Radiohead und Bright Eyes nach, die ihm den melodramatischen Soundtrack eines Heranwachsenden in der Einöde von Halifax lieferten. Heute gilt der 22-jährige als Teil einer neuen Generation vielversprechender Produzenten, die die Grenzen zwischen Hip Hop und Electronica ins Unendliche ausloten. Als studierter Journalist, interessiert sich Hemsworth für die Hintergründe und Kontexte, und nicht ausschließlich für das musikalische und interviewte für seinen eigenen Blog Ahalf-WarmedFish schon Musiker wie Theophilus London oder Mount McKinley. Nach vier Jahren an der Gitarre, widmete er sich nach Erreichen seiner Volljährigkeit dem computer-basierten Produzieren: »Ich benutzte damals ›Goldwave‹, ein Freeware-Programm, bis ich mir einen Macbook zulegte und auf ›Garageband‹ umstieg. Seitdem habe ich mich mehr mit Sampling und Drum-Machines auseinandergesetzt. Mittlerweile mache ich alles in ›Logic‹«. Der plötzliche Blog-Buzz kam nicht nur für Hemsworth überraschend. Auch die gut-informierten Online-Gazetten taten sich schwer, seinen Produktionsstil in eine passende Schublade zu stecken. Irgendwo zwischen Clams Casino Hudson Mohawke Nicolas Jaar und Rustie verortete man seinen eigenwilligen Umgang mit emotionalen Samples, psychedelischen Flächen und zitternden Hi-Hats. Hemsworth fühlt sich in der keimenden Bass-Szene seines Heimatlandes um die Protagonisten Grimes Jaques Greene und Lunice genauso wohl, wie im Umfeld des Syrup-sippenden Rap-Duos Main Attrakionz aus der Bay Area San Franciscos. Die nihilistisch-veranlagten Squadda B und Mondre M.A.N. legten erstmals Raps über Hemsworths Beats und bezeichnen ihren Engineer und Ideengeber mittlerweile als inoffizielles Mitglied.

»Wenn Max B singt, steckt da ganz viel Soul drinnen. Auch wenn er nur darüber redet, auf dem Rücksitz einen geblasen zu kriegen.« (Max B)

Es ist eine neue, freigeistige Bewegung, der Hemsworth angehört und die mit Euro-Dance und Trip-Hop ebenso aufwuchs wie mit Ostküsten-Boombap und Dirty South. Umso konsequenter erscheint die offensichtliche Gegensätzlichkeit seiner heutigen musikalischen Helden: die deutschen Ambient-Rocker The Notwist und Dipset-Druffi Max B. »Ich liebe die Leichtigkeit und Mühelosigkeit mit der Max B an die Sache rangeht. Er klingt immer besoffen, wenn er singt. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass er das meiste davon One-Take aufgenommen hat. Es hat den selben Charme wie die Musik von Lil B. Sie lassen einfach raus, was ihnen in den Sinn kommt. Wenn Max B singt, steckt da ganz viel Soul drinnen. Auch wenn er nur darüber redet, auf dem Rücksitz einen geblasen zu kriegen. (lacht) – Das sind pure Emotionen«. Diese verspürte wohl auch Shlohmo beim Hören der Remixe von Hemsworth. Im August 2012 veröffentlichte er über seinen kalifornischen Kreativ-Think-Tank WeDidIt die dritte EP des Kanadiers. Zusammen mit Brainfeeder liefert das Kollektiv um Shlohmo und Geistesverwandte wie RL Grime und Groundislava einen der momentan interessantesten Ansätze für die Neuerfindung des Beats. »Gestern ging ich meinen alten Blog durch. Ich fand einen Post über Shlohmo, der drei Jahre alt war und in dem ich schrieb: ›Wahnsinnige Live-Show. Ich hoffe, ich kann eines Tages einen Auftritt von ihm sehen.‹ Mittlerweile treten wir gemeinsam auf und arbeiten sogar zusammen. Das gibt mir das Selbstvertrauen, den Weg, den ich eingeschlagen habe, weiter zu verfolgen.« Neben der EP mit Deniro Farrar und einer Bus-Tour mit Daedelus will sich Hemsworth im neuen Jahr seinem Solo-Debüt widmen, mit dem er seinem bisherigen Ruf als Remix-Künstler entgegen treten will. »Letzte Woche war ich in New York. Ich besuchte ein Spiel der Nets, hing mit Leuten von Nike rum, hatte ein Meeting im Sony-Gebäude und traf mich mit Leuten von The Fader und Pitchfork Ganz ehrlich, ich kann das Jahr 2013 gar nicht abwarten.«