Talib Kweli – Ein neues Kapitel

29.05.2013
An keinem Album hat Talib Kweli bisher solange gearbeitet wie an »Prisoner of Conscious«. Sein Anspruch war es, etwas zu schaffen, das auch außerhalb des Hip Hop-Kosmos funktioniert. Wir baten ihn zum Gespräch.

Nach fast 20 Jahren Schaffenszeit steht der Name Talib Kweli für einen der gefragtesten und sozial engagiertesten Rapper im Geschäft. Wo von Conscious-Rap die Rede ist, da ist der begnadete Lyriker aus Brooklyn nicht weit. – Eigentlich klingt das erstrebenswert, doch der 37-Jährige stellt nun fest, dass er sich gewissermaßen auch in diesen für ihn gesteckten Grenzen gefangen fühlt. Mit seinem neuen Album »A Prisoner of Conscious« wagt sich der MC einige Schritte heraus aus seiner schöpferischen Komfortzone. Ungewöhnliche Kollaborationen und neue Vibes, vielleicht sogar ein ganz neues Kapitel seiner Karriere sind das Produkt dieses künstlerischen Wachstums.

Siehst du dich selbst als Gefangener im »Prison of Conscious-Rap«?
Talib Kweli: Tatsächlich sehe ich mich selbst überhaupt nicht als gefangen. Vielmehr bezieht sich der Titel auf die Wahrnehmung, die manche Leute von mir haben und nicht auf meine eigene. Ich meine, ich sehe mich natürlich als Conscious Rapper, aber damit ist eben nicht alles gesagt. Ich habe Sachen rausgebracht die total in diese Kategorie fallen, andere wiederrum gehen darüber hinaus.

Bisher hast du an noch keinem Album so lange gearbeitet wie an diesem. War der Anspruch diesmal besonders hoch?
Talib Kweli:Ja, so würde ich das sagen.

Was ist im Vergleich zu deinen bisherigen Alben anders?
Talib Kweli: Es ist persönlicher als meine vorherigen Arbeiten. Ich bin eigentlich auf all meinen Alben ein ziemlich offenes Buch, aber »A Prisoner of Conscious« beschäftigt sich noch etwas mehr mit persönlichen Themen.

»Manchmal soll Musik dich einfach nur fühlen lassen. Es geht dabei dann nur um die Emotion und es braucht deshalb weder besondere Lyrics, noch muss es schlau sein.« (Talib Kweli)

Du sagst, du hast das Gefühl, dass die Leute sich manchmal zu sehr auf den Inhalt deiner Texte und die Message dahinter konzentrieren und dabei deine Musikalität und der Entertainment-Faktor deiner Musik aus dem Fokus verdrängt wird. Hast du hier also andere Schwerpunkte gesetzt?
Talib Kweli: Ich sehe mich als qualitativen Künstler, deshalb ist nichts, was ich produziere an irgendwelchen Stellen weniger qualitativ gearbeitet. Genau so ist es auch unmöglich für mich, keinen Inhalt in meiner Musik zu haben. Aber mir ist es wichtig, dass die Leute realisieren, was sie an mir als Künstler mögen und das ist nicht immer der Inhalt meiner Texte sondern auch die Musik.

Im Song »Before He Walked« sprichst du das auch an. Du sagst: »Music is emotion that’s lost on the intellectuals«…
Talib Kweli:* Ja, Genau. Die Intellektuellen denken gerne viel, sitzen herum und diskutieren über alle möglichen Dinge. Wie auch jede andere Gesellschaftsschicht lieben diese Leute Musik und ihren Gehalt. Nur leider verhalten sich Intellektuelle manchmal zu geringschätzig gegenüber Musik, die keinen positiven, klugen oder aufbauenden Inhalt hat. Manchmal soll Musik dich einfach nur fühlen lassen. Es geht dabei dann nur um die Emotion und es braucht deshalb weder besondere Lyrics, noch muss es schlau sein. Der Text kann auch mal dumm, leer und geistlos sein und trotzdem macht es das nicht gleich zu schlechter Musik. Der Wert guter Musik liegt nicht darin, intellektuell zu klingen, sondern einfach gut zu sein, als das was sie ist. Manchmal wird in Musik nur eine bestimmte Emotion transportiert. Sie soll dich ärgerlich machen, traurig machen oder fröhlich machen. Das entgeht denen, die an jede Art von Musik einen intellektuellen Anspruch stellen. Es heißt dann gleich: »Oh, wenn es inhaltslos ist und sich an unser niederes Selbst richtet, dann kann es ja gar nicht dope sein«

Als vergangenes Jahr dein Album »Gutter Rainbows« erschien, hast du ja bereits an »A Prisoner of Conscious« gearbeitet. Nach welchem Kriterium hast du entschieden, welche Lieder du wo veröffentlichst ?
Talib Kweli: Bei den Liedern, die auf »Gutter Rainbows« gelandet sind, habe ich eine gewisse Dringlichkeit verspürt, sie zu veröffentlichen. Sie mussten zum damaligen Zeitpunkt gehört werden, während ich mir für die Tracks die jetzt auf »A Prisoner of Conscious« rauskommen noch mehr Zeit nehmen wollte um weiter daran zu feilen. Ich hatte zwar damals schon das Gefühl, dass sie funktionieren würden, aber auch, dass sie das zu egal welchem Zeitpunkt tun.

» Dieses Album ist gottgewollt. Es entfernt mich von der Musikindustrie und bringt mich mir selbst und meinem eigenen Bestreben näher.« (Talib Kweli)

Ist »A Prisoner of Conscious« also zeitloser?
Talib Kweli:Ich habe einfach andere musikalische Entscheidungen getroffen. Die Musik auf »A Prisoner of Conscious« ist mehr von Welt statt nur aus dem Kosmos des Hip Hop. Und um ehrlich zu sein, die Lieder auf »Gutter Rainbows«, nicht alle, aber die meisten, waren eigentlich für »A Prisoner of Conscious« gedacht. Aber ich hatte zum damaligen Zeitpunkt schon lange kein Projekt mehr veröffentlicht. Es war also nötig, etwas neues auf den Markt zu bringen.

Manche sagen, »A Prisoner of Conscious« sei der Beginn eines neuen Kapitels in deiner Karriere…
Talib Kweli: Ja, das würde ich auch so sagen. Dieses Album ist gottgewollt. Es entfernt mich von der Musikindustrie und bringt mich mir selbst und meinem eigenen Bestreben näher.

Mit Kendrick Lamar ist einer der populärsten Künstler der neuen Rap-Generation auf deinem Album vertreten. Was unterscheidet euch?
Talib Kweli: Diese Kids haben einfach mehr Information, auf die sie sich berufen können. Sie sind viel sexistischer und auch brutaler gesinnt, aber ich finde diese Entwicklung ganz natürlich. Dahin wächst nun mal unsere Gesellschaft und man sollte nicht Hip Hop die Schuld dafür geben.

In »High Life« besingst du die Schönheiten des Lebens. Was konkret hat dich zu diesem Song inspiriert?
Talib Kweli: Der Song ist auf jeden Fall durch Afrika inspiriert. Ich wollte von Anfang an etwas auf dem Album haben, dass Afrika repräsentiert. Ich war mir dessen schon bewusst, als ich die Musik für das Album ausgesucht habe. Ich hatte zwar nie einen konkreten Plan für diesen einen Song aber als er dann fertig war und ich ihn gehört habe fand ich sofort, dass er sich afrikanisch anfühlt. Er fühlt sich nach Afrika und zugleich nach Hip Hop an und trotzdem funktioniert er auch außerhalb der Welt des Hip Hop. Das Ergebnis ist etwas sehr organisches geworden. Oh No ist einer meiner Lieblings-Produzenten. Er hat den Track gemacht und mit Bajah, einem westafrikanischen Künstler aus Sierra Leone, und den Trompetern haben wir unterschiedliche Elemente in diesen Song gepackt, die ihn einfach weltlicher machen. Das ist diese Art von Song, den jeder schätzen kann.

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