Belgien hat Pommes, Schokolade, Surrealismus und jetzt auch das: ein Duo, das Jazz studiert hat, ihn jetzt aber zu Trance, Hyperpop und Musique concrète zerreißt.
schntzl, das sind zwei Leute: Hendrik Lasure (Piano, Elektronik) und Casper Van De Velde (Schlagzeug, Elektronik). Beide sind tief verwurzelt in der belgischen Jazzszene. Beide sind seit Jahren damit beschäftigt, den ganzen Stammbaum umzutopfen. Was Schntzl machen, lässt sich nämlich am präzisesten so beschreiben: ein Abriss etablierter Werte mit ausgeprägtem Hang zum Kitsch.
Kitsch und Avantgarde, Dadaismus und Euphorie, ja, auch: belgischer Neunziger-Krach. Bei schntzl ist dieser Kunst-und-Krempel-Ansatz einfach mal Methode.
Trance-Jazz
Die Ursprünge liegen natürlich trotzdem im Jazz. Frühe Alben und EPs bedienen sich an der Kammermusik. Die Liebe zu veralteten Synthesizern mündet in poetischen Miniaturen. Philip Glass lauert da bestimmt irgendwo, GoGo Penguin vielleicht, Pierre Bastien ganz sicher.
schntzls selbstbetiteltes Debütalbum von 2016 bekam Lob weit über die klassische Jazzwelt hinaus: Der flämische Jugendsender StuBru spielte ihre Single »Dame en Konijn«, der flämische Kulturminister nannte schntzl die beste Band, die er live gesehen hatte.
Auf dem dritten Album Holiday von 2023 hat das DUo den klaustrophobischen Jazzrahmen hinter sich gelassen und damit alle überrascht, zumindest aber DJs wie Lefto, die Brüsseler Park-Beschallung Kiosk Radio und das Schiev Festival. Holiday, das sei so eine Art Abschiedsbrief an die Akustik, nur mit schönen Flecken und feuchter Tinte, dachten manche. Dabei haben Lasure und Van De Velde gerade erst den Füller gekauft.

Der flämische Kulturminister nannte Schntzl die beste Band, die er live gesehen hatte.
Der Sound: mehr Sampling und digitale Sounds, große Neunziger-Synthesizer, gleichzeitig soll das Schlagzeug rough klingen. Den roten Faden bildet die gemeinsame Spielweise, das Umgehen mit Rhythmus in einem ständigen Push-and-pull, ein paar Ausfallschritte neben dem Grid. Und dann, ein bisschen beiläufig, dieser tolle Satz von Lasure: »We have big appetite for kitsch and big emotions.«
Ihr neues Album Fata Morgana fühlt sich deshalb an wie ein Traum innerhalb eines hochauflösenden Videospiels, das voll ist mit simulierten Schlupflöchern. Da knallen Trance – nicht als Indien-Trip, eher als So-war-Feiern-in-den-90ern-Verklärung –, grobe Verzerrung und Live-Improvisation in CERN-Geschwindigkeit aufeinander.
Flood the zone with Kitsch
Die Referenzpunkte, die schntzl in Interviews bemühen: Still Houseplants, Astrid Sonne und Hudson Mohawke auf der Drums-Seite. Oneohtrix Point Never, A. G. Cook, Hannah Diamond, Giant Claw auf der Elektronik-Seite. Das ist das Koordinatensystem, das angibt, in welcher Ecke des Raums Schntzl gerade stehen.
Dabei stehen sie eigentlich gar nicht. Sie bewegen sich permanent. Mal im Brüsseler Königlichen Park, dort beim Festival Eurosonic Noorderslag. Dazwischen eine Japan-Tour. Dann wieder: immersive 360-Grad-Performance im Genter Wintercircus. Karrierepfad: Herumstochern in neuen Räumen.
Was schntzl letztlich sind: zwei Musiker, die den Kitsch ernst nehmen, weil sie wissen, dass die überlieferte Ernsthaftigkeit allein nie interessant war. Schntzl sind damit zu einem Zwei-Personen-Orchester geworden, das den Jazzclub mit belgischem Bier flutet, weil: Wieso nicht? Das ist Konsequenz. Oder einfach nur die Beharrlichkeit, alles, was man kann, immer wieder gegen die Wand zu schmeißen. Eben um zu sehen, was davon hängen bleibt.


