Wie Arca aus offenen Wunden das Album der Stunde schuf

06.11.2014
Foto: Daniel Sannwald / Mute Records

Arca will nicht erklärt, sondern gespürt werden. Auf ihrem Debüt Xen wird Sound zu Verletzlichkeit, Kälte und körperlicher Erfahrung. Ein Album gegen Routine, in dem jeder Beat wie ein Herzschlag wirkt.

Für die nächsten Absätze seien alle Phrasen des Musikgeschäfts vergessen, verschwunden, vertilgt im Limbus des Internets. Denn Alejandro Ghersi gehört zu den Menschen, die nicht nur Sound machen, sondern ihn erschaffen. Ein wenig Spiritualismus braucht es da. Denn hier ist nichts mit »Begreifen«. Bei Arca geht es um das Fühlen, um das Erleben, um das Sein. Kein Wunder, dass Björk für Hilfe bei ihrem neues Album angeklopft haben soll.

Vor einem Jahr zog Alejandro Ghersi nach London, zuvor lebte sie als Student in den USA, geboren und aufgewachsen ist sie in Venezuela. »Ich bin diese Welt nicht gewohnt«, sagt sie über die britische Hauptstadt. Die Menschen sind höflicher, aber auch deutlich mehr auf Distanz. Dass von dem Umzug bisher niemand etwas mitbekommen hat, liegt daran, dass Arca keine öffentliche Person ist. Und auch keine sein will.

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»Ich wollte nie Interviews machen, weil es von mir erwartet wird. Ich will sie nur machen, wenn ich etwas zu sagen habe«, sagt er. Lange Zeit ist im Netz das einzige Interview mit Arca ein kurzes Zusammenschnitt für ein Online-Magazin, in dem sie über Yoga-Hosen spricht. Sie lacht in dem Video. Allerdings passt das so gar nicht zu dem düsteren kalten Sound, den sie macht. »Ich habe da gar nicht drüber nachgedacht«, so der 24-Jährige. Freunde hatten ihn zu dem Video überredet. Kein Mensch in den Kommentaren war sich sicher, ob das nun der Typ ist, der für Kanye West ein paar Beats produziert hat oder nicht.

Nun also »Xen« eine Platte wie ein Statement, nirgends einzuordnen. Experimentell, aber trotzdem in einem Fluss, fordernd, aber trotzdem mit zahlreichen schönen Momenten ausgestattet. »Als Musiker sucht man so viele neue Herausforderungen wie möglich«, sagt Arca. Einmal ein komplettes Album zu machen, gehörte auf dieser Liste dazu. Zuvor veröffentlichte sie mehrere EPs und ein Mixtape. »Ich versuche nicht meine Musik zu beeinflussen, während ich sie mache.« Der Sound spricht für sich selbst. »Wenn ein Song fertig ist, dann erlaube ich mir, ihn zu beurteilen.«

»Der Song muss für sich allein genommen emotional stark genug sein.«

Arca

Wer das nun für die üblichen Ansagen hält, die Musiker von ihrem neuen Album machen, hat »Xen« nicht verstanden. Denn es geht Arca um diese Atmosphäre, um diese Kälte, um dieses Funkeln, das in jedem seine Songs liegt. Intuition sagt ihm, wann ein Track fertig ist. Dafür braucht es sehr diszipliniertes Arbeiten, sehr strenge Regeln, nach denen Arca arbeitet. »Der Song muss für sich allein genommen emotional stark genug sein.«

Das Album hat Arca für sich gemacht – auch. Denn sie hat versucht, einen Teil von sich in die Tracks einzubringen, diesen Prozess hat er artikuliert, damit sich die Leute damit identifizieren können. »Xen« braucht mehr Einsatz vom Hörer, die Leute sollen ihn auf halbem Weg treffen. »Ich möchte nicht um ihre Aufmerksamkeit buhlen, sondern auch die Hörer müssen etwas einbringen. Meine ganze Aufmerksamkeit und Sensibilität stecken in dem Album.« Seitdem sie 14 Jahre alt ist, macht Arca Musik. Seine Heimat Venezuela war ein sehr konservatives Land, es gab nicht viel Raum, sich mitzuteilen in dem Alter.

Die Musik schlägt ihren eigenen Weg ein, sie hat ihren eigenen Willen. So umgarnt »Failed« auf dem Album mit seinen spitzen Synthies den Hörer, während »Sisters« seine Melodien zerstückelt und wieder zusammennäht, nur um immer wieder über die Naht zu streichen.

»Da sind sehr viele offene Wunden und sehr viel Verletzlichkeit auf dem Album, aber du bist beim Anhören auch aufgeregt und ein bisschen ängstlich. Ich fühle beim Hören von ›Xen‹ viele unterschiedliche Sachen. Das kommt aber auch auf meine Stimmung an.« Verletzlichkeit und Wunden sind die Dinge, die uns daran erinnern, dass wir leben. Sound als Experiment, keine Frage, aber eben auch als Erfahrung, als Reise. »Wenn wir uns als Menschen unkomfortabel fühlen, dann erreichen wir Bereiche in unserem Geist, die wir sonst nicht erreichen. Ich habe einfach immer Angst vor der Routine«, so Arca. »Wenn ich mich zu komfortabel in einer Stadt fühle, vergeht die Zeit schneller – und ich fühle mich weniger und weniger lebendig.« Manchmal muss sich Musik nach dem großen Ganzen strecken. Und Arca bekommt das ziemlich gut hin. Jeder Beat ist wie ein Herzschlag.

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