2022 schaffte es Lucrecia Dalt mit ¡Ay! auf unsere Jahresendliste. Auch mit A Danger to Ourselves hätte sie das vielleicht wieder verdient. Vielleicht – denn es ist schwer zu sagen, nach welchen Maßstäben man dieses Album überhaupt bewerten sollte. Das Vorgängeralbum war eine cineastische Mischung aus elektroakustischer Musik und lateinamerikanischen Genres, vereinte deren Elemente auf beeindruckende Weise, ohne sie ihrer Eigenheiten zu berauben. War ¡Ay! eine Hommage an Dalts kolumbianische Herkunft, wirkt A Danger to Ourselves zutiefst un-heimlich.
Melodien sind auf dieser Platte fast vollständig abwesend. Stattdessen erkundet Lucrecia Dalt klangliche Abstraktion mit einer Klarheit, die stellenweise an ihre Kollaboration mit Aaron Dilloway erinnert. In einem Interview erklärte sie: »Ich wollte, dass dieses Album Rhythmus in größerer Komplexität erforscht. Mehr Polyrhythmen, schräger, mehr Arten mit den Drums zu arbeiten.« Es geht ihr also nicht um komplexere Rhythmen, sondern um Rhythmus – komplexer gedacht.
Zwar schießen die Drums gelegentlich mit voller Kraft – etwa in »the common reader«, ihrer Zusammenarbeit mit Juana Molina. Doch ihre größte Wirkung entfalten sie dort, wo sie sich zurücknehmen. In Kombination mit Dalts unterkühltem, aber eindringlichem Gesang entsteht eine Atmosphäre, die wie eine aus den Eiswassern der Moderne gehobene Threnodie wirkt. In dieser Unmenschlichkeit liegt etwas zutiefst Intimes. A Danger to Ourselves gehört zu jenen seltenen Alben, deren Bedeutung sich einer abschließenden Bewertung entzieht.

A Danger To Ourselves White Vinyl Edition

