Sind die komplett eingespielt? Oder nähern die sich gerade erst an, lernen das Gegenüber mit jedem Ton ein wenig besser kennen? Die Faktenlage ist eindeutig: Luise Volkmann, deutsche Saxophonistin, und Kiko Dinucci, Sänger und Gitarrist aus Brazil, sind einander durchaus vertraut. Vorletztes Jahr haben die beiden bereits ein Album gemeinsam aufgenommen, getourt sind sie auch.
Und trotzdem ist das, was Canto del Olho seine Wirkung gibt, das Gefühl, einem zarten Aufeinanderzubewegen beizuwohnen. Das Album hat etwas Theatralisches. Im besten Sinne. Wie Saxofon, Gitarre und Stimme einander umschleichen, wie sie erst mit kleinen Gesten Resonanz suchen, um dann – in der gewonnenen Sicherheit im eigenen Gefühl erkannt worden zu sein – ausschweifender, mutiger werden, da sieht man das Schauspiel von Körpern in einem Raum.
Immer wieder ändert sich die Temperatur. Spannung wird auf- und abgebaut. Volkmann versteht es, mit ihrem Alt-Saxophon zurückhaltend Fragen zwischen die Körper zu hängen. Genau wie es ihr gelingt, Statements zu setzen. Immer dann, wenn im Zwiegespräch mit Dinuccis sanfter Gitarre die Verbindung intim geworden ist.
Man würde vorschnell gerne mit Kammer-Jazz labeln. Aber das reicht nicht. Wo man bei Dinuccis Gesang beispielsweise gerade zu Anfang des Album durchaus MPB (Música Popular Brasileira) raushören kann, klingt er auf dem dritten Song nach afrikanischer Folklore. Später rollt »Com Flores« in einer Art los, dass man an die energetischen, mantrischen Dampflock-Passagen bei Don Cherry erinnert wird.
Wenn am Ende die letzte Bewegung vollführt ist, der letzte Schritt getanzt – dann geht die Suche weiter.

Canto De Olho