Review

Olivia Rodrigo

Guts

Interscope • 2023

Plötzlich war alles wieder da: Teenage Dreams, Liebeskummer, College-Jacken, Küsse in der Nacht, Autos, Highschool, und auf MTV laufen Musikvideos. Olivia Rodrigos Debüt-Album »Sour« war eine Sensation, weil es 2021 den Zeitgeist traf und wirklich jeden von der Gen Z’lerin bis zum Boomer bei ihren oder seinen Themen respektive Sehnsüchten abholte. »Sour« war für Kids das perfekte, identifitikationsstifende Coming-Of-Age-Album für die Gegenwart. Für Erwachsene hingegen eine riesige Projektionsfläche für Nostalgie.

Alles klang da durch. Die gute alte Zeit, Jugend – ganz viele Gefühle einfach. Bei gleichzeitiger verklärter Empfindung, dass damals alles einfacher war. Und diese Mischung droppte in 2021, in die Pandemie. Die Situation war folgende: Es gab keine guten Rom-Coms; alle redeten auf Social Media von Hot Girl Summer und Healing und Self Care und toxic diesdas, Memes machten sich über alles lustig, und da kam Rodrigo mit dieser vollen Ladung »alter« Emotionen, diesem einfach ausgeliefert Sein, indem sich öffentlich niemand mehr übte. Eine Offenbarung. Dazu top notch Pop-Musik. Und ein maßgeschneidertes Produkt fürs Hier und Jetzt: Eine Disney-Prinzessin, die »fuck« sagte.

Das, was 2023 »Barbie« ist, war »Sour« vor zwei Jahren. Jetzt der Nachfolger. Und bei der Interpretin, inzwischen 20, das Problem, das man nach so einem Mega-Durchbruch halt hat: Wie topp’ ich den shit? Sie löst es wie Eminem damals. Der drohte der Erfolg von »My Name Is« zu erdrücken und kreativ komplett zu hemmen. Die Lösung: Wut. »The Way I Am« das Ergebnis. »Guts« rast selbstverständlich nicht derart radikal mit dem offenen Messer durch die Gegend. Aber ist doch heftiger, viel kantiger als der Vorgänger. Mit dem Intro liefert Oliva Rodrigo direkt ein Update des Meredith-Brooks-Klassikers »Bitch«, man kann es auch als ihr persönliches »The Way I Am« lesen, mit dem sich Rodrigo gegen diverse Erwartungen abgrenzt: die eigenen, die gesellschaftlichen, die ökonomischen – daran, wie eine junger, weiblicher Popstar zu sein habe.

Musikalisch klingt an der Oberfläche oft erstmal wie Teenage-Punk passend zum Y2K-Trend, wie Blink-182, Wheatus und Avril Lavigne. Was darunter aber an Songwriting passiert, ist ein ganz anderes Level: Doppelte Böden, gnadenlose (Selbst-)Reflexion, Distanz, Humor. Rodrigo ist auf dem besten Wege der nächste Superstar in der Größenordnung von Taylor Swift oder Harry Styles zu werden.