Rider Shafique

I-Dentity

Young Echo • 2016

Es ist ein Statement, direkt die Kamera zu starren, das Publikum fest in den Blick zu nehmen. Popstars tun das kaum, sie schauen zur Seite oder nach schräg oben und wenn sie doch direkt ins Objekt gucken, dann mit einem sanften Lächeln. Im Rap wird seit Anfangstagen direkt in die Kamera gestarrt, ernst und manchmal auch mit wütend kraus gezogener Stirn. Dabei ist der Blick in die Kamera nicht allein konfrontativ, er bedeutet auch eine Preisgabe. Wer starrt, zieht Aufmerksamkeit auf sich, wird zurückbemustert. Der britische MC und Spoken-Word-Künstler Rider Shafique schaut vom Cover seiner Single »I-Dentity« nahezu emotionslos und doch fest sein Publikum an. Er sieht nichts, wir sehen… Ja, einen Schwarzen. Einen Schwarzen, der zum Schwarzen gemacht wurde: »When I was five, my mother told me that I was Black«, beginnt das von Sam Kidel alias El Kid produzierte Titelstück. Über auf und ab wogenden, kreischenden Streicherdrones erzählt Shafique davon, wie aus einem Menschen ein Schwarzer wurde. Wie seine Lippen und Locken Zeugnis ablegen. Über das, was sich Wurzeln oder Background nennt, vor allem über seine Andersheit. »I know you notice«, sagt er mit sonorer, ruhiger Stimme einer Gesellschaft, der er sich auf dem Cover dieser Single präsentiert und zählt alle Worte und Schubladen auf, mit denen seine Identität festgeschrieben wird. »I remember being asked ‚What am I?‘, not who I am.« Das schmeckt bitter, wird von Shafique aber gegen Ende gewendet, wenn er aus der gewaltsamen Einschreibung eine Wahl macht. »Freedom Cry«, ein ähnlich ruhig und weniger beunruhigend produziertes Stück von Amos Childs alias Jabu, erzählt zwar von Müdigkeit und doch ist darin ein Manifest, ein Appell enthalten: Nicht aufgeben! »I-Dentity« liefert im Großbritannien des Jahres 2016 ein deutlicheres Statement ab als es Babyfathers Album konnte oder wollte. Es enthält keine Hits und wird, obwohl es dem Young Echo-Umfeld entstammt, wohl kaum im Club zu hören sein. Dennoch ist es eine wichtige Platte. Weil sie nach vorne schaut, ihr Publikum in den Blick nimmt und sich zugleich selbst preis gibt.