Auf Anticon Records sponnen sich die Hippies von cLOUDDEAD und Co. durch Fieberträume. Die Shadow Huntaz fusionierten auf Skam Rec. fern jeglicher Öffentlichkeitswahrnehmung Street-Grittyness mit niederländischem IDM. In Berlin floss der Rapper RQM wie Quecksilber über die bassschwangere Elektronik von The Tape (a.k.a. Robot Koch), während das Rosenheimer Duo Funkstörung die Raps ihrer Gäste dauerdefragmentierte. Anti Pop Consortium und Prefuse73 veröffentlichten gleich direkt neben Aphex Twin und Autechre auf den britischen Warp Records. Und in New York türmte El-P seine Synthesizer zu Noisekollagen auf, die selbst Public Enemys Bomb Squad blass aussehen ließen.

Two/Three (2018 Remaster)
Für Tadd Mullinix dürfte das die beste Zeit seines Lebens gewesen sein. Endlich kam zusammen, was für ihn nie im Widerspruch gestanden hatte. Aufgewachsen in Rochester, Michigan, war Detroit nie fern. So brummten bei Mullinix und seinen Skateboard-Buddies neben klassischem HipHop ganz selbstverständlich auch Techno, Jungle und Electronica durch die Boxen.
Ravender Kopfnicker
»Als ich anfing, Musik am PC zu machen, hörte ich Labels und Künstler wie Suburban Base Records, Autechre und Gangstarr«, erklärte er 2006 dem Magazine The Skinny.
Seinen ersten Impuls, Musik zu machen, erhielt Mullinix demnach nicht durch die omnipräsente HipHop-Szene, sondern Aphex Twins Album »I Care Because You Do«, das 1995 nonchalant Rave, Hardcore, Neoklassik und Downbeat zerriss und neu zusammensetzte. »Ich mochte einfach eine Menge verschiedener Stile, die ich auf dem PC machen konnte. Also begann ich, sie alle auf einmal zu machen«. Das Demo, dass er im Jahr 2000 an Ghostly Internationals Sam Valenti gab, reichte denn auch nicht für ein Alias, sondern für drei: Tadd Mullinix für IDM, James T. Cotton für House und Techno sowie Dabrye.
Dekonstruktion des Boom Bap
Trotz der Persönlichkeitsaufspaltung blieb die Vielfalt des Demos auch auf Dabryes drittem Album Two/Three erhalten. Es wurde ein Körper aus elektronischen Bausteinen, dessen Kopf unaufhörlich nickte. Funk unterkühlte in Unterwasserwellen. Filter rieben den Groove permeabel. Noise wippte mit allen Zehen. Synthesizer glänzten abwechselnd in Sternenflimmern und zähflüssigen Nebelschwaden. Beats zerbrachen und stolperten in leicht versetzten Sequenzen. Zugleich blieb dort immer dieser Groove, der noch den versteiftesten Head an den Eiern kriegte.
»Ich mochte einfach eine Menge verschiedener Stile, die ich auf dem PC machen konnte. Also begann ich, sie alle auf einmal zu machen.«
Dabrye
MF Doom, einer der unzähligen Ausnahme-MCs auf dem Album, irritierte und umgarnte der Sound dermaßen, dass er seine Suche nach Lyrics direkt zum Sujet machte: »The beat is sicker than the blood in your stool / The way it repeats can trick ya like a stuttering fool.« Er tat sich offensichtlich schwer mit seinem Feature auf dem längst legendären Song »Air«: »The track was like a thorn in his back / as for the rhymes, I’ll give y’all fair warnin’, it’s crack.«
Alle auf uneinladende Beats eingeladen
Auch darin bildete »Two/Three« eine Besonderheit, selbst im ohnehin eigenwilligen ›HipHop meets Electronica‹-Kosmos. Nach den rein instrumentalen ersten beiden Alben von Dabyre, glänzte Two/Three mit einer massiven Feature-Liste, die sich wie das WhoIsWho herausragender MCs las. MF Doom, Kadence, Vast Aire, Beans (Anti Pop Consortium), Wildchild (Lootpack), Invincible, Guilty Simpson, Waajeed (Slum Village), AG (D.I.T.C.), Finale und nicht zuletzt J Dilla aka Jay Dee versuchten, auf den rauhen Oberflächen der stotternden Beats zu balancieren.
Man konnte auf fast jedem Track hören, wie die MCs sich mit dem ungewohnten Soundgebilde erst vertraut machen mussten, bevor sie ihre Flows fanden. Wie das mehrmalige tiefe Durchatmen vor dem Sprung ins kalte Wasser. J Dilla, der wenige Monate vor der Veröffentlichung des Albums verstarb, ist es nebenbei zu verdanken, dass dieses WhoIsWho überhaupt möglich wurde. Er hatte bereits 2003 auf Dabryes Track »Game Over« gerappt und damit seine klare Empfehlung für den neuen Produzenten aus Michigan gegeben.
Anfang und Ende
In einer besseren Welt wäre Two/Three der unweigerliche Beginn einer fantastischen Karriere geworden, mit jährlichen Erweiterungen der Familie und Diskografie. Während der Promotour träumte Dabrye gegenüber dem Magazin Nothin But Magic davon, mit Two/Three im Resümee auch Größen wie Busta Rhymes überzeugen zu können. Stattdessen schlief bereits 2006 die Fusion von Electronica und HipHop ein. Trap verschickte Hustensaft in Familienpackungsgröße, Baltimore Bass tanzte frenetisch auf den Trümmern. Techno walzte im Rap die leisen Töne der Electronica zu Fußnoten. Tadd Mullinix wandte sich unter verschiedensten Alter Egos und Projekten dem Techno, Acid und House zu. Erst 2018 erschien er wieder als Dabrye auf der Bildfläche und schloss mit Three/Three die 2001 begonnene Trilogie ab. Der dritte Teil wirkte da nur noch wie der Schatten einer besseren Zeit voller großer Versprechen./