Es ist schon so manchem Ballett-Publikum schummrig geworden, seitdem Jlin auch die Opernhäuser erobert hat. Die US-amerikanische Produzentin gehört heute zu den renommiertesten Produzentinnen unserer Zeit. Mit ihren pfeilschnellen, synkopierenden Beats hat sie, wenn man so will, Clubs und Paläste gleichermaßen für sich gewonnen.
Das hätte sich die heute 39-jährige Jlin in ihrer Kindheit nicht einmal erträumen können. Gary im Bundesstaat Indiana, eine Stadt mit heute 70.000 Einwohner*innen, ist nicht gerade als kulturelles Zentrum der USA bekannt; ganz im Gegenteil: Abgesehen von den Jackson Five (und ihrem jüngsten Spross Michael, dem man eine gewisse Prominenz nachsagt) ist die Stadt vor allem dafür bekannt, lange Zeit eines der Zentren der Stahlindustrie gewesen zu sein. Eine klassische Midwestern-Industriestadt, einer der Landstriche, in denen heute Donald Trump seine Kernwählerschaft gefunden hat.

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Wie alle anderen, arbeitete auch Jlin lange in der Stahlindustrie. Doch nebenbei beeindruckten sie schon früh die Footwork-Veteranen des wenige Kilometer entfernten Chicagos so nachhaltig, dass sie sich ebenfalls an der Produktion von rapiden Beat-Kaskaden, flippenden Samples und Basswänden versucht; schnell werden ihre Produktionen rumgereicht, gefeiert und finden ihren Weg auf die Compilation Bangs & Works des Labels Planet Mu, die Footwork außerhalb Chicagos und besonders in Europa popularisiert und Künstlern wie RP Boo, dem viel zu früh verstorbenen DJ Rashad, Traxman oder DJ Nate das redlich verdiente Spotlight gewährt.
Aus dem Schatten dieser ersten Generation kann Jlin, eine der wenigen Frauen der Footwork-Welt, schnell treten, hat sie einen idiomatische Stil entwickelt, der die eigenen Tracks nicht nur als Tanzmusik versteht. Jlins Bestrebungen sind größer, sie sieht sich als Komponistin, als jemand, der eben an Minimal Music, an Ballett und an Konzerthäuser anknüpfen mag. Längst den Respekt von anderen Ausnahmekönner*innen wie Björk oder den Komponisten Philip Glass verdient – und mit beiden längst kooperiert.
Ich glaube, wir müssen den Elefanten im Raum adressieren: Du spielst dieses Jahr beim Enjoy Jazz Festival. Jazz ist nicht das Genre, das man bisher mit Deiner Musik assoziierte. Was waren deine Berührungspunkte mit Jazz in der Vergangenheit?
Jlin: Mein Vater war sehr begeistert von Jazz, er spielte dauernd seine Platten. In Gary, Indiana, wo ich aufwuchs, gab es eine Jazz-Radiostation namens WNUA 95.5, die meine Eltern tagein, tagaus gehört haben. Meine Sozialisierung mit Jazz begann also sehr früh – auch wenn ich die ganzen Namen nicht kannte. Meine Eltern hatten unterschiedliche Lieblinge: Mein Vater hörte und liebte Miles Davis, John Coltrane, Alice Coltrane, Tito Puente, Charlie Parker. Meine Mutter favorisierte Jonathan Butler.
Im Jazz spielst du gegen die Zeit an.
Jlin
War Jazz, für Dich, als jemand der in den 80ern geboren wurde, eigentlich ein Relikt aus der Vergangenheit, also eher etwas, das für eine alte Zeitrechnung stand und im krassen Kontext zu z.B. der elektronischen Musik stand, die in den 90ern so präsent war?
Jlin: Jazz wird sich für mich niemals überholt anfühlen. Die Musik bestimmt schon immer meine Gegenwart und meine Zukunft. Willst Du den Grund Wissen? Im Jazz spielst du gegen die Zeit an, du spielst außerhalb der Zeit, du spielst unterschiedliche Rhythmen und mit immer neuen unplanbaren Momenten. Das sind Techniken, die ich gleichfalls in meiner Musik nutze. Und nicht nur ich, viele elektronische Musiker*innen und Produzent*innen. Jazz wird folglich nie ein verflossenes Genre sein, es ist das Fundament, auf dem ich stehe!
Und was sind Platten, Entwicklungen, Acts aus der weiten Welt des Jazz, die dich – entweder persönlich oder professionell – interessieren?
Jlin: Kenny G (dessen Technik ich verehre), Al Jarreau, Anita Baker, Chaka Khan, Jonathan Butler, Tito Puente, »Take 5«. Ich musste dieses Stück nennen, weil es sehr wichtig für mich ich. Auf »Take 5« baut alles auf für mich. Das sind die Platten, die niemals alt werden. Dann Sade, my favorite artist, aber sie ist keine Jazzerin. Insgesamt habe ich Probleme damit, Künstler*innen zu kategorisieren: Die besten sind viel größer als ein Genrebegriff.
Steigen wir mal in deinen Werkkosmos ein: 2011 bist du den meisten Szene-Heads und Interessierten mit deinem Track auf der Bangs & Works-Compilation aufgefallen. Zurückblickend: Hast du den Hype, der in den USA und in Europa entstanden ist, als wholesome empfunden oder als Aneignung und kurzfristigen Hype?
Jlin: Nein, ich habe das überhaupt nicht als Cultural Appropiation verstanden. Ich habe vielmehr wahrgenommen, wie Footwork ab 2011 endlich die Aufmerksamkeit bekommen hat, die dieser unglaubliche Sound längst verdient hatte. Weißt du, was diese vielen Männer und paar Frauen seit Jahren aufgebaut und produziert haben – ich war einfach nur glücklich, dass die Welt das erkannt und anerkannt hat. Für mich war Footwork ein Juwel, das die Welt sehen musste.
Und für Dich selbst und mit Hinblick auf die Musik, die du in den nächsten Jahren und bis heute komponiert hast: Hast Du Dich damals oder jemals als Footwork-Produzentin verstanden?
Jlin: Anfangs wollte ich Teil davon sein, ich dachte, ich sei eine Footwork-Künstlerin. Aber es war meine Mutter, die mich darauf aufmerksam machte, dass mein Sound … anders war. Klar, ich benutzte Merkmale und Elemente von Footwork, aber die Musik war eben kein Footwork. Ich habe das erst circa 2016-2017 eingesehen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich loslassen konnte, wo ich gesigned wurde, wo sich alles entwickelte und änderte: Wie ich Musik dachte und machte. Mit dem Choreograph Wayne McGregor am Tanzstück Autobiography zu arbeiten, änderte meinen Zugang zu meinen eigenen Stücken. Das ist der eigentliche Beginn meiner Karriere. Wo ich anfangs Teil der Footwork-Bewegung sein wollte, wollte ich danach nur noch einen Raum finden, in dem ich mich verwirklichen und entwickeln konnte.
Über die letzten Jahre ist die Inspiration durch Minimal Music – es ist bekannt, dass Du eine Bewundererin von Philip Glass bist – deutlicher in deinen Tracks hervorgetreten. Schau ich besonders auf die Zeit der 1970er zurück, gab es da eine sehr produktive und intuitive Zeit, in der Jazz und Minimal Music zusammenkamen und teilweise ununterscheidbar wurden. (Terry Riley spielte mit Don Cherry; Kelan Phil Cohrans Afrikan Skies etc.) Ist das etwas, was du rezipiert hast? Kannst Du da selbst anschließen oder siehst Du Dich in einer Traditionslinie?
Jlin: Kooperationen, wie die von dir angesprochene mit Philip Glass, entstehen natürlich; wenn sie entstehen sollen. »Die Würfel fallen wie sie fallen«, so eine Person bin ich. Ich verfolge keinen Plan; es ergibt sich halt alles. Und das gilt bei mir auch auf den Sound bezogen: Was mich heute berührt, das soll dann einfach so sein. Dann gebe ich mich der Bewegung hin. Das ist heute und in den letzten Jahren Klassik und Minimal Music und morgen wieder stärker auf den Jazz bezogen. Übermorgen kann das dann Drumming sein. Mein spirit wird mich schon dahin bringen, wo ich kreativ gerade hingehöre.
Während dein Spirit dich leitet, sind deine Tracks durchaus dazu in der Lage, die Hörer zu verwirren. Es sind fast ausschließlich unkonventionelle Songstrukturen und komplexere Drumsettings, die das Gefühl von Unruhe oder sogar Angst evozieren. Man muss sich Mühe geben einen kühlen Kopf zu bewahren. Ist das von dir so intendiert?
Jlin: Nein, ich mache nur Musik. Ich habe also keinen besonderen Fokus – wie etwa absichtlich komplexe Songstrukturen. Meine Musik arbeitet mit vielen Schichten, aber Unruhe oder Beklommenheit sind nicht, was ich hervorrufen möchte. Sie ist einfach nur ein Ausdruck meines Selbst.
Die Frage, was man in meiner Musik hört, ist also keine, die man mir stellen sollte.
Jlin
Ich musste gleichzeitig daran denken, dass deine bisher letzte Platte Akoma und seine Dramaturgie genau diese Entwicklung reflektiert – die zweite Hälfte der Platte bietet nach und nach mehr Halt. Ohne an Komplexität zu verlieren. Wolltest Du dieses Gefühl von »Zurück nach Hause kommen«?
Jlin: Akoma ist, wie all meine Musik, beeinflusst vom Raum oder auch von Geschichten, die mich umgeben. Ich bin aber gerade nicht sicher, wie und wo Akoma entstanden ist. Aber ich kann viel mit diesem Gefühl von »Nach Hause kommen« anfangen: Häufig kommt die Musik zu mir zurück, verändert sich, nimmt eine neue Form an und findet dann wieder seinen Weg in das nächste Stück.
Bei den Detroit-Techno-Produzenten hat man jahrelang behauptet, dass man ihren Tracks eine Nähe zu den Motoren- und Autofabriken raushören würde. Kann man bei dir immer noch die Stahlindustrie, die bis 2015 deine Heimat war, erkennen?
Jlin: Ich liebe den Sound der Industrie; manchmal jedenfalls. Deswegen werden solche Sounds immer wieder durchbrechen und ihren Weg finden. Aber: ich glaube ehrlich gesagt, dass es eher auf dem Hörer als auf den Musiker ankommt. Die Frage, was man in meiner Musik hört, ist also keine, die man mir stellen sollte.
Vor vier Monaten hast du bei Instagram gepostet, dass du gerade an einem neuen Album arbeitest. Kannst Du dazu schon etwas verraten? Oder über andere Projekte, die gerade anstehen?
Jlin: Ich arbeite gerade an einem Stück für die Green Umbrella-Serie der Los Angeles Philharmonie. [Green Umbrella ist eine Programmserie für kontemporäre Neue Musik in Los Angeles. Sie feiert 2027 40-jähriges Bestehen. Anm. d. Interviewers] Es ist ein 12 – 15-minütiges Stück, ich komme gut damit voran. Ich arbeite auch an einem Album, richtig, aber ich bin noch nicht bereit mehr preiszugeben.
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