Music Kolumne | verfasst 30.08.2018
Vinyl-Sprechstunde
Blood Orange – Negro Swan
Das neue Blood Orange-Album ist ne handvoll. Zwei unserer Kolumnisten sagen: too much. Der dritte sagt: Ja. Ja, es ist too much, aber genau das soll es auch sein: zu viel und nicht etwa gemaßregelt.
Text Florian Aigner, Pippo Kuhzart, Kristoffer Cornils
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Kunze: Was haltet ihr denn vom Titel?
Cornils: »Negro Swan«? Beeindruckend. Unfassbar catchy, aber auch irritierend. Da hängt ziemlich viel dran.
Kunze: »Negro Swan« findest du beeindruckend? BEEINDRUCKEND?
Cornils: Ja. Du nicht?
Kunze: Hä, ne!
Cornils: Wieso nicht?
Kunze: Ich finde es nicht besonders originell. Wenn ein Schüler mit Agenda in der High School ein Musical auf die Beine stellen und es provokant benennen wollen würde – das wäre doch sein Titel?!

Cornils: Nein, das wäre »Black Swan« – wie dieser unsäglich grässliche Film mit Natalie Portman. »Negro Swan« verpasst der relativ gängigen Metapher vom schwarzen Schwan einen überraschenden Twist.
Kunze:: Schon klar. Aber für mich ist der Twist einfach nicht überraschend. Aber vom Reach her finde ich den Titel smart. Provoziert genau die richtigen Leute.
Cornils:. Du unterstellst ihm also Kalkül?

Wo zuerst »you’re doing too much« als Vorwurf aufgeführt und dann gesagt wird: »my eternal resolution would be to do too much«. Das ist extrem programmatisch. Kunze: Ich weiß gar nicht, ob ich ihm Kalkül unterstelle. Vielleicht habe ich ihn bislang auch einfach nur überschätzt.
Cornils: Wie gesagt: Da recht simpel und effektiv »Black« durch »Negro« zu ersetzen, finde ich sehr smart. Und natürlich auch konsequent, das letzte Album hieß verdammt noch mal »Freetown Sound«. Gefielen dir Hynes’ alte Sachen denn?
Kunze: Voll. Eigentlich war ich seit »Dinner« Fan. »Coastal Grooves« oft gehört, das danach auch noch. Bei »Freetown Sound« grundlos raus gewesen.

Cornils: Okay, und was ist dir nun an »Negro Swan« – ob nun dem Titel oder dem Album – too much? Denn too much war doch schon immer auf eine Art der Mindeststandard bei Blood Orange.

Kunze: Mir wurde es einfach too much dasselbe. Hat mich irgendwann einfach musikalisch gelangweilt. Also ganz einfach. Weil genau das, was ihn so suuuuper geil gemacht hat, diese immer wieder anschwelenden Harmonien über die Beats, das hat er eeeecht zu viel gemacht inzwischen.

Aigner: Hallo, finde den Titel jetzt doch geil. Habe nähähääämlich gerade das da gelesen, weil ich mich irgendwie dunkelst an Politkvorlesung im ersten Semester erinnert habe:
Aristotle’s »Prior Analytics« is the most likely original reference that makes use of example syllogisms involving the predicates »white«, »black«, and »swan«. More specifically, Aristotle uses the white swan as an example of necessary relations and the black swan as improbable. This example may be used to demonstrate either deductive or inductive reasoning; however, neither form of reasoning is infallible, since in inductive reasoning, the premises of an argument may support a conclusion, but do not ensure it, and similarly, in deductive reasoning, an argument is dependent on the truth of its premises. That is, a false premise may lead to a false result and inconclusive premises also will yield an inconclusive conclusion. The limits of the argument behind “all swans are white” is exposed—it merely is based on the limits of experience (e.g., that every swan one has seen, heard, or read about is white). The point of this metaphor is that all known swans were white until the discovery of black swans in Australia. Hume’s attack against induction and causation is based primarily on the limits of everyday experience.

Kunze::Du bist so ein Pisser ey. Ich muss das nachher alles abscrollen.

Aigner: ….the point of this metaphor is that all known swans were white until the discovery of black swans in Australia. Hume’s attack against induction and causation is based primarily on the limits of everyday experience. DAS IST DOCH GEIL.

Cornils: Kurz gesagt: Nur weil du dein Leben lang noch nie einen schwarzen Schwan gesehen hast, heißt das noch lange nicht, dass es keine gibt.

Kunze: Was’n daran wieder deep?
Aigner: WENN DU %§&‘# DEN ARGUMENTATIONSGANG LESEN WÜRDEST DANN WÄRE DER TITEL DEEPER ALS ER FÜR DICH GERADE IST, SCHWEINEBACKE.
Kunze: Darum geht’s doch überhaupt niemandem schon lange nicht mehr. Haben doch alle schon ein schwarzen Schwan gesehen. Er ist halt negativ konotiert.
Aigner: Auf race relations und das Anliegen bezogen und VISIBILITY ist der Argumentationsgang doch ein bisschen subtiler.

Cornils: Und da wären wir tatsächlich beim Kernthema der Platte, oder einem von denen, weil natürlich wieder viele darauf verhandelt werden. Es geht um Sichtbarkeit, aber genauso ums Nichtgesehenwerden – und tatsächlich auch darum, dass insbesondere queeren people of colour gerne mal gesagt wird, sie wären zu laut, zu schrill, etc. Hynes hat sich ja in der Vergangenheit stark mit Ballroom Culture auseinandergesetzt. Auf »Negro Swan« fangen schon beim Opener »Orlando« die Statements an, wo zuerst »you’re doing too much« als Vorwurf aufgeführt und dann gesagt wird: »my eternal resolution would be to do too much«. Das ist extrem programmatisch.

Kunze: Wisst’er, es gibt ja immer diese zwei Ebenen. Das eigene, ganz private subjektive Empfinden und das theoretische Betrachten. Selten waren die bei mir so weit voneinander getrennt wie hier.

Aigner: Warum?
Kunze: Theoretisch finde ich das alles super. Top, dass er mit zugänglicher Pop-Musik marginalisierte Themen in den Mainstream schmuggelt. Aber mir gefällt das Album gar nicht. Ich finde es unangenehm exaltiert, ich finde das Gejaule unerträglich, die Musik langweilig, die Texte – also das was ich gehört und gelesen habe – maximal mitteldeep.

Cornils: Auf »Jewelry«: »People try to put us down by saying ›she’s doing the most‹ or ›he’s way too much‹.« Das ist im Grunde ja auch der Duktus deines Vorwurfs, und sei’s nur auf musikalischer Ebene. Klar, das muss die Platte für dich als Hörer nicht unbedingt besser machen und ich finde »Negro Swan« – 16 Songs in 50 Minuten, zig Features, unter anderem mit P. Diddy!? – ebenso überbordend und barock. Aber: Das ist eben Konzept, das müssen wir als solches, denke ich, schon hinnehmen.

Kunze:: Du deutest das Überbordende also echt als Konzept? So von wegen: wir sind so much wie wir halt much sind und das ist auch gut so?
Cornils: Absolut, ja. Es ist eine Kampfansage. Denn Aigner hat ja recht: Es geht hier um Sichtbarkeit oder besser Hörbarkeit. Deswegen diese Einspieler, die ja schon bei »Freetown Sound« das Gesamtbild extrem politisiert haben, deswegen die Features, deswegen alles und das all the way. Manchmal geht das doch super auf.

Aigner:: »Chewing Gum«. Da stolpert A$AP Rocky kurz eine Minute rein, Black Excellence im Schlafanzug und bevor man checkt wie lazy sein Vers war, kickt Blood Orange da noch diese Chopped & Screwed-Coda rein. Das ist schon gut. Sonst zu viel Frank Ocean-Einfluss. Ich hasse, was Frank Ocean mit allen gemacht hat.
Kunze:: Joa, es gibt musikalisch zwei, drei Momente, bei denen ich dachte: Ah, deswegen ein neues Blood Orange-Album.

Aigner: Aber insgesamt als Songwriter ist das bisher sein schlechtestes Blood Orange-Album.
Wenn ich das hier als reales Leben EMPFINDEN könnte, dann würde ich es auch nicht so scheiße finden. Kunze:: Er klingt jetzt einfach seit Jaaaahren komplett gleich. Es ist sooo langweilig »Charcoal Baby«, da krieg ich echt die Krätze. Den Song hat er mit Solange schon eine Millionen mal gemacht.
Aigner: »Charcoal Baby« ist wirklich die absolute Hölle. Ich würde mal noch kurz wohlwollend sagen, dass da einige Prince- und Michael-Imitationen drin sind für die The Weeknd viel Geld bezahlen würde

Cornils: Ich finde, es gibt schon geile Momente musikalisch, vor allem weniger Phil Collins-Drums als zuletzt.
Kunze: Ich finde, dass er schlechter singt als Kanye West. (lol not lol)
Cornils: Ich mochte seinen Gesang auch noch nie wirklich, weshalb ich Blood Orange dann doch eher höchstens nebenbei verfolgt habe. Ich find’s auch immer noch irre, dass der mal bei Test Icicles gespielt hat. Aber das ist zweitrangig. Wichtiger ist, dass er immer weniger im Vordergrund steht. Irgendwo auf der letzten Platte hieß es doch, er würde nie den Struggle einer schwarzen Frau verstehen und vermutlich ist »Orlando« als Opener auch darauf ein Riff, als Anspielung zum Virginia Woolf-Roman selben Namens. Hynes lässt sie reden, auf dieser Platte, in den Features. Da soll was Gemeinschaftliches geschaffen werden. Nun lässt sich drüber streiten, ob es dafür wirklich populistische Methoden – fetzige Slogans hier, manchmal sehr grelle und gefällige Musik dort – braucht. Aber diese »rise and shine«-Metaphorik im Abgang ist eben nicht nur die singuläre Einzelerzählung, sondern zugleich Ausdruck von und Aufruf an eine sehr heterogene Gruppe von Menschen, die recht ähnliche Erfahrungen machen.

Kunze:: Wie gesagt: Super Message. Ich ertrage nur tatsächlich die Ausdrucksform nicht, das ist mir einfach zu theatralisch.
Cornils: Die Theatralik ist nur, ich wiederhole mich, meiner Auffassung Teil des Konzepts. Nenne es Camp, nenne es wie du willst. Da ist die Methode schon an sich queer, nur eben nicht mehr still und leise im eigenen Eck, sondern voll im Rampenlicht. Jenny Hval sagte mir mal, dass sie aus queer-feminstischer Perspektive auch immer das Kleinteilige und Marginale bevorzugt, das dann aber mit »Apocalypse, girl« radikal umgedacht hat. Das ist schon als Kampfansage zu verstehen und wenn uns das als Weißbrotenheten too much ist, dann hey, Ziel erfüllt, gerade weil wir vermutlich nicht die Zielgruppe sind. Klar, deshalb mögen wir jetzt das Ganze auf musikalischer Ebene nicht unbedingt lieber, aber die konzeptuelle Stringenz ist meiner Meinung einfach da.

Kunze: Schön gesagt.

Cornils: Es ist schon komisch, dass ich so dermaßen hartnäckig verteidige, weil: Musikalisch gefällt mir hier vieles nicht, theoretisch finde ich sehr viel sehr obvious und gängig.

Aigner:: Wir haben kaum über Musik geredet. Kollege, warum findest du das Album denn so scheiße?
Kunze: Wie gesagt: der typische Blood Orange-Sound hat sich für mich einfach ein ausgelutscht. Dazu kommt, dass er etwas überstrapaziert, was ich eigentlich immer sehr schön finde: Dieses interlud-ige. Der hackt das überall rein hier. Das leiert zu sehr aus nach allen Seiten hin. Ich bin großer Fan von Interludes und Skits, weil sie – wenn gut gemacht – die Atmo verdichten. Hier passiert für mich aber das gegenteilige.
Aigner: FRANK OCEAN RUINED EVERYTHING.

Blood Orange - Negro Swan Webshop ► Vinyl 2LP + Orange Vinyl 2LP Kunze:: Das baut dann für mich die vierte Wand nicht mehr auf, sondern ab.
Ich spüre da einfach so sehr den Regisseur und was er mir unbedingt sagen will. Und mir gefällt sein Stück einfach nicht. Wenn ich das hier als reales Leben EMPFINDEN könnte, dann würde ich es auch nicht so scheiße finden. Aber das ist Theater.

Aigner: Okay, das raff ich. Wir sollten wenigstens mal alle gemeinsam Track 2 appreciaten. Bel Biv Devoe featuring Nick Carter produziert von Tricky. Ich glaub ich hab nix mehr, es sei denn ihr wollt über Virginia Woolf reden.

Cornils: Ich finde »Negro Swan« konsequent und eigentlich reicht mir genau das auch.


Die Musik von Blood Orange findest du bei HHV Records.

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Aigners Inventur
November & Dezember 2020
Das Virus? Nah, unser furchtloser Kolumnist fürchtet nur eines hinter jeder Straßenecke: Clueso. Aigner schmeißt sich in fiktive Nachtbusse und bückt sich n zu den REWE-Spaghetti runter, weil die von Barilla wieder weggepreppt wurden.
Music Kolumne
Records Revisited
The Pharcyde – Labcabincalifornia (1995)
Pioniere im Andersdenken. Vor 25 Jahren wurden die überdrehten Klassenclowns von The Pharcyde auf ihrem zweiten Album »Labcabincalifornia« zu zynischen Antihelden. Daran trug auch ein damals unbekannter producer namens J Dilla Schuld.