Music Review | verfasst 05.11.2018
Thom Yorke
OST Suspiria
XL Recordings, 2018
Text Christian Neubert
Deine Bewertung:
5.3
Nutzer (3)
7.6
Redaktion
Cover Thom Yorke  - OST Suspiria

Dario Argentos Genre-Klassiker »Suspiria« wurde lange Zeit ebenso zweischneidig aufgefasst wie die Messer, die in den Filmen des italienischen Regisseurs blitzen. Heute zählt der Horrorfilm als Meisterwerk, der seinen Platz in diversen Bestenlisten behauptet. Die Prog-Rocker Goblin, die innerhalb Dario Argentos Frühwerk quasi als Hausband fungierte – und im »Suspiria«-Vorspann dennoch als The Goblins aufgeführt wird – schuf für den Soundtrack eine Symphonie des Grauens, die heute ebenfalls kultisch verehrt wird. Das mit Spannung erwartete und von Luca Guadagnino inszenierte Remake des Films läuft ab dem 15.11.18 in deutschen Kinos.

Für den Soundtrack wurde Thom Yorke gewonnen. Seine Kompositionen, für die er u.a. das London Contemporary Orchestra verpflichtete, sind geisterhaft luftig und von scharfer Präzision. Mit Streicherpassagen, Klavierklängen, weihevollen Chorgesängen und schrägen Synthies schaffen sie eine trippig-alptraumwandlerische Atmosphäre, die der Radiohead-Sänger auch hier und da mit seiner Stimme bedient. Der Einsatz dahingehauchter Worte als soundmalerisches Element, das deutlich zur gespenstischen Stimmung des Original Scores beitrug, wird von Thom Yorke im Sinne der gleichen postmodernen Zitierfreude, der wir eben auch das filmische Remake verdanken, aufgegriffen, aber nicht überstrapaziert. Aufgrund seiner Fülle aus skizzenhaften Collagen und episch produzierten Tracks klingt das melancholische Moment des Soundtracks stärker durch als bei Goblins’ psychedelisch-experimenteller Pionierleistung, und überhaupt ist sein gefühliger Mantel feiner gewoben. Das Unbehagen, das »Suspiria« Terror speist, gedeiht in Yorkes fragilen Klangbildern deutlich unterschwelliger. Sie träumen sich selbst davon. Bis sie dann doch kulminieren und fast physisch greifbar werden.

Thom Yorke erklärte, sich an den Originalmotiven orientiert zu haben, was unüberhörbar ist und wohl eh unabdingbar war. Er holt allerdings viel weiter aus, alleine schon in Sachen orchestraler Wucht, weswegen das zur Floskel gerät – und ohnehin egal ist: Sein Soundtrack kann sich eigenständig und losgelöst vom Film behaupten. Auch in Stücken wie »Volk«, die alle Zutaten gleichzeitig auffahren, welche das Vorbild der Goblins so schauderhaft bekömmlich machen.

Kombiniert mit farbigen LEDs, die die eigene stilvoll angekratzte Altbauwohnung illuminieren, schafft Thom Yorkes Soundtrack bereits vor dem Bundesstart des Filmremakes gepflegte »Suspiria«-Momente und dient als evokativer Audio-Trailer. Ein ähnlich ikonischer Glorienschein wie Goblins Original Score wird Yorkes Arbeit aber auch in Jahren nicht umwabern. So ist das eben mit Remakes. Und mit großen Fußstapfen.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 01.05.2011
Radiohead
The King Of Limbs
Thom Yorkes Gesang kommentiert lakonisch eine kompositorisch arme Platte, die sich mit einem interessanten Konzept zu entschuldigen weiß.
Music Review | verfasst 21.04.2011
Burial, Four Tet & Thom Yorke
Ego/Mirror
Burial sendet ein Lebenszeichen und findet für Ego/Mirror mit Four Tet und Thom Yorke für eine brillante 12inch zusammen.
Music Review | verfasst 29.09.2011
Modeselektor
Monkeytown
Modeselektor mischen die verschiedensten Clubmusikstile zusammen. Ihnen ist dennoch ein überraschend homogenes Album gelungen.
Music Kolumne | verfasst 03.04.2011
Zwölf Zehner
März 2011
Der März ist um, es lebe der März. Florian Aigner und Paul Okraj lassen den Monat März Revue passieren und destillieren in der neuen Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Music Kolumne | verfasst 13.03.2013
Hyperton
März 2013
Hyperton ist der monatliche Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir treffen eine kleine Auswahl an aktuellen Schallplatten und schauen mal nach, was die anderen Gazetten so schreiben.
Music Review | verfasst 20.03.2007
RJD2
The Third Hand
Man glaubt seinen Ohren kaum: RJD2 kehrt Plattenfirma und HipHop den Rücken und macht was ganz anderes.
Music Review | verfasst 11.05.2011
Tyler, The Creator
Goblin
Der wütende Jüngling im Glück zerreißt auf seinem Album jegliche vom Hype entstandene Fesseln. Ein furioses Rap-Album!
Music Review
Nermin Niazi
Disco Se Aagay
Grandiose Widerentdeckung: Als die Geschwister Nermin Niazi und Feisal Mosleh 1984 »Disco Se Aagay« aufnahmen, waren sie noch Kinder.
Music Review
Stereolab
Switched On Vol.4: Electrically Possessed
Das große Reissue-Projekt von Stereolab findet nun mit »Switched On Vol.4: Electrically Possessed« ein Ende.
Music Review
Mouse On Mars
AAI
Inspiriert von einem Text über künstliche Intelligenz von Louis Chude-Sokeis haben Mouse On Mars ihr neues Album »AAI« produziert.
Music Review
A Winged Victory For The Sullen
Invisible Cities
Adam Wiltzie und Dustin O’Halloran haben als A Winged Victory For The Sullen Musik für das Theaterstück »Invisible Cities« komponiert.
Music Review
Legowelt
Pancakes With Mist
»Pancakes With Mist«, das neueste Werk des niederländischen Virtuoso Legowelt, ist nun auch auf Vinyl erschienen.
Music Review
Pauline Anna Strom
Angel Tears In Sunlight
»Angel Tears In Sunlight« sollte das erste Album von Pauline Anna Strom nach 30 Jahren werden. Kurz vor Veröffentlichung ist sie verstorben.
Music Review
Tindersticks
Distractions
Lenkt die Liebe vom Leben oder das Leben von der Liebe ab: Tindersticks haben mit »Distractions« ein spannendes Album veröffentlicht.
Music Review
The George Otsuka Quintet
Loving You George
WeWantSounds macht mit »Loving You Geroge« eine Live-Aufnahme des The George Otsuka Quintets aus dem Jahr 1975 wieder verfügbar.
Music Review
Nancy Sinatra
Start Walkin' 1965-1976
»Start Walkin‘ 1965-1976« vereint die wichtigsten Songs von Nancy Sinatra und ist in diesem umfassenden Paket ein Pop-Schmankerl.
Music Review
Moggi (Piero Umiliani)
News! News! News!
»News! News! News!«, das Piero Umiliani vor 40 Jahren unter seinem Pseudonym Moggie veröffentlichte, wurde neu aufgelegt.
Music Review
Egyptian Lover
1986
Kraftwerk kann sich schleichen: Egyptian Lover lässt nicht locker und veröffentlicht mit »1986« neue Musik.
Music Review
Roots (Barney Rachabane)
Roots
»Roots«, das 1975 eingespielte Album des südafrikanischen Saxofonisten Barney Rachabane, wurde bei Frederiksberg wiederveröffentlicht.
Music Review
21 Savage & Metro Boomin
Savage Mode II
»Savage Mode II« von 21 Savage und Metro Boomin löst das Versprechen ein, dass die beiden 2016 auf ihrem Erstling heraufbeschworen haben.
Music Review
Stella Chiweshe
Ambuya!
Stella Chiweshes Musik entstand unter Widrigkeiten. Das Reissue ihres Debütalbums setzt folgerichtig ein Ausrufezeichen hinter dessen Titel.
Music Review
Omar Khorshid
With Love
Das 1978 im libanesischen Exil entstandene Album »With Love« des ägyptischen Gitarristen Omar Khorshid wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Al Wootton
Maenads
Mit »Maenads« kehrt der hochaktive Al Wootton auf sein Label Trule Records zurück. Die vier Tracks strömen eine ahnungsvolle Atmosphäre aus.
Music Review
Conny Frischauf
Die Drift
Lustig und nachdenklich, albern und rätselhaft: die Musik von Conny Frischauf auf »Die Drift« lässt auf eine Fortsetzung hoffen.
Music Review
Condry Ziqubu
Gorilla Man
Sehr sexy geballte Energie gegen Gewalt: Afrosynth veröffentlicht auf »Gorilla Man« Stücke des südafrikanischen Musikers Condry Ziqubu.
Music Review
Black Country, New Road
For the First Time
Black Country, New Road ist die Band der Stunde in Großbritannien. Ihr Debüt »For the First Time« ist soeben bei Ninja Tune erschienen.
Music Review
Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey
Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey
Tout puissant! Auf Superfly wurde das selbstbetitelte 1972er Album von Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey wiederveröffentlicht.
Music Review
Laurent Petitgirard
Suite Epique
»Suite Epique« des französischen Komponisten Laurent Petitgirard, erstmals 1972 erschienen, wurde jetzt bei Superfly wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Somewhere Between: Mutant Pop, Electronic Minimalism & Shadow Sounds Of Japan 1980-1989
Japan in den 1980er Jahren, 14 unerhörte Songs. Zur neuen Compilation »Somewhere Between« auf Light In The Attic.
Music Review
Various Artists
Profondo Nero
Mit der Dekmantel-Compilation »Profondo Nero« beleuchtet der DJ Cinema Royale die dunkle Unterseite des Italo-Disco-Hypes.
Music Review
Witch
Introduction
Rockmusik aus Sambia: »Introduction«, das Debüt von Witch aus dem Jahr 1972, wurde bei Now-Again aufgehübscht und wiederveröffentlicht.
Music Review
Shame
Drunk Tank Pink
Wer hinter den Krach blickt, entdeckt eine Fülle an Details: die britischen Rocker Shame präsentieren mit »Drunk Tank Pink« ein neues Album.
Music Review
Biosphere
Angel's Flight
Gerade ist das Beethoven-Jahr vorüber, da veröffentlicht Biosphere mit »Angel’s Flight« auf dem »String Quartet No.14« basierende Musik.
Music Review
Various Artists
Berlin Atonal – More Light
2020 setzte auch das Berlin Atonal aus und kondensiert das geplante Programm nun in eine Compilation von außergewöhnlicher Geilheit.
Music Review
Hieroglyphics
Hiero Oldies Vol.1
Bis auf Kassette und digital erschienen, gibt es »Hiero Oldies Vol.1« der kalifornischen Rapcrew Hieroglyphics nun auch auf Schallplatte.
Music Review
Yu Su
Yellow River Blue
Auf ihrem Albumdebüt »Yellow River Blue« verfolgt die im kanadischen Vancouver beheimatete Musikerin Yu Su eine klare Idee.
Music Review
Tiziano Popoli
Burn the Night / Bruciare la Notte. Original Recordings, 1983-1989
Mit »Burn the Night / Bruciare la Notte« wird dem disparaten Schaffen des italienischen Eigenbrödlers Tiziano Popoli ein Denkmal gesetzt.
Music Review
Various Artists
Two Synths A Guitar (And) A Drum Machine
»Two Synths A Guitar (And) A Drum Machine« versammelt an die Achtziger angelehnten Post-Punk, der zum Tanzen einlädt.
Music Review
Emmanuelle Parrenin & Detlef Weinrich
Jours de Grève
Die Folklegende Emmanuelle Parrenin & Detlef Weinrich alias Tolouse Low Trax haben mit »Jours de Grève« ein wunderliches Album abgelegt.
Music Review
François De Roubaix
Les Secrets De La Mer Rouge O.S.T.
erstmals wird die Musik zur TV-Serie »Les Secrets De La Mer Rouge O.S.T.« von François De Roubaix auf Schallplatte veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Spiritual Jazz 13: NOW!
Nach einem halben Dutzend Ausgaben widmet sich »Spiritual Jazz 13: NOW!« nun den aktuellen Tendenzen des titelgebenden Genres.
Music Review
Various Artists
Cuba: Music and Revolution 1975-85
Gilles Peterson und Stuart Baker haben mit »Cuba: Music and Revolution 1975-85« die innovativen Momente der Zeit zusammengetragen.
Music Review
Conrad Schnitzler
Paracon (The Paragon Session Outtakes 1978-1979)
»Paracon (The Paragon Session Outtakes 1978-1979)« umfasst zehn unbekannte Stücke von Conrad Schnitzler aus seiner besten Phase.
Music Review
Ibrahim Khalil Shihab Quintet
Spring
Beschwingt und sonnendurchflutet: das erste Mal seit 40 Jahren wird »Spring« des südafrikanischen Ibrahim Khalil Shihab Quintets aufgelegt.
Music Review
Aminé
Limbo
Wie tief kann man gehen, ohne einzuknicken: der amerikanischer Rapper Aminé probiert’s auf seinem neuen Album »Limbo« aus.
Music Review
Badge Époque Ensemble
Future, Past & Present
Das kanadische Badge Époque Ensemble hat mit »Future, Past & Present« ein neues Albumveröffentlicht.
Music Review
Jorge Navarro
Navarro Con Polenta
Das Album »Navarro Con Polenta« des argentinischen Jazzpianisten Jorge Navarro aus dem Jahr 1977 wurde auf Altercat wiederveröffentlicht.
Music Review
Kurt Vile
Speed Sound Lonely KV (EP)
Mit »Speed Sound Lonely KV (EP)« hat Kurt Vile eine neue Platte draußen. Mit Zeitgeist hat die nichts zu tun. Was für eine Erleichterung.