Aigners Inventur – April 2018

12.04.2018
Kennt sein Passwort fürs UGHH-Forum noch auswendig und weiß, was in Zukunft die NTS-Sets dominieren wird: unser Kolumnist Florian Aigner. Ganz klar der Mann also, dem du vertrauen solltest.
MC Bomber
Gebüsch
Proletik • 2018 • ab 17.99€
»Gebüsch« ist das »American Vandal« des Deutschraps. In unverschämter Länge bereitet MC Bomber hier wieder und wieder den selben Dickjoke in neuen Facetten auf. Wir sind uns meist sicher, dass der ganze, maximal ekelhaft formulierte Natterntalk in erster Linie ein einziges elaboriertes Deutschrap-Mockumentary ist, stolpern aber doch immer wieder über die Sorgfalt, mit der hier Penäler-Humor zur Kunstform erhoben wird.

Damit ist MC Bomber teilweise gar nicht so weit entfernt von Kool Keith, der auf dem lächerlich verspäteten und eigentlich gar nicht mehr gebrauchten Nachfolger zu Dr. Octagon direkt zu Beginn von Octagon-Tampons (nochmal wäh) fantasiert und sein bestes gibt, sich in der vierten Dekade seiner Groteske nicht nur noch selbst zu persiflieren. Das gelingt auf »Moosebumps« höchstens ansatzweise, nicht nur weil Dan The Automator auch seit mindestens 15 Jahren seinen Zenit überschritten hat, sondern auch weil Q-Berts ausladende Scratch-Parts 2018 eher wie ein Requiem klingen.

Czarface & MF DOOM
Czarface Meets Metal Face HHV Exclusive Red Vinyl Edition
Silver Age • 2018 • ab 24.99€
Und nochmal Musik für Menschen, die ihre Log-In-Daten für das UGHH-Forum heute noch auswendig kennen: Ausgerechnet Czarface, dieses ohnehin schon hüftsteife Trio, bestehend aus 7L Esoteric und Inspectah Deck, schafft es den notorisch unzuverlässigen, das letzte Jahrzehnt hauptsächlich sediert rappenden Indie-GOAT der mittleren Nuller, Uns MF Doom, zu einem Album zu überreden. Natürlich ist das dann wahlweise enttäuschend oder exakt das, was man realistisch erwarten konnte.

Jean Grae & Quelle Chris
Everything's Fine
Mello Music Group • 2018 • ab 17.99€
Wesentlich interessanter hingegen die Zusammenarbeit von Jean Grae und Quelle Chris, die auf »Everything’s Fine« den Blessed-Filter der IG-Generation aufs Herrlichste parodieren, abgründige Prince Paul’eske Szenarien kreieren und nebenbei brillant rappen. Insbesondere Jean Grae, die technisch gesehen schon seit Jahrzehnten unantastbar ist, legt hier Reimketten-Bukakke-mäßig noch eine Schippe drauf. Pitchfork jubiliert, das Ganze fühle sich an wie ein Rap-Musical von Hannibal Buress. Gar nicht so weit von der Realität entfernt.

Young Fathers
Cocoa Sugar Black Vinyl Edition
Ninja Tune • 2018 • ab 20.99€
Ich schreibe das jetzt: »Cocoa Sugar« ist das ärgerlichste Album des Jahres. Bekanntlich haben die drei Schotten spätestens seit Mercury Prize und Ninja Tune ihre Schäfchen im Trockenen, aber verdammt, diese neue Young Fathers ist wirklich absoluter Vollrotz. Wahllos changierend zwischen Downtempo-Gegospel à la Chance The Rapper »Can’t Feel My Face« – Populismus und Avant R&B, kann ich mir kaum ein Album vorstellen, das so sehr nach Berufsakademie Vice klingt wie dieser degenerierte Runway-Mumpitz.

Ja ok, man könnte Smerz wahrscheinlich ähliches vorwerfen. Immerhin checken die aber, dass man für diesen wirklich hippen R&B-Scheiß immer noch besser bei »House Of Balloons« Logos und M.E.S.H klaut. Klingt jetzt abschätziger als es gemeint ist, »Have Fun« bockt schon.

Maghreban, The
01Deas
R&S • 2018 • ab 22.99€
MPC-House und ich machen immer noch eine schwierige Phase durch und wenn ich noch einmal ein gechopptes Rhodes-Sample höre, das exakt so klingt wie jede Andres-B-Seite, raste ich komplett aus. Glücklicherweise hat The Maghreban auf »01deas« noch mehr -äh – Ideen . Ob man unbedingt den vierzigtausendsten Versuch House, Bossa und Highlife zusammenzubringen braucht, sei mal dahingestellt, aber wenn Hunee dieses Frühjahr mit »Revenge« nicht Festivalbühnen von St. Petersburg bis Lima abfackelt, ist etwas schief gelaufen.

George Fitzgerald
All That Must Be Black Vinyl Edition
Domino • 2018 • ab 28.99€
Hätte ich Erwartungen gehabt, würde mich das neue George Fitzgerald Album vielleicht noch mehr aufregen als diese Young Fathers Abomination, aber dass Fitzgerald die britische Clubtradition heute in erster Linie durch das Disclosure-Prisma sieht, weiß man ja. Schade, dass »All That Must Be Back« aber auch kein gut geschriebenes Pop-Album geworden ist, sondern in erster Linie deprimierendste Cocktailbar-Belanglosigkeit.

Daniel Avery
Song For Alpha
Phantasy Sound • 2018 • ab 24.99€
Daniel Avery, ich weiß auch nicht. Klar ist »Song For Alpha« eigentlich ein wirklich gut sequenziertes modernes Techno-Album mit genug Warp -Referenzen, um sich NTS-Airplay zu verdienen und genug Wumms für B2B-Festival-Sets mit Rodhad, aber irgendwie bleibt das alles seltsam steril in seiner Bemühtheit um Ehrfurcht und Geschmäcklerei.

Mover, The
Undetected Act From The Gloom Chamber
Boidae • 2018 • ab 19.99€
Musikalisch wesentlich barscher dann natürlich das neue Album von The Mover, dem Theo Parrish (höhöhöhö) der Gabber- und Hardcore-Szene. »The Undetected Act From The Gloom Chamber« bestätigt dann auch sehr eindrucksvoll, warum das unaufhaltsame Comeback von Harcore und Gabber, laut The Mover, am besten funktioniert, wenn Elemente dieser Szenen in den Techno-Kontext übertragen werden und nicht mehr isoliert in riesigen holländischen Messehallen stattfinden. Werde ich zwar in Reinform niemals kapieren, aber die 2-3 reduzierten Schraubstock-Techno-Dinger hier drauf, sollten sich mühelos in Kobosils oder Helena Hauffs Sets integrieren lassen. Immerhin.

Borusiade
A Body
Cómeme • 2018 • ab 10.99€
Nur gewinnen kann man mit den lächerlichen 11 Euro, die für »A Body« zu investieren sind. Ein zufällig entstandenes Album, unauffällig einsortiert als Maxi, mit klarem Spannungsbogen, kryptischem Intro, zwei clever platzierten EBM-Techno-Banken und dem Spoken Word Irrsinn von »Dormant«, Borusiade ist einfach eine Tolle.

Essaie Pas
New Path
DFA • 2018 • ab 25.99€
Eigentlich auch toll: Marie Davidson die mittlerweile ganz klar größer ist als Essaie Pas. Das Projekt mit ihrem Ehemann Pierre Guérineau versucht sich auf »New Path« leider recht krampfig intellektuell zu überhöhen, in dem es den narrativen Spannungsbogen von »A Scanner Darkly« versucht musikalisch nachzuerzählen. Das geht auch deswegen schief, weil sich das Duo an ungewohnt generisch bollerndem – oh Gott, darf man das wieder sagen? – Electro Clash verhebt, anstatt wie gewohnt unverkrampft mit No Wave, Industrial und Chanson Techno zu spielen.

Steven Rutter
BrainFog
FireScope • 2018 • ab 26.99€
Ich könnte jetzt schreiben, dass B12 schon immer der ideale Kompromiss für alle waren, die Autechre zu vertrackt, Aphex Twin zu unberechenbar, Derrick May zu alt, Drexciya zu schnell und Carl Craig zu proggy fanden und nur halb daneben liegen. Wichtiger wäre aber an dieser Stelle zu betonen, wie außergewöhnlich es ist, dass die beiden Briten 2018 annähernd so tolle Musik produzieren wie vor 25 Jahren. »Brainfog«, Steven Rutters gerade veröffentlichtes Solo-Album, flirrt fiebrig durch angedubbten Post-Industrial, bleept Autoren-Techno in den Club zurück und traut sich rhythmisch alles, von Downtempo bis Stingray-Electro. Kleine Sensation, schon wieder.

Chris Carter
Chemistry Lessons Volume 1 Colored Vinyl Edition
Mute • 2018 • ab 25.99€
So, Chris Carter. Ich liebe Chris Carter. Jeder liebt Chris Carter. Und trotzdem konnte man nicht unbedingt annehmen, dass sich Carter, Ewigkeiten nach seinem letzten Soloalbum und zumindest Jahre seit der letzten wirklich relevanten Zusammenarbeit mit Cosey Fanni Tutti so furios zurückmelden würde. »Chemistry Lessons Vol.1« startet ungewohnt campy und arbeitet sich im artifiziellen Stimmengewirr in Zweieinhalbminütern Richtung Hades vor. Beeinflusst sei das von den frühen Radiphonics-Experimenten der BBC, aber eigentlich ist Carter hier sein eigener Einfluss. Wenn ich groß bin, werde ich Chris Carter.

David Byrne
American Utopia
Nonesuch • 2018 • ab 17.59€
Es fällt mir immer noch schwer irgendetwas gegen David Byrne zu sagen, viel charmanter als Byrne kann man die Post-Talking-Heads-Dekaden eigentlich nicht organisieren und von mir aus darf der David auch mit 82 noch in lachsfarbenen Blazern und entblößten Knöcheln bei Colbert Jared Kushner bemitleiden. Aber: »American Utopia« ist leider tatsächlich ein scheißiges Byrne-Album, die zwei afrofunkigen Talking Heads aus purer Nostalgie vielleicht ausgenommen. Insbesondere der semiironische Opener liegt mit seiner penetranten Kalenderspruchhaftigkeit noch so schwer im Magen, dass es wirklich schwer fällt, das hier bis zum Ende durchzustehen.

Laurie Anderson / Kronos Quartet
Landfall
Nonesuch • 2018 • ab 39.99€
Ach prima, Bushido hat es endlich in die Philharmonie geschafft. Könnte man angesichts des CCN-Covers von »Landfall« in Thumbnil-Größe zumindest kurz denken. Aber eigentlich ist Laurie Andersons Zusammenarbeit mit den Vorzeigestrebern des Kronos Quartet noch biederer. Auch hier, wie schon bei den beiden vorherigen Alben, noch der Disclaimer: Laurie Anderson ist eine Heilige, aber »Landfall« ist ein unangenehm spießiges Kammerspiel, das nur während Andersons Spoken Word Parts mal kurz die Krawatte lockert. Wer wundert sich dann noch über den Intendantenpreis für diese Platte?

Walter Verdin
Voor Adeline
Stroom • 2018 • ab 20.99€
Stroom -Alert! Was es mit »Adeline« auf sich hat, stand bereits hier und warum ich “Küchen-Wave-Noir mit einer Vorliebe dafür, alltägliche Dinge als Instrumente zu nutzen” auch 38 Jahre später für den heißen Scheiß halte, kann ich auch nicht erklären, ist aber so.

Wilde Jagd, Die
Uhrwald Orange
Bureau B • 2018 • ab 24.99€
Von Stroom zu Bureau B ist es dann nur noch ein Katzensprung. Sebastian Lee Philipp hat dort ein neues Album gemacht. Die Wilde Jagd ist mittlerweile SSFB-approved, »Wah Wah Wallenstein« ein Klassiker der Selector-Westachse und »Uhrwald Orange« wird mit seinem ausproduzierten, souverän dubbigen Spaghetti-Western-Psych-Kraut mindestens genau so erfolgreich sein. Bonuspunkte übrigens für die völlig ungenierte Delivery und Minnesang-Melodie auf der bekloppt-geilen Single »2000 Elefanten«, die ein bißchen so klingt, als hätten Rheingold den Braveheart Soundtrack gemacht.

Ich glaube Black Merlins Bali-Ausflug für Islands Of The Gods habe ich am Stück in den letzten zwei Jahren öfter gehört als jede andere neue Platte. Kein Wunder also, dass De Leons mit ihrem verspult-minimalistischen Gamelan-Tribal-Dub auf Mana hier insgeheim mein Album des Monats rauspfeffern. Kam übrigens wohl schon 2015 als Tape, aber wer diesen Winter ohne Fieberträume überstanden hat, werfe die erste Ibuprofen.