Aigners Inventur – Januar 2017

01.02.2017
Auch im neuen Jahr setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Run The Jewels, Tornado Wallace und Fjaak.
Run The Jewels (El-P + Killer Mike)
Run The Jewels 3 Gold Vinyl Edition
Run The Jewels • 2017 • ab 43.99€
Die erste Inventur des Jahres fühlt sich traditionell an wie eine Mischung aus Kehrwoche und Pfandflaschenrückgabe, eine seltsame Mischung aus im Dezember Übriggebliebenem und im Januar Versumpftem. Aber dieser Januar ist anders und es ist gut, dass ihn Killer Mike und El-P aka Run The Jewels giftig und gallig beginnen. Nicht alles was im dritten Teil der Zusammenarbeit zum politischen Klima in den USA gesagt wird, ist wirklich diskursreif, ABER: die unbändige Wut, die hier auch musikalisch clever verarbeitet wird, ist in manchen Momenten vielleicht die bessere Alternative zum professoralen Duktus, der immer noch hilflos hinter den Orangenen hinterherhinkt.

Ich könnte einer der größten Apologeten von Jadakiss und Styles P Apologeten überhaupt sein, aber selbst mir fällt kein triftiger Grund ein, warum man sich über das neue LOX Album länger als zwei Minuten freuen könnte. Produktionsmäßig irgendwo zwischen Preemo-D-Seiten, Swizz Beatz nach einer 12-Stunden-Schicht und Nottz-Belanglosigkeiten aus der der Kazaa-Ära gefangen, hilft hier selbst die zwanzigste Jadakiss-Adlib nicht mehr gegen Merkel-Mundwinkel.

Smoke DZA x Pete Rock
Don't Smoke Rock
iHipHop Distribution • 2016 • ab 14.99€
Und gleich weiter mit der Grünglas-Tonne. So sehr man sich freuen möchte, dass Pete Rock mit Smoke DZA mal wieder jemanden U-40 für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte, »Don’t Smoke Rock« ist so hüftsteif wie sein Titel. Ein Album so at odds mit allem was Rap 2017 immer noch interessant macht, dass mir das erste Mal seit zehn Jahren das gute alte Trittin-Moniker DJ Dosenpfand durchs Hirn geisterte.

Leonard Charles
Basement Donuts
Hit+Run • 2016 • ab 21.99€
Dann doch lieber die x-te »Donuts«-Weiterverwertung, dieses Mal von Leonard Charles, der J Dillas Sample-Genius in einen Liveband-Kontext verfrachtet und sich glücklicherweise traut, weit genug von den Originalen zu bleiben, um nicht völlig redundant zu werden, es gleichzeitig aber schafft die identitätsstiftenden Passagen besonders wirksam zu betonen. Tatsächlich geil, hätte ich nicht gedacht.

Bonobo
Migration Deluxe Edition
Ninja Tune • 2016 • ab 26.99€
Hmmmmpf, ich hätte Bonobo nach diesem Artikel beinahe wieder eine Chance gegeben, als Caribous nettem kleinen Bruder ohne eigenen Ideen, aber mit dem Herz am rechten Fleck; leider jedoch ist »Migration« ein Album, das den Bogen überspannt. Ein bisschen Floating Points’scher Prog House hier, ein bisschen Four Tet-Shuffle da, viel Sun-Sun-Sun-Sun, und noch mehr Dial M for Meeeeeeh: vereint man die schlechtesten Angewohnheiten seiner liebsten Produzenten, würde man hier rauskommen .

Suzanne Kraft
What You Get For Being Young
Melody As Truth • 2016 • ab 13.99€
Ein bisschen enttäuschend auch Suzanne Krafts neue EP für Melody As Truth, auch weil sich Suzanne Kraft offenbar unter keinen Umständen auf der wunderbaren Flauschigkeit des Vorgängers ausruhen möchte. So wirkt »What You Get For Being Young« unschlüssiger als die balearischen Gemütlichkeiten, die wir an dem immer noch sehr jungen Produzenten so zu schätzen gelernt haben. Anderseits: zu einem 7/8 Takt einen Powernap einzuleiten ist eine willkommene Herausforderung.

Tornado Wallace
Lonely Planet
Running Back • 2016 • ab 22.99€
Vor allem wenn man sich zu Tornado Wallace’ »Lonely Planet« rechtzeitig in die stabile Seitenlage drehen kann. In diesem ganzen Sonnenaufgangskuscheldecken-Subgenre neben der Gaussian Curve und Krafts All Denim Everything – Classic vielleicht der schönste Neuzugang zu der ganzen Rheumabad-Goodness aus vergangenen Dekaden, die uns in den letzten Jahren von den richtigen Leuten (meistens via Amsterdam) ans Herz gelegt wurde. Oh und sowohl das wavige »Today«, als auch vor allem der Americana-Trip »Voices« sind für immer immer.

Und trotzdem kommt das Album des Monats nicht aus Australien, sondern aus Schweden über Japan. Samo DJ und Maxxxbass dürfen sich auf der großartigen Snaker-Serie an einem fiktiven Soundtrack versuchen, streifen dabei Library Weirdness, pumpen kurz vor Ende doch noch schnell Trizeps-House, verlieren sich aber dazwischen wunderbar vertrippt in allerlei kuriosen elektronischen Spielereien, ohne sich viel mit nerviger Ausformulierei aufzuhalten. Beattape-Kultur im House-Kontext: immer noch unbedingt mehr davon, bitte! Da vergesse ich auch großbürgerlich den happigen Preis: »Snaker 008« fordert einen selbstbewussten Minutenlohn von gut 1,20 Euro.

Illum Sphere
Glass
Ninja Tune • 2016 • ab 18.99€
Illum Spheres Neue für Ninja Tune ist wieder so ein Könnte-Album. »Glass« könnte ein fantastisches Album sein, wenn die Prämisse eine andere gewesen wäre. So joggen Illum Spheres ausformulierte, beatlastige Stücke häufig recht beliebig durchs Mittelfeld, wohingegen die Ambient-Ausflüge verraten, dass hier jemand durchaus das Potential hat, Huerco-S die Stirn zu bieten. Nächstes Mal dann.

Shackleton & Vengeance Tenfold
Sferic Ghost Transmits
Honest Jons • 2017 • ab 27.99€
Man vergisst das ja oft wieder, aber Shackleton ist einer der Großen da draußen, ein rhythmischer Innovator, der sich eigentlich auf seinem Frühwerk ausruhen könnte, stattdessen aber ein Getriebener bleibt. Dabei klingt eh keiner so und die hundertste »Blood On The Dancefloor« Variation wäre wahrscheinlich auch neun Jahre später immer noch eine Sensation. Stattdessen sucht Shackleton immer und immer wieder die Herausforderung in der Zusammenarbeit. »Sferic Ghost Transmits« mit Vengeance Tenfold ist wieder ein polyrhythmischer Clusterfuck bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, mit Malaria-Vocals und mit … ach und mit all dem völlig Unerwarteten, was man von diesen Typen halt erwartet.

Lelelelelolololol, Giegling-Verknappungspolitik, Vinyl als Penisverlängerung, Boxset-Exzesse: aber es gibt auch Musik auf dieser Prince Of Denmark – Monstrosität, die kurz vor Jahresende noch vom Techno-Hypetrain gekippt wurde. Und die ist meist gut, schön tief und dubby, hier hat jemand seine Basic Channel-Hausaufgaben gemacht, bevor er verstohlen zu den Moby Alben griff. Maurizio und Voigt grüßen, Drexciya eh immer und bei jedem. Aber ob »8« nun endgültig die Supreme-isierung von Techno bedeutet ist die vielleicht wichtigere Frage.

Die Happy Meal-isierung von Techno kommt derweil von Fjaak, die mit ihrem grellen Flurpopulismus allerdings auch manchmal eine gute Alternative zum snobistischen Eames-Design so vieler Kollegen sein können. Da vergisst sogar Rodhad böse zu gucken und macht die Blödeleien der dauererigierten Berliner Rave-Kombo mit. Wenn das unter der Schirmherrschaft von Modeselektor doch zu sehr im Blog House Revival mündet, ist das selbstbetitelte Album am schwächsten, ansonsten bekommt man hier einfache Lösungen für schwierige Zeiten.

Austra
Future Politics Black Vinyl Edition
Domino • 2017 • ab 22.99€
Es ist ein schmaler Grat zwischen operesker Stimmgewalt und Evanescence, aber Austra habe ich bisher immer als eine der elegantesten Seiltänzerinnen diesbezüglich wahrgenommen. »Future Politics« schafft es erneut nicht das Songwriting ihres Erstling zu übertrumpfen (ist das immer noch ein Verb?), dennoch ist die Mischung aus brüchiger Verzweiflung und trotziger Wut, souverän genug für mindestens drei weitere Alben.

xx, The
I See You Black Vinyl Edition
XL Recordings • 2017 • ab 23.99€
Zum vielleicht größten Thema des Monats haben Kunze und ich ja bereits unsere Vaterinstinkte geteilt. Auch zwei Wochen später macht »I See You« ein bißchen ratlos, ist mir nun aber tatsächlich schon bei Rewe begegnet. Quod erat expectandum.

Diese Schallplatten von Aigners Inventur findest du bei hhv.de.