Leslie Winer ist der Weltstar, den niemand kennt

07.09.2021
Foto:© Francois Dymont / Light In the Attic
Björk, Grace Jones, Boy George und Sinéad O’Connor zählen zu ihren Bewunderern. William S. Burroughs war ihr Mentor. Irgendwie hat sie auch Trip-Hop erfunden. Dennoch ist Leslie Winer heute nur Insdern bekannt. Das könnte sich jetzt ändern.

Auf den ersten Blick erinnert ihre Biografie ein wenig an den Plot von »Forrest Gump« oder auch an LCD Soundsystems »Losing My Edge«: Leslie Winer war dabei, als Geschichte geschrieben wurde. Oder zumindest in der Nähe. Mit ihrem Debütalbum »Witch« nahm Winer 1990 eines der frühesten Zeugnisse des seinerzeit neuen Genres auf, das als Trip-Hop kurz darauf zum Signature Sound der 1990er Jahre werden sollte – ein Jahr, bevor mit Massive Attacks »Blue Lines« das Album erschien, das bis heute vielen als Geburtsstunde dieser Fusion von Hip-Hop mit jamaikanischem Dancehall gilt, die unter elektronischen Vorzeichen einen psychedelisch bunten Strauß von Funk-, Soul-, House- und R&B-Elementen zu integrieren verstand.

Eine Dekade zuvor war Leslie Winer laut Jean-Paul Gaultier »das erste androgyne Model«, stand vor der Kamera von Fotografen wie Helmut Newton, Irving Penn oder Pierre & Gilles. Winer war in Kampagnen von Valentino, Christian Dior und Yohji Yamamoto zu sehen, zierte Cover internationaler Modemagazine wie The Face oder Vogue. Dass sie sich dabei den Ruf erarbeite, »schwierig« zu sein – in Tokio soll sie zu jener Zeit in ausnahmslos jedem Club mit Hausverbot belegt gewesen sein –, scheint ihrer Kariere wenig geschadet zu haben. 2014 knüpfte sie erneut an ihre Modelkarriere an und ging für eine neue Kollektion von Vivienne Westwood über den Laufsteg. Die Zuschreibung »ehemaliges Supermodel« weist Leslie Winer jedoch entschieden zurück: »Was zum Teufel soll das sein? Damals gab es dieses Konzept noch gar nicht. Ich bin auch eine ehemalige fiese Alkoholikerin und ehemalige Tampon-Anwenderin, jeweils mehr als fünf Jahre lang – und mit deutlich mehr Enthusiasmus«, echauffierte sich die Künstlerin in einem ihrer seltenen Interviews.

Die coolste Frau des Planeten

Winer war auch dabei, als Jean-Michel Basquiat im New York der frühen 1980er Jahre erste Schritte in der Kunstszene von Soho unternahm, zeitweise teilten sie Tisch und Bett. Mit William S. Burroughs verband sie eine intensive Freundschaft – eine Ehre, die nur ausgesprochen wenigen Frauen zuteil wurde. Der legendäre Beat-Poet war es auch, der Winer zu ersten Schreibversuchen ermutigte, nachdem sie ihr Studium bei Konzeptkunst-Star Joseph Kosuth und der feministischen Body-Art-Künstlerin Hannah Wilke abgebrochen hatte, und wurde damit zu ihrem einflussreichsten Mentor. Zu den Musikern, mit denen sie später zusammenarbeiten würde, zählen so unterschiedliche Acts wie Björk Bill Laswell Tim Simenon (Bomb the Bass), Holger Hiller, Jon Hassell Vincent Gallo, Carl Michael von Hausswolff, Mekon, Diamond Version oder – in jüngerer Zeit – Christopher Chaplin, Jay Glass Dubs und Maxwell Sterling. Winers Songs wurden von Größen wie Grace Jones, Boy George (»She might just be the coolest woman on the planet!«) und Sinéad O’Connor interpretiert. Doch trotz der Nähe und Verbundenheit mit legendären Kunstschaffenden ist ihr Name nur einer kleinen Minderheit geläufig: In der Liste der unbekannten Weltstars gehört Leslie Winer auf jeden Fall zur Top Ten.

In der Liste der unbekannten Weltstars gehört Leslie Winer auf jeden Fall zur Top Ten.

Ende 1989 in London mit Musikern wie Ex-PIL-Bassist Jah Wobble, den Adam and the Ants-Mitgliedern Kevin Mooney, Marco Pirroni und Matthew Ashman, Helen Terry (Culture Club) sowie Karl Bonnie (Renegade Soundwave) eingespielt und zunächst nur als Whitelabel veröffentlicht, kam »Witch« erst 1993 zu einem offiziellen Release auf dem Rhythm-King-Sublabel Transglobal. Diese durch typische Plattenfirmen-Querelen bestimmte Veröffentlichungsgeschichte sowie der Umstand, dass »Witch« unter dem Moniker © erschien – wobei der Kreis im Logo des Originals eine Schlage zeigt, die sich in den eigenen Schwanz zu beißen im Begriff steht; also einem Pseudonym, das in nächster Nähe zur Anonymität eine explizite Kritik am Konzept des Copyrights formuliert –, dürften unter anderem dafür verantwortlich sein, dass Leslie Winers Debüt lediglich in Expertenkreisen Beachtung fand.

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Die Großmutter des Trip-Hop

Dort allerdings löste die Platte größte Begeisterung aus: Sean Penn soll Winers Songs, die in ihrer Mischung aus Sample-basierter Produktion und Spoken-Word-Lyrics eigentlich eher dem Trackformat entsprechen, andächtig auf seinen Barbecue-Partys zelebriert haben; der legendäre BBC-DJ John Peel bezeichnete »Witch« gar als »Definition eines versteckten Juwels«. Ob »Großmutter des Trip-Hop«, der Winer vom NME verliehene Titel, als glückliche Beschreibung des Sachverhalts gelten darf, sei indes dahingestellt. Dagegen ist schwer von der Hand zu weisen, dass Madonnas »Justify My Love«, erschienen im November 1990, sowohl im Vortragsstil als auch hinsichtlich der hypnotischen Sogwirkung der Musik, an Winers Debüt erinnert.

Begonnen hat Winers Geschichte unter denkbar ungünstigen Vorzeichen: Als Tochter einer Teenagerin in Boston geboren, wurde sie Stunden nach ihrer Geburt an einem Heiligabend Opfer einer illegalen Adoption. Man könnte auch sagen: auf einem verschneiten Parkplatz für eine Handvoll Dollar verhökert. Doch ihre Adoptivgroßmutter, bei der Winer aufwuchs, erwies sich als Glücksfall, unterstützte die musischen Anlagen und literarischen Interessen des Mädchens nach Kräften. Bereits in jungen Jahren erhielt sie Klavierunterricht, in ihrer Jugend war Winer, die seit Jahrzehnten in Frankreich lebt, wo sie fünf Töchter großgezogen hat und Mitherausgeberin des Nachlasses des Beat-Literaten Herbert Huncke ist, Teil der Jazz- und Folkszene in Boston. Bevor sie ihr Debütalbum aufnahm, war Winer zusammen mit Mooney und dessen Schulfreund John Keogh in der Formation Max zu hören – ihre Single »Little Ghost« wurde später von Boy George gecovert.

Nach »Witch« entstanden zwar weitere Alben, die jedoch zumeist im Status des mehr oder weniger Obskuren verblieben und vorwiegend als Files im Eigenverlag erschienen. »Spider«, das Aufnahmen aus den Jahren zwischen 1994 und 1997 versammelt, wurde von Helmut Lang in einer Kleinstauflage veröffentlicht, um eine seiner Shows zu bewerben. Mit dem französischen Gitarristen Christophe Van Huffel betrieb sie das Duo Purity Supreme, von dem 2011 die EP »Always Already« erschien. Ein Jahr zuvor brachte Philip Marshall auf seinem Label The Tapeworm das Winer-Album »& That Dead Horse« auf den Markt, 2012 folgte ein digitales Re-Release von »Witch« sowie die Compilation »& c.« auf The Wormhole. Mit »When I Hit You – You’ll Feel It« veröffentlichen die Reissue-Spezialisten von Light In The Attic nun eine Anthologie, die einen Überblick über drei Dekaden eines musikalischen Werks gibt, das an Unabhängigkeit und Originalität seinesgleichen sucht. Die unterschiedlichen Facetten von Leslie Winer sind heute besser dokumentiert denn je – der Wiederentdeckung ist somit Tür und Tor geöffnet. Lohnenswerteres darf man als Musikjournalist nur selten annoncieren.

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