Review

Cluster

Cluster II

Bureau B • 1972

Man kann sich bloß wundern. Aus heutiger Sicht, durch hörgewohnheitsbildende Algorithmen womöglich leicht frisiert, erscheint mehr als erstaunlich, dass Plattenfirmen vor 50 Jahren Popmusik veröffentlichten, die kaum als solche zu erkennen war, und mutmaßlich glaubten, damit ein zahlendes Publikum zu erreichen. Bei Cluster, dem Duo von Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius, war es das soeben gegründete Label Brain, auf dem sie mit ihrem zweiten Album landeten. Einen Verkaufshit landeten sie allerdings nicht. Was nicht an der Qualität der Musik im Sinn von Güte gelegen haben dürfte, an ihrem Charakter aber vermutlich schon. Wie auf ihrem Debütalbum »Cluster 71« vom Vorjahr war der für die Entwicklung des Krautrock prägende Conrad Plank als Produzent dabei. Und ähnlich der ersten Platte boten sie alles andere als Rockmusik, selbst wenn Gitarrentöne zu vernehmen sind. Dronescapes wäre vermutlich eine der treffendsten Bezeichnungen für ihren Proto-Ambient, in dem die elektronischen und akustischen Loops sich gemächlich entfalten dürfen, anbranden, abebben, ohne dass die Atmosphäre allzu maritim wäre. Ihre Echos öffnen vielmehr Räume irgendwo ins Weltall hinein oder, bei einem selbst, in unerschlossene Innenräume. Entschlacktes Hören ist dieser Tage ja durchaus mehrheitsfähig, damals war die Angelegenheit eher dazu angetan, Reaktionen wie »Das ist doch keine Musik!« zu provozieren. Die Jubiläumsausgabe kommt daher genau recht, um sich von der Langlebigkeit dieser bewussten Abkehr von angelsächsischen Vorbildern zu überzeugen. In England und den USA hat man das ohnehin viel früher zu schätzen gelernt als in Deutschland.

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Cluster
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