Bright Eyes

Down in the Weeds, Where the World Once Was

Dead Oceans • 2020

Für ein gutes Jahrzehnt hatte Conor Oberst die Welt in seiner Tasche. Unter dem Namen Bright Eyes veröffentlichte er mit einer unüberschaubaren Menge von Mitstreiterinnen eine Reihe von Alben, welche die Emo-Kids und Freak-Folk-Nerds genauso wie die Indie-Fanatics mit Hang zum Dancefloor abholten. Columbine, 9/11, der Invasionskrieg gegen den Irak: Oberst wurde zum Kanal und Ventil für US-amerikanische Großereignisse und Grundübel, die er gleichermaßen introspektiv wie exotherm – wie mit seiner Band Desaparecidos – aufnahm, einmal im Magen umrührte und dann wieder auskotzte. Als er im Jahr 2005 die beiden Alben »I’m Wide Awake, It’s Morning« und »Digital Ash in a Digital Urn« veröffentlichte, war er gerade 24 Jahre und wurde zum Bob Dylan einer haltlosen Generation gekürt, die mit Breitbandverbindung aufgewachsen war und dennoch keinen Durchblick hatte. Nachdem Oberst und seine Kolleginnen – den Kern von Bright Eyes bilden neben ihm Produzent Mike Mogis und Multiinstrumentalist Nate Walcott – im Jahr 2011 »The People’s Key« veröffentlichte, war sein Jahrzehnt aber vorüber und die Luft anscheinend raus. Er reanimierte mit mäßigem Erfolg die Desaparecidos und veröffentlichte einige Solo-Album unter seinem Klarnamen, bis Bright Eyes Anfang eines irrsinnig beschissenen Jahres und deshalb zum wohl bestmöglichen Zeitpunkt ihre Rückkehr ankündigten. »Down in the Weeds, Where the World Once Was« breitet sich nun über 14 Songs aus und scheint mit seinem – bereits vor Pandemiezeiten kommunizierten – Titel an, dass die Uhr zurückgedreht wird. Weshalb die Platte wohl auch mit Ansage und Saloon-Klängen beginnt. »Gotta keep on goin’ like it ain’t the end«, verkündet Oberst über wässrigen Schunkelakkorden, die von Streichern und Slide-Gitarren untermalt werden. Eine resignative und zugleich doch ambivalente Geste, wie sie kaum mehr on brand hätte ausfallen können und doch etwas schal wirkt. Eben auch, weil die folgenden Songs in Sound und Songwriting gehörig im existenten Repertoire herumkramen, anstatt nach neun Jahren Pause vielleicht ein, zwei neue Töne anzuschlagen. Die Vorab-Single »Mariana Trench« klingt wie eine Desaparecidos-Stück ohne Biss und mit viel Achtziger-Rock-Anleihen, »Pan and Broom« wie ein »Hotline Bling«-Aufguss im Klanggewand früher elektronischer Arbeiten Bright Eyes’ und der Rest nach feinsinnig geschichtetem, altbekanntem Bright-Eyes-Breitwand-Indie-Rock. Spätestens bei Zeilen wie »I’m not afraid of the future« lässt sich dann doch fragen, warum Bright Eyes doch vor allem in ihrer eigenen Vergangenheit raubrittern. Denn zwar mag »Down in the Weeds, Where the World Once Was« sicherlich für sein Timing – Seuche, Rezession, Klimakrise – nichts können, wirkt im Kontrast dazu trotz seiner fingetunten und austarierten Produktion etwas sehr von gestern. In diesem Jahrzehnt hat Conor Oberst die Welt wirklich nicht mehr in der Tasche, sondern holt aus der vor allem alte Tricks hervor.

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