Review

Niecy Blues

Exit Simulation

Kranky • 2023

Niecy Blues aus South Carolina behauptet von sich, während des Musizierens ihren Körper zu vergessen. Hört man sich ihr Debütalbum »Exit Stimulation« an, versteht man, was gemeint ist. Auf dem Langspieler, der ganz hervorragend aufs jenseitige Label Kranky passt, tönen R’n’B-Gesangsspuren von weit her über sparsam instrumentierte Jazzstücke. Auf »Soma« an siebter Stelle gesellt sich zu Piano-Sprenklern in der zweiten Hälfte dazu ausnahmsweise Drumming, das Niecy Blues’ körperloses Treiben auf der Erde festmacht, ihm das Geisterhafte nimmt. »U Care« zitiert mit einem ungleich seichteren Beat und verführerischer und zugleich larmoyanter Akustikgitarre Trip-Hop-Tropen, während sich Gesangsparts erst überlappen, um anschließend für sich selbst zu stehen. Gegen Ende tauchen aus dem Off noch rohe, gesampelte Gospel-Versatzstücke im Mix auf. Dieses Changieren zwischen dem Unkonkreten und dem Entschiedenen läuft weniger radikal, mit mehr Zartheit ab als etwa auf The Bugs & Dis Figs »In Blue« aus dem Jahr 2020. Das ändert auch die »Violently Rooted Reprise» nicht, auf der Niecy Blues’ Einstimmigkeit sanft zur Mehrstimmigkeit wird. Der gesangliche Zugang über den kompletten Langspieler hinweg erinnert an die herbstliche Zerbrechlichkeit Groupers, nur dass Niecy Blues im einen Moment aus dem Nebenzimmer säuselt, während sie kurz darauf knapp neben der Ohrmuschel auftaucht. Nicht nur deshalb ist »Exit Stimulation« ein facettenreiches Album voller durchdachter Ideen, das vom Bedroom-Pop bis zur avantgardistischen Cut-up-Kunst diverse Genres abruft.