Ryuichi Sakamoto

Thousand Knives Of

Wewantsounds • 2019

Mit dem kurz vocoderisierten Vortrag von »Jinggang Mountain«, einem der ersten Gedichte, die Mao Zedong 1928 in der gleichnamigen Gebirgsregion Chinas schrieb, eröffnet das Debüt von Ryuichi Sakamoto. Ziemlich genau ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung der chinesischen Roten Armee klingt »Thousand Knives Of« entgegen des Titels nicht krass avantgardistisch, sondern durchgehend eher verspielt melodisch. Blubbernde Modulation in der Manier eines Anime-Soundtracks aus den erst noch folgenden 80ern und kreischende Gitarrensoli von Kazumi Watanabe machen den Opener zu einem Motivationsstück, dessen quirliger Prog-Duktus mittlerweile sogar im Dunst von Vaporwave wieder aufgetaucht ist. Inspirationen des deutschen Kraftwerks waren zur damaligen Zeit natürlich kaum zu leugnen, was im robotisch texturierten »Das Neue Japanische Elektronische Volkslied« ebenso prominent zur Geltung kommt, wie im darauffolgenden »Plastic Bamboo«. Es fiept und gluckert, dräuselt und boingt, klackt und summt nur so vor sich hin – doch trotz seiner Diversität passt dieses synthetisierte Soundpuzzle an allen Ecken und Enden überraschend gut zusammen. Noch heute wäre so etwas ein kleines Kunststück, damals war es bahnbrechend. In den Arrangements von »Island Of Woods«, das die Fauna und Flora eines random Biotops zu imitieren sucht, treten aber auch Einflüsse von Claude Debussy sehr deutlich hervor. Atmosphäre trotz limitierter Möglichkeiten analoger Gerätschaften so lebendig zu entwerfen wie im abschließenden »The End Of Asia« – das haben selbst mit modernster Software erst wenige ähnlich präzise fertiggebracht. Für den Japaner waren die Aufnahmen seiner »Thousand Knives« dementsprechend ein produktionstechnischer Kraftakt, passend benannt nach dem durch Henri Michaux in den 50ern geschilderten Erlebnis einer Meskalin-Überdosis, von der er sich erst nach Monaten erholte. Jener Trip findet hier jedenfalls in seiner desorientierenden Qualität eine auditiv luzide Entsprechung. Während der folgenden Jahrzehnte profilierte sich Ryuichi Sakamoto noch durch Alben wie »1996« und Kollaborationen mit Alva Noto, Fennesz oder Taylor Deupree im Bereich Post-Minimalismus, Glitch und Ambient, bewies aber schon durch diese erste Arbeit sein herausragendes Gespürs für unkonventionelle Arrangements.

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