Selda Bağcan

Selda

Pharaway Sounds • 2021

Dass traditionell anatolische Volksmusik und westlicher Psychedelic Rock eine nahezu suchterregende Mischung ergeben, stellen aktuelle Künstlerinnen und Bands wie Derya Yıldırım oder Altın Gün unter Beweis. Doch diese Fusion hat eine Geschichte, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert hinein reicht, und in der Selda Bağcan eine der Protagonistinnen ist. Wo bei vielen Beispielen der Kontext einem ein wenig Geek-Wissen beschert, ist er bei »Selda« essenziell. Das Album stützt sich auf die Tradition der sogenannten aşıkler, einer Bezeichnung für Geschichtenerzählerinnen und Volksmusikerinnen. Besonders in den 1970er Jahren in der Türkei präsent, repräsentierten sie eine Rebell-Figur der politischen Linke besonders für die Bevölkerung ländlicher Gebiete. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von »Selda«, 1973, stand die Musikerin aus Ankara schon im Visier der Behörden. In einem Land, das von politischen Unruhen und Coups geprägt war, wurde sie wie viele ihrer Mitstreiter*innen politisch verfolgt. Zwischen 1972 und 1992 wurde sie mehrfach verhaftet, ihr der Zugang zu Radio und Fernsehen verwehrt und ihr Pass konfisziert. Bağcan verbindet auf »Selda« ganz in der aşık Tradition Liebes- und politische Klagelieder. Sie singt für das unterprivilegierte Volk – besingt ihre Begierden und Leiden, besonders die Armut – und gegen den Klassismus. Mit Melancholie in ihrer klirrend klaren Stimme widmet sich Selda Bağcan in Tracks wie »Nasırlı Eller« den Opfern eines Minenunglücks. Westlich andeutende Songstrukturen und Instrumentation mit Bläsern und Streichern sind dominant. Ins Gegenteil schwenkt »Gine Haber Gelmiş«. Nur von einer Bağlama begleitet, die in Schleifen schlingert, wendet sich Bağcan Herzschmerz zu. Interessant dabei, dass besonders die anatolischen Instrumente und Gesangstil Bağcans den Songs einen unwiderstehlich hypnotischen und somit psychedelischen Charakter verleihen. »Selda« ist ein Album, dass nicht nur durch die musikalischen Vermischungen Spaß beim Zuhören beschert, sondern auch als Zeitdokument Einblicke in ein traditionsreiches Genre wirft.

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