Die Kurve steht für Prozesse statt Zustände: Bewegung, Zeit, Erwartung, Vergänglichkeit. Werden statt Sein. Genau das verhandelt L. Jacobs auf seinem zweiten Album, fünf Jahre nach Enthusiasm (2021, W.E.R.F.). Jacobs kommt aus der Genter Szene: Mit Mattias De Craene und Simon Segers (Black Flower) verbindet ihn das Projekt MDCIII; für Behind the Great Curve holt er sich Milan W. als Co-Produzenten sowie Joachim Badenhorst (Klarinette) und Sarah Yu Zeebroek (Gesang) dazu.
Der Einstieg ist denkbar karg: ein Klarinettenton im Loop, fließendes Wasser, irgendwo Kinderstimmen. Wenig Material, viel Bild – das erinnert an Kankyō Ongaku, jene japanische Umgebungsmusik der Achtzigerjahre, bei der Klang sich in Architektur und Alltag einschreibt, statt sich aufzudrängen. Auch der Titel verrät die Richtung: »Talk to Mt. Inari«, benannt nach dem Kyōto-Berg, dessen Pilgerweg sich durch Tausende Torii über 10.000 Stufen windet – die Kurve, bereits im Auftakt gesetzt. Es folgen Zustände, keine Geschichten. Einzelne Farbkleckse. Erst mit »A Joyous Whistle« kippt das Bild: Aus dem Pfeifen wird Erzählung, aus Farbe wird Linie, die Instrumente beginnen, miteinander statt nebeneinander zu spielen. Ganz im Stil Ennio Morricones wird hier das Gespür hörbar, mit minimalem Material maximale Bilder zu transportieren.
Nach 36 Minuten wird klar: Wer fragt, was hinter der Kurve liegt, stellt die falsche Frage. Nämlich eine, die nur ein Ziel sucht, wo ein Prozess liegt. Behind the Great Curve beschreibt nicht das, was kommt, sondern das, was bereits zurückliegt. Einen Trost, der sich nicht erklärt, sondern einstellt. Kein Sein. Ein Werden.

Behind The Curve