Review

John Taylor, Norma Winstone, Kenny Wheeler

Azimuth

ECM • 1977

In der Reihe Luminessence wählt das Label ECM Werke aus seiner über 50-jährigen Geschichte aus, um sie auf Basis der originalen analogen Masterbänder in optimaler Klangqualität und mit fundierten Liner-Notes im hochwertigen Gatefold-Cover neu zu veröffentlichen. Hört man diese Musik heute, ist man erstaunt, wie weit sie ihrer Zeit voraus ist, wie dehnbar das Genre Jazz ist. Das gilt auch für »Azimuth«, ein Album mit sechs Stücken, aufgenommen im März 1977 im Osloer Talent Studio von John Taylor, Norma Winstone und Kenny Wheeler. Hier ist vieles anders. Azimuth, wie sie sich in den fast 25 Jahren ihres Bestehens auch als Trio nannten, verzichten komplett auf Bass und Schlagzeug, also auf das rhythmische Fundament des Jazz. Stattdessen setzen sie auf Klavier und Synthesizer (Taylor), Stimme (Winstone), Trompete und Flügelhorn (Wheeler). Kenny Wheeler nimmt sich dabei zurück, tupft in seinem Spiel oft nur Akzente. Die entstandenen Leerstellen füllt ein Synthesizer, der eine ganz neue Welt eröffnet. Eine Öffnung des Jazz hin zu Loops und anderen Texturen der elektronischen Musik, zur ambienter New-Age-Musik, wie sie zehn Jahre später ihren Höhepunkt erreichen sollte, zur Minimal Music eines Steve Reich oder Terry Riley. Norma Winstone färbt die Muster mit ihrer Stimme, oft wortlos. So jedenfalls auf den beiden zentralen Stücken, dem zwölfeinhalbminütigen »Azimuth« und dem über neunminütigen »The Tunnel« (ein Stück, das in letzter Zeit von Musikern wie Floating Points oder auch Drake wiederentdeckt wurde). Ganz am Anfang und ganz am Ende, »Siren’s Song« und das wunderschöne »Jacob«, sind im Vergleich dazu Jazz im »klassischen« Sinne. Also schon in Anführungszeichen. Aber sie setzen eine Klammer. Sie nehmen uns an die Hand. Führen uns in und aus einer Welt, die das Freie und Transzendente feiert. Was anderes macht Jazz? »Azimuth« ist ein großartiges Album.