Die Streicher auf dem Opener »The Age Of Innocence« lassen an Kate Bushs Opus magnum von einer Traumreise denken. Tatsächlich täte man Ana Roxanne völlig Unrecht damit, eindimensionale Vergleiche zu ziehen. Auf Poem 1 tummeln sich nämlich unzählige bewundernswerte Facetten schwerer Stimmungen. »Berceuse in A-Flat Minor, Op. 45«, zu Deutsch »Wiegenlied«, ist ein samtenes, getragenes Pianostück, in dem Roxannes glockenklare Stimme exakt jene Geborgenheit spendet, die man als Kind zwischen den Laken suchte.
Auf »Keepsake« trauert Roxanne einer unerreichbaren Person nach, thematisiert Verlustangst, der sie mit einem Andenken beizukommen sucht. Nach spätestens drei Songs ist damit klar: Dieses Album nimmt sich der schweren Themen im Leben an, aus der Perspektive einer intersexuellen Person, wohlgemerkt. Ana Roxanne gelingt das mit berührendem Ernst, mit einer Gravitas, die das wahrhaft Schöne braucht.
Die Instrumentalnummer »X« an vierter Stelle weckt Assoziationen mit japanischer Environmental Music, ein konstantes Brummen mit minutiös gesetzten Tonfolgen – ein wenig Zeit, um das Gehörte wirken zu lassen. Auf »Untitled II« singt Roxanne über sanft gestrichenes Besen-Jazz-Drumming, Streicher docken später entweder an fernöstliche oder Folk-Musiktraditionen an, Helena Delands jüngste Großtaten in diesem Bereich oder gar Portishead kommen in den Sinn. »One Shall Sleep« zieht ein weiteres Register: Roxanne zeigt darin über einem opulenten Streicherbett die Schönheit der Welt: »Everywhere lies heaven’s wondrous blue.« Ergriffener kann man nicht aufwachen.

Poem 1

